Tuesday 28. June 2016
23. December 2015

Bischof Kräutler: Papst nimmt Rücktrittsgesuch an

Aus Österreich stammender Bischof im Rückblick auf fünf Jahrzehnte kompromisslosen Einsatzes für Brasiliens Urwald-Bewohner

Bischof Erwin Kräutler
Er gilt als streitbarer Kirchenmann, der sich in Fragen der Menschenrechte, der skrupellosen Ausbeutung Amazoniens wie auch in Kirchenthemen kein Blatt vor den Mund nimmt: "Dom" Erwin Kräutler, seit 1980 Bischof der Amazonas-Diözese Xingu und seit 50 Jahren in Brasilien tätig, ist am Mittwoch, dem Tag vor Weihnachten, aus seinem Amt geschieden. Papst Franziskus nahm damit - wie der Vatikan in seinem Pressedienst "Bollettino" mitteilte - das im Vorjahr altersbedingt abgegebene Pensionierungsgesuch Kräutlers an und gönnt damit einem Kirchenmann den Ruhestand, der ihm und seinem Anliegen einer Kirche der Armen besonders eng verbunden ist.

Kräutlers Biografie, die er im Tyrolia-Buch "Mein Leben für Amazonien" darlegte, spiegelt die Geschichte der vergangenen Jahrzehnte des Amazonas-Regenwaldes, seiner Völker und seiner Kirche wider, die der bis Mittwoch längstdienende österreichische Bischof selbst entscheidend mitgeprägt hat. Er nahm dabei in Kauf, bei den Mächtigen anzuecken: Wegen seiner Teilnahme an einer Solidaritätsaktion mit Zuckerrohrpflanzern wurde Kräutler 1983 von der Militärpolizei festgenommen und verprügelt, vier Jahre später überlebte er nur knapp einen Mordanschlag. Sein Engagement trug ihm aber auch Anerkennung weit über Kirchenkreise hinaus ein: 2010 wurde Kräutler für seinen Einsatz für die Menschenrechte der Indios und die Erhaltung des tropischen Regenwaldes im Amazonas-Gebiet mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

Missionseinsatz nach der Priesterweihe
Geboren wurde Erwin Kräutler am 12. Juli 1939 in Koblach (Vorarlberg). Er ging hier mit dem heutigen St. Pöltner Bischof Klaus Küng zur Schule und war Mitbegründer der Katholischen Arbeiterjugend Vorarlbergs. Nach der Matura trat er in Liechtenstein in die "Kongregation der Missionare vom Kostbaren Blut" ein, studierte in Salzburg Theologie und Philosophie und wurde am 3. Juli 1965 zum Priester geweiht. Monate später ging er als Missionar in die Prälatur Xingu im brasilianischen Amazonas-Bundesstaat Para, wo sein Onkel Erich Kräutler Bischof war. Xingu ist mit 368.000 Quadratkilometern die flächenmäßig größte Diözese Brasiliens und hat heute 700.000 Einwohner, davon 10.000 Indios.

Als "ersten Dolchstoß" für den Amazonas und dessen Bewohner bezeichnet Kräutler den Bau der Transamazonica in den 1970er-Jahren. Die Straße quer durch den Urwald löste enorme Zuwanderung und soziale Spannungen aus und verschärfte auch den seelsorglichen Notstand. Brasiliens Bischöfe reagierten, angespornt durch das Zweite Vatikanische Konzil: Waren zuvor die wenigen Missionare der Region in rein sakramentalen Diensten tätig, entstanden nun hunderte von ausgebildeten Laien geleitete kirchliche Basisgemeinden, die der junge Priester Kräutler aktiv unterstütze und regelmäßig besuchte. Die Bischofskonferenz gründete 1972 den Indianer-Missionsrat CIMI, dessen Präsident Kräutler von 1983 bis 1991 und später erneut ab 2006 war.

