Donnerstag 8. Dezember 2016
30. September 2014

"Ein Danaergeschenk des Wiener Kongresses"

Der "Wiener Kongress", der vor 200 Jahren begann, ordnete nicht nur Europa neu - er stellte auch den "Kirchenstaat" wieder her. Ein Gespräch mit Rupert Klieber.

Er war ein Friedenskongress, der Europa ein neues Gesicht gegeben hat - und doch zugleich ein hochgradig restaurativ ausgerichtetes Ereignis der europäischen Königs- und Adelshäuser, das die Folgen des revolutionären Flächenbrandes in Europa aufhalten wollte: Der Wiener Kongress, der vor 200 Jahren - am 18. September 1814 - begann. Eine gemischte Bilanz zum Kongress zieht aus spezifisch-kirchlicher Sicht der Wiener Kirchenhistoriker Rupert Klieber: Zwar war die katholische Kirche durch den päpstlichen Delegaten Ercole Consalvi hochrangig am Kongress vertreten, auch wurde durch den Kongress der "Kirchenstaat", der große Teile Mittelitaliens umfasste, als einziges "geistliches Fürstentum" wieder errichtet - doch Grund zur Freude besteht aus heutiger Sicht darüber nicht. "Katholisch.at" dokumentiert im Folgenden den Wortlaut eines "Kathpress"-Gesprächs mit dem Kirchenhistoriker.

 


 

Herr Prof. Klieber, in diesen Tagen wird des 200. Jahrestages des Wiener Kongresses gedacht. Wie stellte sich die politische und gesellschaftliche Situation der Zeit dar? Was machte den Kongress notwendig und zu einem auch aus kirchlicher Sicht einschneidenden Ereignis?

 

Die Französische Revolution, aber auch schon die Zeit davor mit den aufgeklärten absolutistischen Regimen, hatte begonnen, die gesellschaftlichen Verhältnisse, auch die kirchlichen Verhältnisse, grundlegend umzukrempeln. Es ist kein Stein auf dem anderen geblieben - Stichwort Joseph II. Man hatte begonnen, massiv einzugreifen in die jahrhundertealten Kirchenstrukturen und in die über Jahrhunderte existierenden Klosterlandschaften Europas.

 

Vor allem betroffen war der deutschsprachige Raum, das alte Römische Reich Deutscher Nation ist hier an sein Ende gekommen. Eine Vielzahl geistlicher Territorien, fürstlicher Bistümer, Reichsabteien etc. ist säkularisiert und enteignet worden; die Kirchengüter sind zum Teil herangezogen worden zur Entschädigung weltlicher Fürsten, die im Zuge der kriegerischen Auseinandersetzung ihrerseits Territorien verloren hatten. Kurz gesagt: Strukturen, die in 1.000 Jahren gewachsen sind, sind hier an ein Ende gekommen. Europa hat ein völlig neues Gesicht bekommen - und dies vor allem mit Napoleon, seinen großen kriegerischen Erfolgen, aber auch seinen Niederlagen, die es in der Folge notwendig machten, in einer großen Konferenz die Dinge neu zu regeln und eine neue Ordnung für Europa herzustellen.

 

Als Kongress der Königs- und Adelshäuser hatte der Wiener Kongress wohl vor allem einen restaurativen Impetus als Gegengewicht zum revoltierenden Bürgertum...?

 

Natürlich hatte der Kongress einen starken Impuls in Richtung Restauration. Es war bis zu einem gewissen Grad ein "Roll back" der Französischen Revolution und aller Änderungen danach. Aber man würde dem Kongress völlig unrecht tun, wenn man ihn rein auf diese Komponente reduzieren wollte: Man war natürlich realistisch genug, dass man in vielen entscheidenden Punkten die Entwicklungen nicht mehr zurückdrehen konnte. Es sind viele territoriale Veränderungen nicht mehr rückgängig gemacht worden, es sind auch die alten Reichsstrukturen nicht wieder aufgerichtet worden - und, was jetzt für den kirchenhistorischen Bereich wichtig ist: man hat in den meisten Ländern die alten kirchlichen Verhältnisse nicht wieder hergestellt - das heißt vor allem für das Reichgebiet die alte reichskirchliche Herrlichkeit mit den fürstlichen Bistümern und großen Abteien etc. nicht wieder aufleben lassen. Auch die Enteignungen von Kirchengütern hat man nicht wieder rückgängig gemacht.

 


 

Die Wiederherstellung des Kirchenstaates war vor allem der Erfolg des vielleicht geschicktesten Diplomaten, den die Kirchengeschichte je hervorgebracht hat: Ercole Consalvi, langjähriger Staatssekretär Pius VII.

 


 

Bis auf den Kirchenstaat...

