Thursday 26. May 2016
17. January 2013

"Wie kommen wir in der Ökumene weiter?"

Anmerkungen zum Stand der Ökumene vom Innsbrucker Bischof Manfred Scheuer

Ökumene ist eine Dynamik und eine geistgewirkte Bewegung, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil als "Zeichen der Zeit" qualifiziert wird (Unitatis Redintegratio 1.2). Es gilt ernst zu machen mit der Tatsache, dass wir in der getrennten Christenheit mehr haben, was uns untereinander verbindet als was uns trennt. Josef Ratzinger hatte 1986 die Formulierung gebraucht, man müsse "die bestehende Einheit operativ machen".

 

Diese Anregung hat eine doppelte Stoßrichtung: Zum einen müssen Unterschiedlichkeiten im Sinne des differenzierten Konsenses miteinander versöhnt werden, also als sich nicht gegenseitig ausschließende, wohl aber komplementär ergänzende Aspekte der gemeinsamen Einsicht in das Mysterium Christi verstanden werden. Dies hat in vorbildlicher Weise die "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigung" versucht.

 

Zum anderen hat diese Option natürlich auch den Sinn, unnötige und vom Zentrum des Glaubens wegführende Ausformungen konfessionellen Eigenlebens zurück zu schneiden. Nicht alles, was in der kirchlichen Frömmigkeitspraxis und in der Ausgestaltung kirchlichen Lebens uns zugewachsen ist, muss bewahrt werden.

 

Das Antlitz Jesu erscheint wieder in all den geschundenen Lebewesen, die unter Formen der Leben vernichtenden Gewalt leiden. Der Schrei nach Gerechtigkeit, die Sorge um den Erhalt der Lebensmöglichkeiten, der Widerstand gegen Gewalt gehören zum innersten Auftrag der Ökumene.

 

Ökumene, das ist gemeinsames Zeugnis: "Vor der ganzen Welt sollen alle Christen ihren Glauben an den einen dreifaltigen Gott, an den Mensch gewordenen Sohn Gottes, unsern Erlöser und Herrn, bekennen und in gemeinsamem Bemühen in gegenseitiger Achtung Zeugnis geben für unsere Hoffnung, die nicht zuschanden wird. Da in heutiger Zeit die Zusammenarbeit im sozialen Bereich sehr weit verbreitet ist, sind alle Menschen ohne Ausnahme zu gemeinsamem Dienst gerufen, erst recht diejenigen, die an Gott glauben, am meisten aber alle Christen." (Unitatis Redintegratio, 12)

 

Zeugnis im diakonischen, caritativen und auch im politischen Bereich. Denn Ökumene, Christus-Gedächtnis im Geist hat eine zutiefst diakonische, karitative Dimension. 1998 hat der Ökumenische Rat der Kirchen eine Dekade zur Überwindung von Gewalt unter den Geschöpfen ausgerufen (2001-2010). Das Antlitz Jesu erscheint wieder in all den geschundenen Lebewesen, die unter Formen der Leben vernichtenden Gewalt leiden.

 


» Tipp: Dossier zur "Weltgebetswoche für die Einheit der Christen"


 

Die schöpfungstheologisch begründete Ethik, der Schrei nach Gerechtigkeit, die Sorge um den Erhalt der Lebensmöglichkeiten, der Widerstand gegen Gewalt gehören zum innersten Auftrag der Ökumene. Im Sozialwort des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich suchen die Kirchen Orientierung zu geben für ein sozial engagiertes Christentum, das sich gemeinsam den Herausforderungen der Gesellschaft stellt.

 

Zentral für einen geistlichen Ökumenismus ist das Gebet um die Einheit und das gemeinsame Gebet um die Einheit (Unitatis Redintegratio 4.1). Beten um Einheit, das darf zuallererst und zuletzt verbunden sein mit dem Dank an Gott: Das ökumenische Miteinander vermittelt eine Ahnung vom großen Reichtum des konfessionell geprägten Glaubenslebens. In allen Unterschieden und auch Spannungen ist es ein gegenseitiges Geben und Empfangen, des gemeinsamen Betens und Feiern, des Hörens auf die Schrift, des Lernens vom anderen. In der Ökumene des Lebens, d. h. im diakonischen Handeln, im missionarischen Wirken und in den Feiern des Glaubens wird die Verbundenheit gelebt.

