Freitag 24. März 2017
04. Juli 2014

"Der Krieg lehrt beten"

Der Erste Weltkrieg stellt die "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts dar. Die Bischöfe der Monarchie haben jedoch zunächst in den Chor der Kriegsbefürworter eingestimmt.

Das heikle Verhältnis von Kirche und Staat zu Beginn des Ersten Weltkriegs und während der ersten Kriegstage - beleuchtet von der Grazer Kirchenhistorikerin Prof. Michaela Sohn-Kronthaler. Erschienen in der Juli-Ausgabe der Zeitschrift "miteinander" des Canisiuswerkes.

 


 

"Mit vollem Vertrauen auf die gerechte Sache unseres Vaterlandes ziehen unsere Söhne und Brüder in den Kampf. Wir aber, die wir zurückbleiben, wollten in diesen Tagen ernster Prüfung vor allem unser Auge und Herz zu dem Herrn der Heerscharen emporheben und ihn im Geiste demütiger und opferwilliger Buße bitten, die Waffen unserer Streiter zu segnen."

 

Dieses Zitat stammt aus einem am 28. Juli 1914 verfassten Hirtenschreiben des Wiener Kardinals Friedrich Gustav Piffl (1864 -1932), das er gemeinsam mit der kaiserlichen Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien in einer Sondernummer seines Diözesanblattes publizierte. Die Haltung des Wiener Metropoliten entspricht dabei generell der Einstellung der Bischöfe im Gebiet des heutigen Österreich. Diese waren überzeugt, dass es sich um einen gerechten, legitimen, notwendigen, ja aufgezwungenen Krieg handle, weil "unserm Friedenskaiser (...) das Kriegsschwert in die Hand gedrückt worden" sei. Dabei beriefen sie sich auf Augustinus und Thomas von Aquin, wonach ein gerechter Verteidigungskrieg um eines höheren Gutes, nämlich des Friedens willen, sittlich erlaubt und berechtigt sei.

 

Symbiose von Thron und Altar

 

Der Episkopat stellte sich loyal hinter das Herrscherhaus und seine Kriegspolitik, bestand doch zwischen den Bischöfen und der katholischen Dynastie eine jahrhundertelang gewachsene, enge Verbindung. Der Monarch hatte bis zur Einführung des neuen kirchlichen Gesetzbuches 1917 die meisten Oberhirten seiner Länder nominiert. Schon im Auswahlverfahren war die Loyalität der Kandidaten gegenüber den Habsburgern ein wichtiger Gradmesser für die Bischofsernennung. Das gute Einvernehmen von Kirche und Monarchie hatte zu einer Symbiose von Thron und Altar geführt.

 

In den Hirtenschreiben während des Ersten Weltkrieges wurden biblische Texte - wenn auch von den einzelnen Bischöfen in unterschiedlicher Intensität - auf teilweise selektive und problematische Weise, ohne Berücksichtigung des jeweiligen Kontextes der Heiligen Schrift, im Kriegsdiskurs aktualisiert. Gott, davon waren die katholischen Bischöfe Österreichs fest überzeugt, stand in diesem "gerechten Krieg" auf der Seite Österreichs.

 

Der Krieg wurde somit religiös-theologisch gedeutet: als göttlicher Entschluss, den Menschen Zeiten der Prüfung zu schicken; als pädagogisches Instrument zur sittlichen Läuterung und Besserung der Völker; als Strafgericht Gottes für die Sünden der Menschen; als Tugendschule für die Guten; als eine Zeit, in der die "Nächstenliebe schöner und vielgestaltiger geübt werden kann"; als "große Volksmission", um die Christen zu einer intensiveren Glaubenspraxis zurückzuführen.

