Donnerstag 25. Mai 2017
09. September 2014

Wider die Sandkastenverantwortung

Genügt es zu einem nachhaltigen christlichen Lebensstil, seinen Müll zu trennen und bewusster einzukaufen? Nein, sagt der Moraltheologe Michael Rosenberger.

Wenn in kirchlichen Kreisen über das Thema Schöpfungsverantwortung gesprochen wird, kommt sehr häufig als erste Reaktion: "Naja, den Müll trennen wir eh schon." Es entsteht der Eindruck, dass mit einer guten Mülltrennung schon das Wichtigste getan sei. Von Müllvermeidung durch den Einkauf verpackungs- und abfallarmer Produkte wird dann schon nicht mehr gesprochen, obwohl die Vermeidung eindeutig den Vorzug vor der Verwertung hätte.

 

Und überhaupt scheint es, als reiche die Schöpfungsverantwortung nur bis zum Rand des Mülleimers. Vielleicht noch regionale Lebensmittel einkaufen und sich dagegen wehren, dass am Rand des eigenen Dorfes eine neue Autobahn gebaut wird – aber jenseits der eigenen Dorf- oder Regionsgrenzen endet der Verantwortungsgedanke sehr schnell. Gegen diese Mentalität, den eigenen "Sandkasten" zum Spielen sauber zu halten, aber über seinen Rand nicht hinauszublicken, möchte ich in sechs Thesen polemisieren:

 

1

Schöpfungsverantwortung ist keine Haltung, von der "a bissi" genügt. Die Menschheit ist derzeit dabei, ein Drittel bis die Hälfte aller Tier- und Pflanzenarten auszurotten und das Weltklima in einem nie dagewesenen Ausmaß zu verändern. Sie beutet die Nutztiere mit maximaler Effizienz aus und nimmt auf deren eigene Bedürfnisse kaum Rücksicht. Da braucht es die Umkehr, zu der Jesus von Nazaret aufruft: "Kehrt um!" (Mk 1,14) Umkehr im Sinne Jesu muss den ganzen Menschen und dessen gesamtes Leben ergreifen und bestimmen. Sie will radikal sein. "A bissi" Umkehr ist nicht möglich.

 

2

Schöpfungsverantwortung darf sich nicht von der emotionslosen Vernunft einschläfern lassen, die ihr einflüstert: "Die Menschheit hat noch immer alle Probleme gelöst – keine Sorge, wir schaffen das schon!" Statt im Schlafwagenmodus der Emotionslosigkeit dahin zu träumen, muss Schöpfungsverantwortung im Alarmmodus eines Weckers schrill und laut stören. Jesu Botschaft von der nahenden Gottesherrschaft ist apokalyptisch, sie drängt und duldet keinen Aufschub: "Jetzt ist die Zeit!" (nach 2 Kor 6,2) Das meint keine kopflose Hektik, wohl aber ein entschlossenes, gezieltes Zupacken.

 

3

Schöpfungsverantwortung darf nicht in schöngeistige Naturromantik zurückfallen, die einseitig von dem Paradies schwärmt, in dem wir in Österreich leben. Sie wird vielmehr auf die lokalen und weltweiten Bedrohungen und Verletzungen dieses Paradieses schauen, sich davon anrühren und wehtun lassen. Empathie als echtes, tiefes Mitleiden mit der bedrohten oder zerstörten Natur wird sie leiten. Im Kontext eines Glaubens an den mitleidenden Gott, der sich in Jesus ans Kreuz schlagen ließ, darf christliche Schöpfungsverantwortung vor der gekreuzigten Schöpfung nicht die Augen verschließen.

 

4

Schöpfungsverantwortung kann nur dann vollumfänglich wahrgenommen werden, wenn sie politisch wird. Persönliche Lebensstiländerungen und politische Strukturveränderungen gehören zusammen. Das betrifft insbesondere die ökonomischen Strukturen, die die globalisierte Welt des 21. Jahrhunderts beherrschen. Solange Umweltzerstörung keinen Preis hat, solange sie nicht mit Geld bezahlt werden muss und solange umweltfreundliches Verhalten teurer ist als Umweltzerstörung, kann ein weltumspannendes Umsteuern nicht Wirklichkeit werden. Spürbare Ökosteuern sind zwingend notwendig.

 

5

Schöpfungsverantwortung ist nicht ein Segment unter vielen des kirchlichen oder staatlichen Handelns, sondern gemäß der UN-Konferenz von Rio de Janeiro 1992 eine Querschnittsaufgabe, die alle Handlungsbereiche durchdringen muss. Vom staatlichen Finanzministerium und der diözesanen Finanzkammer "abwärts" muss sie in allen Ressorts zur Leitlinie des Handelns werden: In Bildung und Kultur, Infrastruktur und Bau, Dienstleistung und Diakonie sowie in den Außenbeziehungen.

 

6

Schöpfungsverantwortung sieht den Ernst der Lage und ist doch von einer "Hoffnung wider alle Hoffnung" (Röm 4,18) getragen. Es ist eine Hoffnung, die die Größe der Herausforderung nicht ausblendet, sondern trotz dieser Herausforderung und in ihrem vollen Bewusstsein Zuversicht hat. Es ist eine Hoffnung, die nicht beruhigt und einschläfert, sondern antreibt und Mut macht. Bei der Weltklimakonferenz in Cancun im Jahr 2010 haben Greenpeace-Aktivisten einen überdimensionalen Rettungsring an den Meeresstrand gelegt und daneben aus Menschen die Frage "Hope?" geformt.

 

Gibt es Hoffnung auf Rettung? Ja, wenn wir entschlossen handeln. Gott selber wirft uns den Rettungsring hin − wir müssen ihn nur ergreifen, anstatt auf dem sinkenden Schiff der Ideologie ständigen quantitativen Wirtschaftswachstums und rein technischen Fortschritts zu verharren. Denn dieses Schiff wird untergehen.

 

Michael Rosenberger


Univ.-Prof. Dr. Michael Rosenberger, 1987 zum Priester geweiht, ist Vorstand des Instituts für Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz, unter anderem mit dem Forschungsschwerpunkt Schöpfungsethik. Er ist Umweltsprecher der Diözese Linz und seit 2004 Mitglied der Gentechnik-Kommission beim österreichischen Ministerium für Gesundheit.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der Zeitschrift "miteinander" des Canisiuswerkes

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