Engagement für Indios und Landarbeiter
1980 wurde Kräutler zum Koadjutor seines Onkels, 1981 zu dessen Nachfolger als Bischof ernannt. "Eine Fülle von Problemen der Menschen auf der Transamazonica ist auf mich hereingestürzt", sagt er im Rückblick. Schließlich stehe er als Bischof inmitten der "gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und auch kirchenpolitischen Auseinandersetzung" und könne nicht so tun, als ob ihn "das alles nichts angeht". Hieß es aus Wirtschaft und Politik, er solle doch bei seiner "spezifisch religiösen Mission" bleiben, wies er dies zurück: Es gehe um Menschenrechte, Menschenwürde und oft auch "um Leben und Tod", und: "Ich kann das Evangelium ja nicht den Toten verkünden".

Sein Credo, Kirche müsse mit den Benachteiligten gehen statt nur für sie eintreten, nahm Kräutler wörtlich. Bei einer Demonstration von Plantagenarbeitern, denen man neun Monate den Lohn vorenthalten hatte, wurde er 1983 von der Militärpolizei verprügelt. Der Ruf der Menschen "Lasst ihn los, er ist unser Bischof!" sei für ihn die "zweite Bischofsweihe" gewesen, betont Kräutler oft. Sein Leben wurde jedoch zugleich immer gefährlicher: 1987 rammte ein Kleinlastwagen in einem inszenierten Autounfall seinen Pkw und ließ ihn schwerverletzt zurück, während sein Beifahrer starb. Mehrere Mitstreiter Kräutlers, darunter der Priester Hubert Mattle (1995) und die Ordensschwester Dorothy Mae Stang (2005), wurden kaltblütig ermordet. Infolge der bis heute anhaltenden Morddrohungen lebt Kräutler in Brasilien seit 2006 unter ständigem Polizeischutz.

Was Kräutler Feinde bescherte, war vor allem sein unbeugsamer Einsatz für Indios, Kleinbauern und Landarbeiter in der Verteidigung ihrer Rechte gegenüber Großgrundbesitzern, Landspekulanten und Holzhändlern. Der Bischof war federführend beteiligt, dass die Indios 1988 zu Vollbürgern Brasiliens wurden und Rechte bekamen, deren Umsetzung allerdings nur schleppend vorankommt: Weiterhin gibt es Probleme mit Grundbesitz und Landnutzung, verschärft von Straflosigkeit, Menschenhandel sowie fehlendem politischen Willen zum Erhalt des Amazonas. Gravierende Menschenrechtsprobleme wie die katastrophale Gesundheitsbetreuung würden sich nicht ändern, solange Eigenbestimmung und Mitsprache der Indigenen nicht voll umgesetzt seien, sagt Kräutler.

Menschen- und Umweltschützer
Weltweit bekannt wurde Kräutler durch sein hartnäckiges Eintreten gegen das Mega-Kraftwerk "Belo Monte" am Xingu-Fluss, nahe der Bischofsstadt Altamira. Der bereits gestartete Bau des weltweit drittgrößten Wasserkraftwerks, dessen Stausee Ausmaße des Bodensees hat und 40.000 Anwohner vertrieben hat, werde "auf Biegen und Brechen, mit einer Strategie der vollendeten Tatsachen" durchgepeitscht, so der Bischof. "Brasilien leugnet alles, was nicht sein darf, so Kräutlers Kritik, die sich immer wieder auch gegen die europäischen Beteiligten des Projekts, darunter Andritz (Ö), Voith-Siemens (D) und Alstom (F), richtete.

Ganz erfolglos ist der lange Widerstand in Kräutlers Augen nicht gewesen, zumindest habe sich die Staatsanwaltschaft auf Seite der Indigenen und der Flussbewohner gestellt, viele Prozesse würden weiter laufen und neue Allianzen wie etwa mit Umweltorganisationen seien entstanden. Für sein Indio-Engagement, zu dem auch das Eintreten gegen die Regenwald-Abholzungen und -Brandrodungen für Biodiesel-Monokulturen oder Sojaplantagen gehört, erhielt der Bischof 2010 den "Alternativen Nobelpreis". Der laut WWF "wichtigste Menschen- und Umweltschützer Brasiliens" betonte mehrfach, die Welt dürfe sich im Amazonas keine Atempause gönnen, wolle sie der Zukunft "mehr als nur Kahlschlag, Wüste und Chaos" hinterlassen.