 

"Der Krieg lehrt beten"

 

So verknüpften Bischöfe und Seelsorger mit dem Krieg auch die Erwartung eines religiösen Aufbruchs, der eine moralische Erneuerung und intensivere Sakramentenpraxis bewirken sollte. Wenige Wochen nach dem Krieg berichtete etwa der St. Pöltner Bischof Johannes B. Rößler erfreut von "der großen Schar der Beter, welche die Kirchen füllten und die heiligen Sakramente empfingen". Der Seckauer Bischof Leopold Schuster titulierte den Krieg gar als "eine Quelle reichen Segens, vieler Gnaden und Bekehrungen" und gebrauchte die berühmte Redewendung "Der Krieg lehrt beten."

 

Der Wiener Klerus konstatierte "einmütig eine Förderung des religiösen Lebens durch den Krieg" und auch einen "religiösen Aufschwung". Noch zu Weihnachten 1916 hielt der Episkopat fest, dass der Krieg zu einer "segensvollen Erneuerung und Vertiefung des christlichen Lebens in religiösen Vereinen und charitativen Verbänden, offenem Bekennermut zahlreicher Laien, lieblichem Blühen reinen Familienlebens, gottgeweihter Jugend, stillem Duldersinn, ja heiligmäßigem Tugendstreben" geführt habe. Am Ende des Krieges jedoch mussten die Bischöfe ernüchtert in einem Hirtenschreiben einräumen, dass es zu keiner Zunahme der Glaubenspraxis gekommen war, mehr noch, dass der Krieg einen sittlichen Niedergang und einen Rückgang der Nächstenliebe zur Folge gehabt hatte.

 

Kriegstheologie und Friedenshoffnung

 

Als problematisch erwies sich in der Liturgie insbesondere die Rede vom "gerechten Krieg", öffnete dieses Schlagwort doch Tür und Tor zur Instrumentalisierung der Gottesdienste: In den beiden ersten Kriegsjahren dominierten "Kriegsandachten", "Kriegsgottesdienste", "Kriegspredigten" und "Kriegsbittprozessionen" das religiös-kirchliche und liturgische Leben. Die Verkündigungssprache wurde militarisiert. Der Brixener Bischof Franziskus Egger sprach vom "Geistesschwert des heiligen Rosenkranzes", das von Tausenden "geschwungen" wurde, andere Bischöfe ordneten einen "Gebetsfeldzug unter der Anrufung Unserer lieben Frau vom Siege zur baldigen Erlangung des Sieges und eines ehrenvollen, dauernden Friedens" an. Es wurden Gebete für Kaiser und Soldaten angeordnet, die Heiligen um Hilfe angerufen. Kardinal Piffl stellte den Soldatentod unter Berufung auf Thomas von Aquin auf die gleiche Stufe mit dem Märtyrertod.

 

Aufgrund des für Österreich-Ungarn ernüchternden Kriegsverlaufes wurde die bischöfliche Kriegstheologie ab 1916 verstärkt mit Friedenshoffnungen kombiniert. In den kirchlichen Amtsblättern ist somit ein paradoxes Nebeneinander von bischöflicher Kriegsaffirmation und Kriegstheologie, aber auch des Gedenkens für die Soldaten und deren Familien, des bemerkenswerten karitativen Einsatzes für die Leidenden und Kriegsopfer durch Kirche und Klöster sowie der wachsenden Friedenssehnsucht zu beobachten.

 

Päpstliche Friedensinitiative


Ein unermüdlicher Mahner zum Frieden war der damalige Papst selbst, Benedikt XV. (1914-1922), dessen Pontifikat vom Ersten Weltkrieg und seinen Folgen fast zur Gänze überschattet wurde und dessen Friedensbemühungen damals wie heute zu wenig gewürdigt wurden bzw. werden: In seinen Schreiben setzte er im wahrsten Sinne des Wortes unerhörte Aktivitäten für die Völkerverständigung, -versöhnung und -frieden. Er warnte vor einem überzogenen Nationalismus und betonte den katholischen, alle Völker umfassenden Gedanken.

