Monday 30. May 2016
01. November 2014

1989: Frucht der Friedensgebete

Beten ist immer politisch: Das zeigen die Friedensgebete der 1980er Jahre in der Leipziger Nikolaikirche. Erinnerungen des verstorbenen Pfarrers Christian Führer.

Dass das Gebet seinen Platz sowohl im "stillen Kämmerlein" als auch im öffentlichen Raum der Kirche von Anfang an hatte und hat, ist hinlänglich bekannt. Dass aber das Gebet für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung auch die nichtchristliche Öffentlichkeit erfasst und zu weitreichenden politischen Folgen geführt hat, wurde zu einer neuen Erfahrung der Evangelisch-Lutherischen Kirche der DDR.

 

Es begann senfkornartig klein. In der Nikolaikirche Leipzig fing der Weg der Verheißung 1981 mit zehn Friedensgebeten zur Einführung der Friedensdekade an, ab 1982 dann die Intensivierung durch den regelmäßigen wöchentlichen Rhythmus, jeden Montag, 17 Uhr, im Herzen der Großstadt, in immer derselben Kirche. Die "Gebrauchsanweisung" für das Friedensgebet entnahmen wir dem Römerbrief:

 

Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Lasst euch vom GEIST entzünden. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Bedrängnis, beharrlich im Gebet.

 

Grundsatz war und ist, dass jede persönliche oder gesellschaftliche, jede lokale oder globale Not im Gebet vor Gott gebracht und vor Menschen öffentlich gemacht werden kann. Das soll im Geist des Evangeliums vom Kreuz Christi als Wort von der Versöhnung geschehen und auf dem Boden der Gebote Gottes stehen. Dazu gehört ein Mindestmaß an Konstruktivität. Bloße Wirklichkeitsbeschreibungen, die in Ausweglosigkeit enden, widersprechen dem Auftrag der Kirche.

 

Auch die Herabwürdigung anderer hat in Friedensgebeten keinen Platz – allerdings auch nicht die unerträgliche Ausgewogenheit vieler kirchlicher Verlautbarungen. Denn ungeschminkte, ehrliche Zeugnisse der Betroffenheit in Trauer und Wut, schonungsloses Aufdecken staatlicher Willkür und Ungerechtigkeit, struktureller wie persönlicher Gewalt waren im Friedensgebet unverzichtbar.

 

Schriftlesung im Zentrum

 

Schon bald nach ihrer Entstehung fanden die Friedensgebete eine eigene Form. Das Besondere daran: Jeweils eine andere Gruppe übernahm die Gestaltung. Im Zentrum standen und stehen Schriftlesung, Bibeltext mit Auslegung durch einen ordinierten Pfarrer oder eine Pfarrerin, die sich die Gruppe selbst wählt, Meditationsmusik, Informationen zur aktuellen Lage, Gemeindelieder zeitgemäßer Art aus dem eigenen Liedheft, Fürbitten, Vater Unser, Segen, dazu Orgelmusik am Anfang und Ende. Zusätzliche Gestaltungselemente waren bzw. sind etwa das Entzünden von Kerzen zu den Fürbitten, wo es passt, Chöre oder Gesangs- und Tanzgruppen sowie Orgelmeditationen.

 

Ein Charakteristikum war und ist die niedrige Schwelle, getreu dem Motto der Nikolaikirche "offen für alle". Deshalb: wenig Liturgie, aber immer wiederkehrende Elemente mit Wiedererkennungseffekt, damit Kirchenfremde und Atheisten sich schon beim zweiten Mal ein wenig vertraut fühlen.

 

Beten und Handeln

 

1989 war die wunderbare Frucht ununterbrochener wöchentlicher Friedensgebete herangereift. Am 9. Oktober, dem Tag der Entscheidung, wurde die Nikolaikirche im Verbund mit den anderen Innenstadtkirchen zum Ausgangspunkt der "Demonstration der 70.000" und damit zum Kernpunkt der Friedlichen Revolution überhaupt. Immer wieder hatte die Bergpredigt Jesu eine zentrale Rolle gespielt. Immer wieder, so auch an diesem Tag, die Bitte: "Lasst die Gewaltlosigkeit nicht in der Kirche stecken, nehmt sie mit hinaus auf die Straßen und Plätze!" Denn: Beten und Handeln, drinnen und draußen, Altar und Straße gehören zusammen!

 

So nahm ein Vorgang seinen Lauf, den es noch nie in der deutschen Geschichte gegeben hatte: eine Revolution ohne Blutvergießen, eine friedliche Revolution, eine Revolution, die aus der Kirche kam. Ein Wunder biblischen Ausmaßes!

 

Hilft beten? Die Frage hat bei uns eine eindeutige und spezifische Antwort bekommen.

 

Christian Führer


 

Christian Führer (*5. März 1943 in Leipzig, +30. Juni 2014 in Leipzig) war evangelischer Pfarrer im Ruhestand. Er war Gemeindepfarrer der Nikolaikirche in Leipzig, in welcher seit 1982 wöchentliche Friedensgebete stattfanden.

 

Quelle: Der Text erschien erstmals in der Zeitschrift "miteinander" des Canisiuswerkes im März 2013.

 

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