Wednesday 25. May 2016
26. November 2013

Programm zur missionarischen Kirchenreform

Erwartet wurde mit "Evangelii Gaudium" ein Schreiben zum Ende des "Jahres des Glaubens", was aber kam, war der Leitfaden für ein ganzes Pontifikat.

Papst Franziskus hat um Religionsfreiheit für die Christen in islamischen Ländern gebeten, so wie auch Muslime in der westlichen Welt Freiheiten genössen. Die Christen müssten islamische Einwanderer "mit Zuneigung und Achtung aufnehmen", forderte er in seinem Lehrschreiben "Evangelii gaudium" vom Dienstag. Gleichzeitig hoffe er auf eine solche Haltung gegenüber Christen in den Ländern islamischer Tradition. "Bitte! Ich ersuche diese Länder demütig darum, in Anbetracht der Freiheit, welche die Angehörigen des Islam in den westlichen Ländern genießen, den Christen Freiheit zu gewährleisten, damit sie ihren Gottesdienst feiern und ihren Glauben leben können."

 

Angesichts von Zwischenfälle durch einen gewalttätigen Fundamentalismus müsse "die Zuneigung zu den authentischen Anhängern des Islam uns dazu führen, gehässige Verallgemeinerungen zu vermeiden", schreibt der Papst. Denn der wahre Islam und eine angemessene Interpretation des Korans stünden jeder Gewalt entgegen.

 

In seinem Lehrschreiben wies Franziskus darauf hin, dass sich die Muslime "zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten, den barmherzigen, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird". Die heiligen Schriften des Islam bewahrten "Teile der christlichen Lehre; Jesus Christus und Maria sind Gegenstand tiefer Verehrung". Franziskus würdigte die Gebetspraxis der Muslime und ihren ethischen Einsatz in Barmherzigkeit für die Ärmsten. Ein Dialog mit dem Islam setze freilich eine entsprechende Bildung und Erfahrung der Gesprächspartner voraus, hob er hervor.

 

Mehr Dezentralisierung in der Kirche

 

Papst Franziskus hält eine "heilsame Dezentralisierung" in der katholischen Kirche für erforderlich. "Es ist nicht angebracht, dass der Papst die örtlichen Bischöfe in der Bewertung aller Problemkreise ersetzt, die in ihren Gebieten auftauchen," betonte er in den Lehrschreiben "Evangelii gaudium" vom Dienstag. Man könne seiner Ansicht nach vom päpstlichen Lehramt keine endgültige oder vollständige Aussage zu allen Fragen erwarten, welche die Kirche und die Welt betreffen. Von daher "spüre ich die Notwendigkeit, in einer heilsamen Dezentralisierung voranzuschreiten", so der Papst. Denn eine übertriebene Zentralisierung kompliziere das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen.

 

Mehr Kompetenzen für Bischofskonferenzen

 

Im Lehrschreiben bekundet der Papst, die Rolle der Bischofskonferenzen stärken zu wollen. Sie bräuchten "mehr konkrete Kompetenzbereiche, einschließlich einer gewissen authentischen Lehrautorität". Die Konferenzen könnten eine "vielfältige und fruchtbare Hilfe" leisten, allerdings seien die entsprechenden Satzungen bislang noch nicht deutlich genug formuliert, sagte der Papst. Sie könnten ein stärkeres Element der Kollegialität sein. "Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen", so der Papst.

 

Räume für Frauen in der Kirche öffnen

 

Mit Blick auf die Frauen hat Papst Franziskus mehr Tätigkeitsfelder und Aufgaben in der Kirche gefordert, eine Zulassung zum Priesteramt für sie jedoch ausgeschlossen. Ihr Beitrag sei unentbehrlich, und er sehe "mit Freude, wie viele Frauen pastorale Verantwortungen gemeinsam mit den Priestern ausüben", betonte er in seinem Lehrschreiben "Evangelii gaudium". Sie leisteten ihren Beitrag zur Begleitung von Einzelnen, von Familien oder Gruppen und gäben neue Anstöße zur theologischen Reflexion".

