Montag 5. Dezember 2016
24. Oktober 2014

"Zum Trauern ist kein Mensch zu jung"

Familientrauerbegleiterin und Autorin Schroeter-Rupieper: Trauer ist Bildungsauftrag für Eltern, Kindergarten, Schule, Politik und Gesellschaft.

Zum Tod gehört unmittelbar auch Trauer - das erfahren Menschen mitunter bereits im Kindesalter. Wie aber gehen Kinder mit dem Tod nahestehender Personen um, und wie können Erwachsene sie in ihrer Trauer unterstützen? Eines ist für die deutsche Familientrauerbegleiterin und Autorin Mechthild Schroeter-Rupieper klar: "Zu jung ist zum Trauern niemand." Daraus ergibt sich für die Expertin, die zu den Pionierinnen der Trauerarbeit in Österreich gehört, ein umfassender Bildungsauftrag für Eltern, Kindergärten, Schulen, Politik und Gesellschaft.

 

Bis zum 18. Lebensjahr sehen Kinder und Jugendliche durchschnittlich mehr als 250.000 Leichen in Videospielen, Fernsehen und Internet. Im realen Leben hingegen fehle der Zugang zu Tod und Trauer beinahe völlig. Zu heikel seien die Themen, um Kinder und Jugendliche direkt damit zu konfrontieren, laute die gängige Meinung. Schroeter-Rupipier entkräftet dieses Vorurteil: "Kindern und Jugendlichen könne Tod und Trauer zugemutete werden."

 

Für die Trauerexpertin ergibt sich daraus zunächst ein klarer Bildungsauftrag für den engsten Familienkreis. "Eltern müssen Kindern lernen, wie man trauert." Für die Fähigkeit zu trauern gelte dasselbe wie für jede andere Fähigkeit: "Was man als Kind nicht lernt, kann man als Erwachsener auch nicht anwenden", so Schroeter-Rupieper gegenüber "Kathpress".

 

Viele Erwachsene im Ernstfall "ahnungslos"

 

Wohin die Tabuisierung von Trauer und Tod in der Gesellschaft führt, zeige sich in der "Ahnungslosigkeit" und Überforderung vieler Erwachsener im Ernstfall. In ihrer täglichen Arbeit erlebe die Trauerexpertin immer wieder, dass "selbst Erwachsenen nur wenig über Trauerprozesse oder medizinische Aspekte von Tod und Sterben wissen". Unmittelbare Folge sei oft eine Überforderung, die bei der Aufarbeitung des Todes einer nahestehenden Person hindere.

 

Dringend nötig sei deshalb ein Perspektivenwechsel, der Tod und Trauer aus der Tabuzone herausholt und "trauern lernen" als eine Chance begreift, machte die Trauerexpertin klar. Eine große Rolle spiele im Lernprozess das Vorbild der Eltern, die oft dazu neigen, aus falscher Rücksicht Trauer vor Kindern zu verstecken und Normalität vorzutäuschen. Damit erziehe man Kindern aber Wahrnehmungsstörungen an, so die Trauerexpertin, "denn Kinder haben oft ein sehr gutes Gespür dafür, wie es den Eltern geht".

 

Zum "trauern lernen" gehöre aber auch Aufklärung. "Genau wie wir Kindern andere Dinge der Welt erklären, müssen wir ihnen auch Sterben erklären", ermutigt die Expertin. Sterben sei ein natürlicher Prozess, der zum Leben dazugehöre. Ähnlich wie bei Themen wie Schwangerschaft und Geburt müsse Kindern deshalb auch vermittelt werden, was beim Sterben passiert, um so mit falschen und beängstigenden Vorstellungen aufzuräumen. Dabei könne es auch hilfreich sein, die tote Mutter oder den toten Vater vor der Beerdigung noch einmal zu sehen, um den ganzen Prozess vom Sterben bis zur Beerdigung transparent und so für Kinder verständlich zu machen.

 

Auch außerhäuslich mit Thema konfrontieren

 

Eltern dürften mit dieser Aufgabe aber nicht allein gelassen werden. Der Bildungsauftrag erstrecke sich deshalb über das Elternhaus hinaus auf Kindergärten und Schulen. Trauer und Tod hätten bisher kaum Platz in Schulen und Kindergärten. Hier sieht die Trauerexpertin klar Handlungsbedarf gegeben. Dabei gehe es nicht so sehr um professionelle Trauerbegleitung sondern darum, das Thema zur Sprache zu bringen.

 

Schroeter-Rupieper räumt auch mit dem Vorurteil auf, es wäre besser, aus Rücksicht Menschen im Trauerfall in Ruhe zu lassen und den Todesfall nicht anzusprechen, um keine Wunden aufzureißen. Gerade in Schulen und Kindergarten wäre das oft fatal, "denn welcher 15-jährige Schüler geht schon aktiv auf einen Lehrkörper zu und sucht das Gespräch?" Pädagogen müssten vielmehr das Gespräch mit dem betroffenen Schüler oder Kindergartenkind suchen. Oft helfe schon die Frage "Wie geht es dir?". Gleichzeitig habe dieses Verhalten Vorbildwirkung auf die Schüler, denn "wie sollen die lernen, darüber zu sprechen, wenn es von der Schule nicht weitergegeben wird?".

 

Und schließlich sei Trauer auch ein Bildungsauftrag für die Gesellschaft und die Politik. Politiker und berühmte Persönlichkeiten, wie etwa Fußballer, hätten hier eine besondere Vorbildwirkung.


Quelle: kathpress
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