 

Zu Umkehr und Buße in der Ökumene gehört das klare Bewusstsein der Sünde der Spaltung, der andauerenden Sünde, zumindest der Wunde und Verwundung durch die andauernde Spaltung.

 

Damit hängt eng zusammen: Die Ökumene braucht die je eigene Umkehr und Buße der Christen und der Kirche insgesamt. Zentral für einen geistlichen Ökumenismus ist die Reue über die Verfehlungen, Grausamkeiten, Herzensfehler und Fehlhaltungen in der Vergangenheit. Johannes Paul II. hat in seiner Vergebungsbitte im Jahr 2000 von einer "Reinigung des Gedächtnisses" gesprochen.

 

Zu Umkehr und Buße in der Ökumene gehört das klare Bewusstsein der Sünde der Spaltung, der andauerenden Sünde, zumindest der Wunde und Verwundung durch die andauernde Spaltung. Man könnte auch vom ökumenischen "Dialog der Bekehrung" sprechen: "Diese Bekehrung des Herzens und die Heiligkeit des Lebens ist in Verbindung mit dem privaten und öffentlichen Gebet für die Einheit der Christen als die Seele der ganzen ökumenischen Bewegung anzusehen; sie kann mit Recht geistlicher Ökumenismus genannt werden" (Unitatis Redintegratio 8). Ohne Selbstevangelisierung der Kirchen hat die Ökumene keine tragfähigen Grundlagen. Ziel der Umkehr ist die Bekehrung zu Christus und die Erneuerung durch Christus.

 

Im ökumenischen Miteinander gilt es den ökumenischen Partner nicht als Konkurrenten, als Gegner oder Feind zu betrachten, sondern als noch getrennten Bruder und Schwester auf der Basis der gemeinsamen Taufe, die uns zu Christen macht, einander sakramental, d.h. in Gottes Kraft verbindet und in die Gemeinschaft der Kirche einbindet, auch wenn diese noch verschieden verstanden wird.

 

"Habe ich einen Freund oder Vertrauten in der anderen Kirche? Dann kann ich nicht mehr in cumulo oder Bausch und Bogen die anderen ablehnen, sondern weiß aus Erfahrung, welche Frucht aus ihrem Glauben, ihrer Gemeinschaft wächst."

 

Wichtig ist eine Gesprächskultur, in welcher der ökumenische Partner jeweils zuhören kann und sich verstanden fühlt, in seinem Selbstverständnis ernst genommen be- und geachtet als Subjekt, das selbst entscheidet (nicht über das entschieden wird). Im Dialog entsteht eine Gemeinschaft der Beziehung, des sich Verstehens, der Verbundenheit, auch wenn kein Konsens zustande kommt.

 

In der Ökumene dürfen wir den jeweils anderen im Lichte Christi sehen. Der gemeinsame Blick auf Christus regelt das Miteinander neu. Ökumene wächst, wenn der Reichtum der Gaben des anderen seine Charismen und Stärken rezipiert werden.

 

Schließlich: Habe ich einen Freund oder Vertrauten in der anderen Kirche? Dann kann ich nicht mehr in cumulo oder Bausch und Bogen die anderen ablehnen, sondern weiß aus Erfahrung, welche Frucht aus ihrem Glauben, ihrer Gemeinschaft wächst! Dann habe ich dann jemanden, den ich inoffiziell, vertrauensvoll fragen kann, wenn ich etwas bei den anderen nicht verstehe, wenn mir etwas bei ihnen aufstößt oder mich ärgert oder zum Anstoß wird. Und: Bin ich für jemanden anderen aus einer anderen Kirche eine solche Vertrauensperson in der katholischen Kirche?

 

Manfred Scheuer

Bischof von Innsbruck

Referent für Ökumene in der Österr. Bischofskonferenz

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