 

Das den Männern vorbehaltene Priestertum sei "eine Frage, die nicht zur Diskussion steht", auch wenn sie "Anlass zu besonderen Konflikten geben, wenn die sakramentale Vollmacht zu sehr mit der Macht verwechselt wird", führte der Papst aus. Aber wenn es um priesterliche Vollmacht gehe, dann bewege man sich "auf der Ebene der Funktion und nicht auf der Ebene der Würde und der Heiligkeit", stellte der Papst klar. Das Amtspriestertum sei von Jesus als Dienst eingesetzt worden, aber "die große Würde kommt von der Taufe, die allen zugänglich ist". In der Kirche begründeten Funktionen "keine Überlegenheit der einen über die anderen". Die Gottesmutter Maria etwa sei bedeutender als die Bischöfe.

 

Dreh- und Angelpunkt des Amtspriestertums sei nicht eine "als Herrschaft verstandene Macht, sondern die Vollmacht, das Sakrament der Eucharistie zu spenden; darauf beruht seine Autorität, die immer ein Dienst am Volk ist." Und weiter schreibt der Papst: "Hier erscheint eine große Herausforderung für die Hirten und für die Theologen, die helfen könnten, besser zu erkennen, was das dort, wo in den verschiedenen Bereichen der Kirche wichtige Entscheidungen getroffen werden, in Bezug auf die mögliche Rolle der Frau mit sich bringt."

 

Franziskus bekräftigt Nein zur Abtreibung

 

Die katholische Kirche hält nach Worten von Papst Franziskus an ihrem entschiedenen Nein zur Abtreibung fest. "Ich möchte diesbezüglich ganz ehrlich sein: Dies ist kein Argument, das mutmaßlichen Reformen oder Modernisierungen unterworfen ist", betonte er in seinem Lehrschreiben "Evangelii gaudium". "Es ist nicht fortschrittlich, sich einzubilden, die Probleme zu lösen, indem man ein menschliches Leben vernichtet." Zugleich fordert der Papst aber auch mehr Begleitung von Frauen in Notsituationen.

 

"Es trifft auch zu, dass wir wenig getan haben, um die Frauen angemessen zu begleiten, die sich in sehr schweren Situationen befinden, wo der Schwangerschaftsabbruch ihnen als eine schnelle Lösung ihrer tiefen Ängste erscheint", führte das Papst aus. Das gelte ganz besonders, wenn das wachsende Leben Folge einer Gewalt oder im Kontext extremer Armut entstanden ist. "Wer hätte kein Verständnis für diese so schmerzlichen Situationen?", so der Papst

 

Zu den Schwachen, deren sich die Kirche besonders annehmen muss, gehörten auch die ungeborenen Kinder, führte der Papst aus. "Sie sind die Schutzlosesten und Unschuldigsten von allen, denen man heute die Menschenwürde absprechen" wolle, indem man ihnen das Leben nehme und Gesetzgebungen fördere, die entsprechende Verbote unterbänden. Franziskus bedauerte, dass der Einsatz der Kirche für die Ungeborenen oft ins Lächerliche gezogen und als etwas Ideologisches, Rückschrittliches, Konservatives dargestellt würde. "Und doch ist diese Verteidigung des ungeborenen Lebens eng mit der Verteidigung jedes beliebigen Menschenrechtes verbunden. Sie setzt die Überzeugung voraus, dass ein menschliches Wesen immer etwas Heiliges und Unantastbares ist, in jeder Situation und jeder Phase seiner Entwicklung."

 

Klage über Streitigkeiten in der Kirche

 

Papst Franziskus hat interne Spannungen innerhalb der katholischen Kirche beklagt und mehr Glaubwürdigkeit und Integrität von ihren Mitgliedern verlangt. "Darum tut es mir so weh festzustellen, dass in einigen christlichen Gemeinschaften und sogar unter gottgeweihten Personen Platz ist für verschiedene Formen von Hass, Spaltung, Verleumdung, üble Nachrede, Rache und Eifersucht ist", heißt es in seinem am Dienstag veröffentlichten Lehrschreiben. Auch registriere er mitunter das Bestreben, "die eigenen Vorstellungen um jeden Preis durchzusetzen, bis hin zu Verfolgungen, die eine unversöhnliche Hexenjagd zu sein scheinen. Wen wollen wir mit diesem Verhalten evangelisieren?", fragt der Papst.

 

Es sei mitunter schwierig, Menschen zu Vergebung und Versöhnung aufzurufen, die tief verletzt seien. Heilsam sei hier das Vorbild und das Zeugnis einer "brüderlichen und versöhnten Gemeinschaft". Allerdings sollte dieses Beispiel nicht entstellt werden, so Papst Franziskus.