 

Ja, in der Tat war der Kirchenstaat das einzige geistliche Territorium, dass durch den Wiener Kongress wieder hergestellt worden ist - und zwar in fast den gleichen Grenzen, wie sie vorher existiert hatten, also nach den Umbrüchen des ausgehenden 18. Jahrhunderts mit Ausnahme der französischen Gebiete wie zum Beispiel Avignon.

 

Wie ist es zu dieser Besonderheit gekommen? Wie ist es der Kirche gelungen, ihre Interessen am Kongress durchzusetzen?

 

Die Wiederherstellung des Kirchenstaates war vor allem der Erfolg des vielleicht geschicktesten Diplomaten, den die Kirchengeschichte je hervorgebracht hat: Ercole Consalvi, langjähriger Staatssekretär Pius VII. Er hat schon vor dem Kongress bei wichtigen Höfen Europas seine Aufwartung gemacht - er ist sogar nach London gereist, zu einer nicht-katholischen Macht, und hat dort "bella figura" gemacht und durch sein entsprechendes Auftreten auch die Unterstützung der englischen Regierung gewonnen.

 

Aber in selbem Maße haben die Eifersüchteleien zwischen den bedeutenden Mächten Europas es mit bewirkt, dass der Kirchenstaat wieder hergestellt worden ist - denn die Konkurrenten Österreichs wie etwa das zaristische Russland, Preußen aber auch England wollten nicht, dass Österreich sich ganz Italien schnappt. Man wollte die österreichischen Ansprüche auf Italien in Grenzen halten und war deshalb interessiert an der Wiederherstellung weiterer italienischer Staaten und in diesem Falle eben auch des päpstlichen Kirchenstaates.

 


Gespräch mit Prof. Klieber nachhören


 

Wie stellte sich das kirchliche Vorgehen am Kongress im Detail dar?

 

Die katholische Kirche war am Kongress in mehrfacher Weise präsent: Zum einen wie gesagt in der Person Ercole Consalvis, der als Delegierter des Papstes für eine mittelgroße Macht agierte. Aber auch die deutsche Reichskirche war vertreten - offiziell durch Ignaz Heinrich von Wessenberg, der als katholisch-aufgeklärte Größe galt und versuchte, die deutsche Reichskirche am Kongress zum Thema machen. Ihm zur Seite stand aber eine Gruppe sogenannter "Oratoren" - zwei Priester und ein Anwalt - die sehr ultramontan-römisch gesinnt waren.

 

Letztlich war es diese Zersplitterung der kirchlichen Stimmen und auch die unterschiedlichen Meinungen unter den Großmächten, die dazu geführt hat, dass kirchliche Belange letztlich nur in geringem Maße behandelt wurden. Obwohl es viele Denkschriften, Entwürfe und Vorstellungen gab: Wessenberg hatte etwa große Pläne vorgelegt für eine national organisierte deutsche Kirche, die zwei Erzbistümer und einen Primas haben sollte und den gesamten deutschsprachigen Raum kirchlich organisieren sollte. Man kann durchaus sagen, dass das eine Vorläuferidee dessen war, was heute in einer nationalen Bischofskonferenz vereinigt ist. Leider wurde diese Idee jedoch stark torpediert - innerkirchlich u.a. von Clemens Maria Hofbauer, aber auch von Bayern und Württemberg, die keine überregionalen Kirchenstrukturen wollten, sondern ihre kirchlichen Angelegenheiten lieber selber regeln wollten.

 

Hat der Wiener Kongress also auch Entwicklungen unnötig hinausgezögert?

 

Ja, man kann sagen, dass er im Grunde ein retardierendes Moment war: Vieles, was hier bereits angedacht worden war aber nicht umgesetzt wurde, ist ja später gekommen - in 50, teilweise erst in 100 Jahren. Die Tendenz dazu war bereits erkennbar. Aber der Kongress litt generell sehr stark unter dem Problem, dass man weniger das Gesamtwohl der Regionen im Auge hatte als vielmehr die Partikularinteressen der einzelnen Mächte. Gewiss, es ging ihnen um die Herstellung einer Friedensordnung, die Stabilität gewährleistete - aber zugleich hat man stets eifersüchtig darauf geschaut, dass keine andere Macht zu groß wird. Und in diesem Ringen und in diesen oft kleinlichen Streitigkeiten sind größere Entwürfe und weiter gehende Perspektiven oft verloren gegangen.

 


Der Papst war König in seinem Territorium. Diese Rolle des Papstes auch als weltlicher Herrscher war natürlich eine sehr ambivalente Situation und man muss sich auch fragen, wie glücklich der Gedanke war, am Wiener Kongress diesen Kirchenstaat wieder zu errichten.


 

Gab es auch gesellschaftliche Faktoren und Entwicklungen, die eine Neuordnung Zentraleuropas notwendig machten?

