Samstag 10. Dezember 2016
06. Oktober 2014

"Eine Nagelprobe für Kirche und Papst"

Wortlaut eines Kathpress-Interviews mit dem Feldkircher Bischof Benno Elbs über die Familiensynode im Vatikan als "Geistlicher Prozess".

Die außerordentliche Bischofssynode im Vatikan zu Ehe- und Familienfragen ist nichts weniger als eine "Nagelprobe für die Kirche und den Papst": Das hat der Feldkircher Bischof Benno Elbs im Gespräch mit "Kathpress" unterstrichen. Die Fragen einer zeitgemäßen Familienpastoral brennen unter den Nägeln, so der Bischof, der u.a. auch als Familientherapeut tätig ist. Schließlich umfasse die Familie "alle Dimensionen des menschlichen Lebens" und verändere sich heute gemeinsam mit der gesamten Gesellschaft "rasant". Im Folgenden dokumentiert katholisch.at das Interview im Wortlaut:

 


 

Herr Bischof Elbs, am Sonntag beginnt im Vatikan die außerordentliche Sitzung der Bischofssynode zu Ehe und Familie. Welche Erwartungen knüpfen Sie an die Synode?

 

Ich hoffe, dass es ganz allgemein gelingt, den Fokus wieder mehr auf das wichtige Thema Familie zu legen. An der Familie entscheidet sich meines Erachtens die Zukunft unserer Gesellschaft. Wo Familie stark ist, dort ist auch die Grundlage gelegt für eine gesunde Gesellschaft.

 

Damit haben Sie Familie in der politischen Wirklichkeit verortet. Aber was macht das Thema Familie zu einem kirchlichen Thema?

 

Familie ist ein kirchliches Thema, da Familie alle Dimensionen des menschlichen Lebens umfasst: Familien sind Orte des sozialen Lebens und Lernens ebenso wie des religiösen Lebens und Lernens. Daher hat Familie immer auch eine religiöse und spirituelle Dimension. Familien stellen immer noch einen Sehnsuchtsort für Menschen dar, einen Ort, an dem sie nach Beheimatung suchen. Das alles sind meines Erachtens Dimensionen von Familie, die auch kirchliche Relevanz haben.

 

Was sind ihre Erfahrungen als Familientherapeut? Wo drückt Familien heute der Schuh?

 

An erster Stelle stehen natürlich wirtschaftliche bzw. finanzielle Fragen bzw. Engpässe. Dazu gehört auch die Frage, wie man Kindern in Familien Heimat geben kann, wenn beide Elternteile arbeiten müssen. Die externe Kinderbetreuung ist ein großes Thema. Aber genauso natürlich auch die hohe Scheidungsrate, die uns zeigt, wie brüchig das Zusammenleben von Menschen geworden ist.

 

Eine neuere Frage, die mit dem demografischen Wandel einhergeht, betrifft die Generationenfolge. Alte Menschen sind ein wertvoller Schatz für die Gesellschaft. Zugleich wird die Sorge für sie eine wachsende Herausforderung. Denn so wie Eltern ihre Kinder in die Welt begleiten, müssen diese Kinder später in der Lage sein, ihre Eltern ins Alter und aus dieser Welt zu begleiten. Das heißt: das Thema Altern, Krankheit, Pflege und Tod wird immer mehr zu einem Familienthema. Da sind auch wir als Kirche gefordert, Hilfestellungen zu bieten.

 


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Im medialen Fokus steht derzeit vor allem der kirchliche Umgang mit wiederverheiratet Geschiedenen. Wie nehmen Sie dieses Thema in ihrer Praxis als Seelsorger und Therapeut war?

 

Zunächst sollte man in dieser Sache festhalten, dass die Frage der Unauflöslichkeit der Ehe theologisch wohl außer Streit steht. Die Frage, um die es gehen wird, ist die Frage nach der konkreten pastoralen Praxis. Und da plädiere ich für eine Fokussierung auf die beiden Leitbegriffe Nähe und Barmherzigkeit. Wenn man den Menschen auch in ihren Nöten und in ihrem Scheitern wirklich nahe ist, merkt man rasch, dass das Leben immer ein Weg ist und niemand das Ziel schon jetzt erreicht hat. Und wir müssen als Kirche auf diesem Weg Begleiter der Menschen sein. Die Kirche darf sich nicht von den Familien abwenden, wenn Probleme, Nöte oder gar Scheitern droht. Gerade dann müssen wir zu ihnen stehen!

 

Aber wenn das Leiden in einer neuen Verbindung in neue Glückserfahrungen mündet - wie sollte sich die Kirche Ihrer Meinung nach diesen vielleicht glückenden neuen Verbindungen gegenüber verhalten?

 

Sie spielen auf die Frage der Sakramentenpastoral an. Auch da gilt meines Erachtens, dass wir als Kirche die reife Gewissensentscheidung des Einzelnen, der sich von einem Partner trennt und eine neue Verbindung eingeht, anerkennen müssen. Das Gewissen ist schließlich das "Gewisseste" des Menschen, hat schon Viktor Frankl festgestellt. Das müssen wir als Seelsorger wertschätzen und respektieren. Das hat weitreichende Folgen. Denn wenn ich das Gewissen und den Einzelnen in seiner konkreten Situation ernst nehme, muss ich auch in der Pastoral von Generallösungen Abstand nehmen. Jesus selbst geht - Stichwort: Gleichnis vom verlorenen Schaf - dem Einzelnen nach. Das ist das Verhalten des guten Hirten.

 

Was bedeutet das konkret angewendet auf die Frage des Sakramentenempfangs?

 

Die Unauflöslichkeit der Ehe steht nicht zur Disposition. Aber sie ist immer auch eine Verheißung. Das heißt, wir müssen mit dem Scheitern rechnen. In dieser Situation sehe ich die Sakramente nicht als "Belohnung" für tadelloses Verhalten oder als Disziplinierungs-Maßnahme, sondern als Heilmittel. Das heißt, man muss die Betroffenen im Einzelfall auch mit den Sakramenten stärken können.

 

Die Erwartungen an die Familiensynode sind äußerst hoch bzw. wurden nicht zuletzt durch die Medien hochgestachelt. Ist das gerechtfertigt? Ist die Synode tatsächlich eine Art Bewährungsprobe für den Papst?

 

Ich glaube in der Tat, dass viele Menschen ganz genau beobachten, welchen Weg die Kirche im Umgang mit Ehe und Familie sucht und einschlägt. Dabei interessiert die meisten natürlich in erster Linie, wie die Kirche konkret mit Formen des Scheiterns umgeht. In dieser Frage muss die Kirche sicherlich Vertrauen zurückgewinnen und neu lernen, den Menschen in Notsituationen liebend nahe zu sein. Daher wird die Synode wohl tatsächlich eine Art Nagelprobe für uns als Kirche und den Papst. Ich vertraue auf den Geist Gottes, dass er die Synode leitet, und dass in diesem Geist neue, kreative Lösungen gefunden werden. Die Synode ist ein "Geistlicher Prozess". Im Sinne des heiligen Ignatius von Loyola sollten wir in der Haltung der "Indifferentia" offen sein für das Ergebnis, das Gott uns schenkt.

 

Quelle: Kathpress-Info-Dienst

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