 

"Authentischer Glaube will Welt verändern"

 

In seinem Kern verweist der Glaube auf eine "soziale Verpflichtung" - oder anders gesagt: "Ein authentischer Glaube (...) schließt immer den tiefen Wunsch ein, die Welt zu verändern": Im nun vorgelegten Schreiben "Evangelii Gaudium" stellt Franziskus den christlichen Glauben klar unter den Primat einer Praxis. Für den Papst kann es keine Evangelisierung geben, die die "Option für die Armen" nicht beachtet. "Wie die Kirche von Natur aus missionarisch ist, so entspringt aus dieser Natur zwangsläufig die wirkliche Nächstenliebe, das Mitgefühl, das versteht, beisteht und fördert", so der Papst. Schließlich lehre das Evangelium, dass jeder Einsatz für den anderen "eine transzendente Dimension" habe, ein soziales bzw. solidarisches Handeln also über sich selbst hinausweise.

 

Eine Beschränkung von Religion "auf den Privatbereich" ist somit für Papst Franziskus nicht denkbar. Alle Christen - "auch die Hirten" - seien berufen, "sich um den Aufbau einer besseren Welt zu kümmern" und so zum "Werkzeug Gottes für die Befreiung und die Förderung der Armen" zu werden. Wer diesem "Schrei" gegenüber taub bleibe, entferne sich vom Willen Gottes.

 

Zugleich plädiert der Papst für eine begriffliche Ausweitung des Terminus "Arme": Dazu zählten ebenso Migranten, aber auch Menschen in Abhängigkeitsverhältnissen (moderne Sklaverei) und das schutzlose, ungeborene Leben überhaupt.

 

"Nein zur neuen Vergötterung des Geldes"

 

Die Praxis, die die "Option für die Armen" fordere, dränge durchaus auch darauf, die "strukturellen Ursachen der Armut zu beheben". Und Franziskus macht keinen Hehl daraus, diese Ursachen beim Namen zu nennen: So seien etwa die "absolute Autonomie der Märkte und der Finanzspekulation" ebenso Schuld daran, wie die "Ungleichverteilung der Einkünfte" insgesamt. Darin sehe er "die Wurzel der sozialen Übel" überhaupt. Der Papst sagt ein explizites "Nein zur neuen Vergötterung des Geldes" und schreibt wörtlich: "Die Anbetung des antiken goldenen Kalbs hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel." Die gegenwärtige Finanzkrise habe ihre tiefe Ursache in der "Leugnung des Vorrangs des Menschen".

 

Ebenso wie das Gebot "Du sollst nicht töten" eine deutliche Grenze zur Sicherung des menschlichen Lebens setze, müsse heute "Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen" gesagt werden. "Diese Wirtschaft tötet", so Franziskus. Er nennt es "unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht". Hinter dieser Haltung verberge sich "die Ablehnung der Ethik und die Ablehnung Gottes".

 

Privatbesitz muss Gemeinwohl nützen

 

Den Finanzexperten und den Regierenden der verschiedenen Länder legt der Papst die Worte eines "Weisen des Altertums", des heiligen Johannes Chrysostomus, ans Herz: "Die eigenen Güter nicht mit den Armen zu teilen bedeutet, diese zu bestehlen und ihnen das Leben zu entziehen. Die Güter, die wir besitzen, gehören nicht uns, sondern ihnen." Privatbesitz rechtfertige sich durch dessen Nutzen für das Gemeinwohl; "deshalb muss die Solidarität als die Entscheidung gelebt werden, dem Armen das zurückzugeben, was ihm zusteht".

 

Sich gegen Ausschließung und soziale Ungleichheit in der Gesellschaft und unter den verschiedenen Völkern zu engagieren nützt nach der Überzeugung des Papstes auch den derzeit Begünstigten. Denn ohne deren Beseitigung werde es "unmöglich sein, die Gewalt auszumerzen". Soziale Ungleichheit erzeuge "früher oder später eine Gewalt, die der Rüstungswettlauf nicht löst, noch jemals lösen wird", warnt Franziskus.

 

Zur praktisch gelebten "Option für die Armen" gehöre auch, sich selbst von den Armen belehren, ja, "evangelisieren" zu lassen: "Sie haben uns vieles zu lehren. Sie haben nicht nur Teil am sensus fidei, sondern kennen außerdem dank ihrer eigenen Leiden den leidenden Christus."

 

Quelle: Kathpress
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