Bischof Kräutler erhielt auch zahlreiche andere internationale und österreichische Ehrungen, u.a. den "Romero-Preis" der Katholischen Männerbewegung, das Ehrendoktorat der Universitäten Innsbruck, Luzern, Bamberg und Para, das Goldene Ehrenzeichen des Landes Vorarlberg und das Große Goldene Ehrenzeichen mit dem Stern der Republik Österreich, zudem ist er Ehrenbürger seiner Heimatgemeinde Knoblach und fast aller politischen Gemeinden am Xingu. Er selbst bezeichnet sich als "Brasilianer, in Österreich geboren": 1978 erhielt er zusätzlich die brasilianische Staatsbürgerschaft, wiewohl er sich in seinem Geburtsland weiterhin heimisch fühlt und regelmäßig zu Vorträgen, Solidaritätsaktionen und Firmungen kommt.

Offene Baustellen
Der Kirche im Amazonas praktiziere heute den Dialog und Respekt mit den Indios, betont Kräutler: Sie wolle kein christliches Weltbild "überstülpen", sehe ihre Kulturen nicht als "Subkulturen". Viele Probleme seien dennoch weiter ungeklärt - etwa dass 70 Prozent der Gemeinden von Xingu wegen Priestermangels sonntags keine Eucharistie feiern. Hoffnungen auf neue Wege wie den Einsatz bewährter Männer (viri probati) in Gemeindeleitung und Eucharistiefeier sieht er durch Papst Franziskus bestärkt. Der Papst habe die Bischöfe Amazoniens um "beinahe verwegene, kühne Vorschläge" hinsichtlich des Problems eucharistieloser Gemeinden gebeten, berichtete Kräutler jüngst über eine Privataudienz bei Franziskus.

Durchaus traut Kräutler dem Papst aus Lateinamerika zu, er werde für die weltweiten Auswüchse eines "menschenverachtenden Kapitalismus" ähnlich bedeutsam werden "wie Johannes Paul II. in Hinblick auf den seinerzeitigen kommunistischen Ostblock". Auch dem Wojtyla-Papst, der für seine Haltung gegenüber der Befreiungstheologie oft in Kritik stand, war Kräutler mehrmals begegnet - und von ihm im Einsatz für die kirchlichen Basisgemeinden stets bestärkt worden, betont der Bischof. Die Anliegen der Befreiungstheologie hält er für "nach wie vor aktuell", wenngleich es heute um sie nicht mehr die großen Diskussionen und Auseinandersetzungen wie in den 1980er-Jahren gebe.

Papst Franziskus hat in den Augen des austro-brasilianischen Bischofs eine Wende eingeleitet, die unumkehrbar ist. Die Kirche sei schon an einem "Point of no return" angelangt. "Ich glaube kaum, dass ein nächster oder übernächster Papst das einfach ungeschehen machen kann, was Franziskus heute bedeutet", so Kräutler erst am Dienstag gegenüber Radio Vatikan.

Aufgabe seines Nachfolgers wird die Teilung der Riesen-Prälatur Xingu in drei Diözesen sein, blickte Kräutler in dem gemeinsam mit dem Publizisten Josef Bruckmoser verfassten Buch in die Zukunft. Er selbst will - wie er ankündigte - nach Annahme seines Rücktrittsgesuchs durch den Papst teils in Brasilien, teils in Österreich leben, für Firmungen, Einkehrtage oder den Orden zur Verfügung stehen, das Diözesanarchiv in Altamira ordnen oder eine "Geschichte des Xingu" schreiben.
Quelle: Kathpress
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