 

In seinem Friedensdienst wurde er von seinen eigenen Bischöfen jedoch kaum ge stützt. Nur wenige mutige Priester, wie der vor 70 Jahren durch die Nationalsozialisten hingerichtete, exemplarisch angeführte Ökumeniker Max Josef Metzger (1887-1944), der 13 Jahre in Graz wirkte, folgte dem pazifistischen päpstlichen Vorbild. Metzger entwarf ein Friedensprogramm und gründete das Weltfriedenswerk vom Weißen Kreuz, das im heutigen Christkönigs-Institut bei Augsburg fortbesteht.

 

 

Autorin:

ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Michaela Sohn-Kronthaler, Studium der Katholischen Fachtheologie, Selbstständigen Religionspädagogik und Christlichen Philosophie; ist Leiterin des Instituts für Kirchengeschichte und Kirchliche Zeitgeschichte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz.

comments powered by Disqus
Fotogalerien zurück #weiter#
Bischöfe in Vorarlberg
Frühjahrsvollversammlung 2017
Bischof Scheuer im Irak
70 Jahre Kathpress
Festakt mit Promi-Faktor
Franziskus wird 80
Pressekonferenz Biko 2016
Schönborn & Bünker
Videos zurück #weiter#
image
Pressekonferenz
Bischofskonferenz 2017
image
Papst: Gebetsmeinungen
März 2017
image
Davids Harfe
Fastentuch von Lisa Huber
image
Salted Potatoes
Fastenexerzitien
image
Cultus: Aschermittwoch
Audio zurück #weiter#
Interreligiöser Dialog
Statement von Kardinal Schönborn
Fischer predigt
Ehemaliger Bundespräsident
Kardinal Schönborn
Wissenschaft und Glaube
"Wir brauchen das Ehrenamt"
Freiwilligenmesse-Initiator Walk
"Gemeinsam am Weg"
KJ-Vorsitzende zu 70 Jahre KJ
Tipps zurück #weiter#
Katholischer Gottesdienst
So., 26.3. | 09:30 | ORF 2
Radiogottesdienst
So., 26.3. | 10:00 | ÖR
Ordens-ABC
Die Ordensgemeinschaften Österreichs im Überblick
Woanders zurück #weiter#
Februar 2017
Die katholisch.at-Presseschau
Jänner 2017
Die katholisch.at-Presseschau
Dezember 2016
Die katholisch.at-Presseschau
November 2016
Die katholisch.at-Presseschau
Oktober 2016
Die katholisch.at-Presseschau
Blogportal
Ulrike Hofstetter | 28.12.2016

Mundgerechte Happen - schwer verdaulich

Meine Freundin Frieda hat jetzt eine neue App auf ihrem Handy. Eine Bibel App.
Paul Wuthe | 14.12.2016

Katholische Kirche Anno Domini 2016

Ökumene, Familie, Flüchtlinge, Barmherzigkeit und Kirchenreform - die großen...
Paul Wuthe | 28.11.2016

Bundespräsidentenwahl mit zwiespältigen religiösen Signalen

Keine Wahlempfehlung, aber der Versuch einer Einordnung einer...
Kalender
24.03.2017 | St. Lambrecht
Wie aus Verzweiflung Hoffnung wächst
Einkehrtage auf den Spuren des Propheten Elija mehr »
24.03.2017 | Seitenstetten
Grundkurs für OrientierungstageleiterInnen Teil II
Beim Teil II wird das Wissen aus Teil I vertieft, sowie erste Erfahrungen bei der Begleitung von... mehr »
24.03.2017 | 09:45 | St. Pölten
Gewissens- und Religionsfreiheit in der Moderne
Weitere Termine: 30. März; 31. März; 27. April und 28. AprilAn Donnerstagen: 17:00 bis 18:30... mehr »
Medienreferat der
Österreichischen
Bischofskonferenz

Stephansplatz 4/6/1
A-1010 Wien
©2017 Medienreferat der Österreichischen Bischofskonferenz. Alle Rechte vorbehalten.
http://www.katholisch.at/
Darstellung: