Saturday 27. August 2016
17. January 2014

Lackner: Reformdebatte ja, aber Focus auf Seelsorge

Neuer Salzburger Erzbischof in Interviews zur Zölibatsdebatte und die Bringschuld der Kirche gegenüber geschiedenen Wiederverheirateten

Für eine Kirche, die den Menschen nachgeht und ihre Sorgen ernst nimmt, sich zugleich aber auch einem breiten Diskussionsprozess über Reformen nicht verschließt, steht der neue Salzburger Erzbischof Franz Lackner. Bei aller Diskussionsbereitschaft warnt er gleichzeitig vor vorschnellen oder einseitigen Reformen, etwa hinsichtlich des Pflichtzölibats. Das ist die Quintessenz zahlreicher Interviews des Erzbischofs in den heimischen Medien, die am Mittwoch/Donnerstag veröffentlicht wurden.

 

Die Zölibatsfrage ist für den neuen Salzburger Erzbischof eine, "die diskutiert werden kann und muss", wie er im APA-Interview betonte. Er müsse aber zwischen sich selbst und dem, was allgemeingültig sei, unterscheiden. "Hier bin ich Partei geworden, weil ich so viel investieren musste. Es war zuweilen ein Kampf auf Biegen und Brechen. Und wenn man für so etwas so viel investiert, dann ist einem das auch wertvoll geworden."

 

Ihm falle aber auf, dass es in der Diskussion um den Zölibat vielfach nur darum gehe, "das einfach zu ändern. Aber wenn man etwas ändern will, dann muss man das Gute, wofür das Alte gestanden hat, mit hinübernehmen." In diesem Fall sei das die "totale Verfügbarkeit für Gott und die Menschen".

 

Seiner Ansicht nach würde die Aufhebung des Zölibats keine Win-Win-Situation bringe, meinte der Erzbischof. "Die Kirche ist angeschlagen, vergleichbar mit einem Körper, der ein paar Schrammen abbekommen hat. Das wäre eine schwere Operation. Vielleicht macht es Papst Franziskus auch, ich weiß es nicht, aber wir würden über Jahre hindurch mit uns selbst beschäftigt sein. Doch Franziskus sagt, geht zu den Menschen hinaus und hört auf, euch um euch selber zu drehen."

 

Große Not bei wiederverheirateten Geschiedenen

 

Den Ausschluss von wiederverheirateten Geschiedenen von Kommunion und Beichte bezeichnete Lackner als "große Not, Änderungsbedarf ist da". In dieser Frage versage die Kirche nicht nur auf der höchsten Ebene, sondern auf allen Ebenen, etwa in der Pfarrgemeinde. "Werden diese Leute, die so etwas zu durchleiden haben, wirklich seelsorglich betreut?" Betroffene würden leiden, weil sie mit niemandem darüber sprechen können.

 

Im "Standard" legte Lackner nach: "Wir müssen einmal sprachfähig werden für diese Menschen. Dass sie das Vertrauen haben und kommen um zu reden. Solche Impulse werde ich setzten. Wir müssen da etwas lernen in Anbetracht, dass es so viele Menschen betrifft und ich kenne es aus meinem eigenen Bekanntenkreis und meiner Familie."

 

Es bräuchte dringend so etwas wie eine Theologie des Scheiterns, forderte der Erzbischof: "Meine Botschaft ist, wir müssen auf allen Ebenen unsere Hausaufgaben machen. Pastoral vor Ort, auf Bischofsebene, Theologie, Rom. Mir ist es noch nie gelungen, zu geschiedenen Menschen zu gehen und ihnen zu erklären, dass sie zur Kirche dazugehören. Das glauben sie mir einfach nicht. Aber ich werde mich bemühen diesen Menschen so weit wie möglich entgegenzugehen."

 

In der Frage der Homosexualität warnte der Erzbischof vor jeder Diskriminierung: "Papst Franziskus hat schon sehr viel gesagt zu diesen Themen. Ich habe Freunde, die homosexuell sind. Wir diskriminieren niemanden. Das dürfen wir nicht. Wenn das passiert ist, dann muss man sich entschuldigen und das ändern", so Lackner im "Standard": "Man muss es einer Glaubensgemeinschaft zugestehen, dass man sagt: Der Idealtypus von gelebter Sexualität sei nicht die Homosexualität. Der Idealtypus sei auch nicht das zölibatäre Leben. Das hat Papst Franziskus gut gesagt: 'Wer bin ich, dass ich das verurteile.' Ich verurteile das nicht."

 

Zur Stellung der Frau in der Kirche verwies Lackner darauf, dass Salzburg die einzige Diözese in Österreich sei, die eine Kanzlerin hat, das dritthöchste Amt in einer Diözese. Er werde sich sicher dafür einsetzen, dass Frauen in Spitzenpositionen der Kirche sind.

Es kann nicht jeder alles machen

 

Zur Frage des Frauenpriestertums sagte Lackner wörtlich: "Man spricht in der Theologie von Heilskontingenz, von der Geschichtlichkeit des Glaubens. Das heißt, es könnte anders sein. Ist es aber nicht. So denkt die Kirche. Das heißt, es kann nicht jeder alles machen. Es hat auch Vorteile für die, die nicht auserwählt worden sind."

 

Aufgrund eines redaktionellen Fehlers wurde Lackner in der bereits gedruckten westösterreichischen Printausgabe des "Standard" falsch zitiert, wonach er der Ansicht sei, dass Laien für den Beichtdienst besser geeignet seien als Priester. Der "Standard" konnte in der ostösterreichischen Ausgabe der Zeitung und auf seiner Internetseite den Fehler noch rechtzeitig korrigieren. Gesagt hatte der Erzbischof, dass auch viele in der Kirche engagierten Laien aufgrund ihrer Nähe zu den Menschen und ihrer seelsorglichen Qualitäten gute geistliche Begleiter seien.

 

"Anwalt" der Diözese in Rom sein

 

Erzbischof Lackner will im Vatikan als "Anwalt" seiner Diözese auftreten und u.a. auch die Nöte der wiederverheirateten Geschiedenen zur Sprache bringen. Das betonte er auch im Interview für die Tageszeitung "Die Presse" (Donnerstag-Ausgabe). "Ich sehe mich als Anwalt dieser Menschen in Rom", er wolle deren Leiden zur Sprache bringen.

 

Zur Frage, wie Rom auf die Antworten der päpstlichen Umfrage zu Ehe und Familie reagieren sollte, sagte der Erzbischof: "Ich erwarte mir eine Antwort von Rom, die die Menschen verstehen. Dass sie das Gefühl haben, ernst genommen zu werden. Man muss aber auch bedenken, dass die Mehrheit nicht automatisch normgebend ist."

 

In Fragen der Empfängnisverhütung oder beim Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen spreche die Kirche idealtypisch. Ein Ideal werde man aber wohl nie zu 100 Prozent erreichen können. Im Grunde lehre das die Kirche mit der Gewissensfreiheit, so Lackner: "Das Problem ist, dass man Gewissensfreiheit zum allgemeinen Gesetz machen will."

 

Von Priestern, die wiederverheiratete Geschiedene zur Kommunion zulassen, verlange er, dass diese die grundsätzliche Regelung in dieser Frage akzeptiert: "Grundsätzlich heißt, dass das idealtypisch ist. Aber man kann das Ideal nicht zu 100 Prozent eins zu eins auf den einzelnen umlegen. Da ist die hohe Verantwortung des einzelnen gefragt."

 

Zur Diskussion rund um den Pflichtzölibat sagte der Erzbischof, dass er persönlich für den Zölibat sei: "Ich persönlich habe zu viel investiert. Ich werde nicht gegen etwas sein, was ich mein ganzes Leben als etwas Positives erlebt habe." Der Pflichtzölibat stehe dafür, dass der Glaube ein Wagnis und ein Risiko sei. "Das ist kein Spaziergang, keine Couchsituation. Glaube ist eine Herausforderung, darauf können wir nicht verzichten."

 

Auf Forderungen nach dem Frauenpriestertum angesprochen meinte Lackner wörtlich: "In den kommenden 17 Jahren, in denen ich voraussichtlich Erzbischof sein werde, wird sich das nicht ändern."

 

Zum Abtreibungskonflikt von Erzbischof Alois Kothgasser mit der früheren Salzburger Landeshauptfrau Gabi Burgstaller, weil diese Abtreibungen an den Landeskliniken ermöglichte, sagte Lackner: "Die Kirche tritt für den bedingungslosen Schutz des Lebens vom Anfang bis zum Ende ein. Ich werde das Thema sicher ansprechen, bin aber nicht Oberlehrer der Politik."