 

Ja. Man muss nüchtern sagen, dass die Verhältnisse des alten Reiches, wie es bis zum Reichsdeputationshauptschluss 1803 bestanden hat, in vielen Punkten untragbar geworden waren: Diese Zersplitterung in Dutzende Territorien oft kleinster Ausdehnung - das war kein geeigneter Rahmen mehr für moderne Staatswesen. Da gab es keine gemeinsame Rechtsordnung, die Kompetenzen, auch die Gerichtsbarkeit war derart zersplittert, das man auf 100 Kilometern Strecke bis zu drei verschiedene Rechtssysteme hatte. Und auch die Verquickung von politischer und kirchlicher Autorität und Macht war überholt - außerdem war die alte Reichskirche zu einem Refugium höchster Adelskreise geworden - auch das schrie nach Veränderung, da aus einer Adelskirche zusehends eine Volkskirche wurde.

 

Noch einmal zurück zum neuen-alten Kirchenstaat: Worin unterschied sich dieser vom heutigen Vatikan?

 

Zum einen unterschied er sich durch seine Ausdehnung: so umfasste der alte Kirchenstaat weite Teile Mittelitaliens. Er war geografisch, aber auch politisch und militärisch betrachtet, eine mittlere Macht. Der Papst war König in seinem Territorium. Diese Rolle des Papstes auch als weltlicher Herrscher - nicht nur im symbolischen Bereich, wie wir das heute kennen, sondern im realpolitischen Bereich war natürlich eine sehr ambivalente Situation und man muss sich auch fragen, wie glücklich der Gedanke war, am Wiener Kongress diesen Kirchenstaat wieder zu errichten. Denn was man sich damit eingebrockt hatte, war ein halbes Jahrhundert großer Polarisierungen in Italien mit den immer stärker werdenden Kräften der italienischen Einigung, denen der päpstliche Staat im Weg stand, der auch kriegerisch bekämpft wurde und schließlich im Jahr 1870 endgültig unterging.

 

Was wäre die Alternative gewesen?

 

Man hätte sich diese Auseinandersetzung sparen können, wenn man schon am Wiener Kongress eine ähnlich kluge Lösung gefunden hätte wie dann 1929 mit den Lateran-Verträgen: Indem man nämlich die Souveränität des Papstes auf ein symbolisches Territorium zurückschraubt und ihm letztlich nur die geistlichen Aufgaben überlässt und er sich diesen auch zur Gänze hätte widmen können.

 

So aber ist mit dem Kirchenstaat auch ein sehr reaktionärer Staat wieder erstanden, in dem die restaurativen, ja reaktionären Kräfte sehr bald die Oberhand gewonnen haben. Ein diplomatisch kluger Mann wie Ercole Consalvi ist zurückgedrängt worden, und es haben reaktionäre Kräfte die Oberhand gewonnen, die alles zurückdrehen wollten, was an gesellschaftlichen Veränderungen im Zuge der bürgerlichen Revolte geschehen war. So wurde der Kirchenstaat fast zu einer Art Polizeistaat unter kirchlicher Aufsicht, der seine Energie in den nächsten Jahrzehnten darauf verschwendete, alle Neuerungen zu unterbinden und Gegner zu bekämpfen. Mit mäßigem Erfolg: Schon 1817 ist im Kirchenstaat der erste Aufstand gegen die neue Prälaten-Herrschaft ausgebrochen.

 

Das kirchliche Staatsgebilde mit all seinen Machtimplikationen hat "der Kirche" also mehr geschadet als genutzt?

 

So würde ich das sehen, ja. Diese Verquickung von eigenen territorialen politischen Interessen und den allgemeinen kirchlichen Interessen hat dazu geführt, dass der Heilige Stuhl am Wiener Kongress mehr als eine mitteleuropäische Macht mit harten politischen Interessen aufgetreten ist, denn als Friedensmacht. So konnte der Papst eigentlich nicht frei agieren und sich als eine Art Alternativ-Macht mit einer Friedens- oder Schiedsrichtermission positionieren.

 

Die Folgen hat man übrigens noch 100 Jahre später zu spüren bekommen, als am Ende des Ersten Weltkrieges der Heilige Stuhl überhaupt nicht mehr zugelassen worden ist zu irgendwelchen Verhandlungen. Erst die Lösung von 1929 hat den Heiligen Stuhl wieder zurückgebracht als volles Mitglied auf dem diplomatischen Parkett auch auf der völkerrechtlichen Ebene.

 

Man kann daher sagen, dass die Wiederherstellung des Kirchenstaates eine Art "Danaergeschenk" des Wiener Kongresses an die Kirche war: Es war langfristig nicht zu halten; es hat Polarisierungen über Jahrzehnte hervorgebracht, die nicht nötig gewesen wären - und es hat fast ein Jahrhundert lang jene Rolle der Kirche als Friedensmacht verhindert, die der Heilige Stuhl erst im 20. Jahrhundert wieder einnehmen konnte.

 

 

Zur Person


Prof. Rupert Klieber ist Dozent am Institut für Historische Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

 

 

 

 

Quelle: Kathpress-Info-Dienst

 

 

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