 

Sorge bereite ihm auch die sinkende Zahl an Priestern: "Natürlich gibt es zu wenig Priester. Das ist eine Frage, die mich sehr beschäftigt." Die Rolle des Priesters und das damit zusammenhängende Priesterbild hätten sich stark gewandelt. Lackner: "Die Herausforderung ist, wie wir die Rolle des Priesters in unserer Zeit wieder attraktiver rüber bringen." Aber das Subjekt der Seelsorge sei nicht der Priester allein sonder die Gemeinde. In der Steiermark habe er in Pfarren, die lange keinen Priester mehr hatten, oft ein reges Gemeindeleben entdeckt. "Wir können uns nicht nur auf den Priester verlassen", so Lackner wörtlich.

 

Kirchenaustritte und Kirchenreichtum

 

Hinsichtlich der hohen Zahl an Kirchenaustritten bekräftigte Lackner in allen Interviews, dass er Ursachenforschung betreiben und dazu eine Art Expertengruppe einsetzen wolle. Außerdem plane er Sprechtage: "Die Menschen, die uns verlassen, haben uns was zu sagen, und das möchte ich hören, auch wenn es wehtut."

 

Die grundsätzlichen Ursachen für die Kirchenaustritte sieht der Erzbischof in der gesellschaftlichen Entwicklung, wie er gegenüber dem ORF-Salzburg betonte: "Vorstellbar ist es auch - und das nicht nur in Salzburg -, dass es heute in unserer Welt nicht so schwer ist, ohne Gott und institutionelle Kirche halbwegs gut zu leben. Da entscheidet sich ein gewisser Kreis an Menschen relativ leicht, wegzugehen. Das ist heute so. Das ist etwas, auf das wir antworten sollen. Wir sind hier in die Pflicht genommen und haben eine Bringschuld, dass wir diesen Menschen den Mehrwert auch klar machen können, warum man in der Kirche bleiben soll." Über Facebook wolle er jedenfalls auch besser mit der jungen Generation in Kontakt kommen, kündigte Lackner an.

 

Im "Kurier"-Interview brachte der neuen Salzburger Erzbischof seine eigene Biografie mit ins Spiel: Er sei bis Anfang 20 selbst kirchenfern gewesen. - "Mein Leben war auf Freunde und das Wirtshaus reduziert." - Er habe dann aber gemeint, "da muss mehr drin sein", und die Kirche habe ihm das gegeben. Lackner: "Wir als Priester müssen bezeugen können, dass der Glaube eine Investition ist, die einem im Leben hilft. Wir müssen auf die Menschen zugehen und ihnen diesen Mehrwert einer Glaubensgemeinschaft zeigen."

 

Im Interview in der ORF-Religionssendung "Praxis" wies Lackner darauf hin, dass die Kirche auch ein großer Arbeitgeber sei. Das dürfe bei allen Diskussionen rund um vermeintliche Kirchenreichtümer nicht übersehen werden und sei auch ein "großer Dienst an der Gesellschaft".

 

Dass es auch in der Erzdiöezese Salzburg künftig Strukturreformen geben wird, steht für Lackner außer Zweifel. Er werde aber sicher nichts in Gang setzen, wodurch kleine lebendige Einheiten, in denen sich Menschen engagieren und beheimatet sind, zerstört werden.

 

Auf die kirchlichen Missbrauchsfälle angesprochen unterstrich Lackner, dass er alles menschenmögliche unternehmen werde, "damit so etwas nicht mehr passiert". Das betreffe sowohl die Aufklärung als auch die Prävention.

 

Wie er sein Amt ausüben wird, wolle er zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Im ersten Jahr wolle er vor allem zuhören. Natürlich werde er Akzente setzen, werde er Neues tun, aber schon alleine aus Respekt gegenüber seinem Vorgänger werde er dazu heute noch nichts sagen, sagte Lackner.

 

Eines sei jedenfalls klar: Papst Franziskus sei für die Kirche eine Steilvorlage, "jetzt müssen wir rennen". Lackner verwies auf ein Zitat des neuen Papstes: "Mir ist eine Kirche hundert Mal lieber, die Beulen hat, als eine Kirche, die sich nur mit sich selbst beschäftigt."

 

Quelle: Kathpress

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