Saturday 23. July 2016
07. January 2016

"Niemand geht freiwillig weg"

95-jährige Mutter von Kardinal Schönborn berichtet in Porträt des Dokumentarfilmers Robert Schneider von ihrer eigenen Flucht im Jahr 1945

Eleonore Schönborn
Eine Lanze für die in Österreich ankommenden Flüchtlinge hat die 95-jährige Eleonore Schönborn, die Mutter des Wiener Kardinals Christoph Schönborn, gebrochen. "Das will ich allen Leuten sagen, die immer über die Flüchtlinge schimpfen: Man geht nicht weg von zu Hause, wenn man nicht muss, solange man ein Dach über dem Kopf hat", betonte Schönborn in einem am Dreikönigstag im ORF-Fernsehen ausgestrahlten Porträt.

Eleonore Schönborn musste 1945 als Mutter von zwei kleinen Kindern, unter ihnen der erst neun Monate alte Sohn Christoph, in Folge der Benes-Dekrete binnen einer Stunde ihre Heimat in Skalken (Skalsko) nahe der tschechischen Stadt Litomerice (Leitmeritz) verlassen. Ihre Flucht führte sie über viele Umwege schließlich nach Schruns in Vorarlberg, wo die Familie fünf Jahre nach der Vertreibung eine neue Heimat fand.

In dem vom Schriftsteller und Dokumentarfilmer Robert Schneider ("Schlafes Bruder") gestalteten knapp 25-minütigen TV-Porträt unter dem Titel "Heimfinden" erzählte die 1920 geborene Eleonore Schönborn von ihrer Jugend als Tochter einer Adelsfamilie in Böhmen, in der die Nachklänge der Monarchie noch lebendig waren. Die Welt schien vorgezeichnet, bis der Krieg kam. "Mit einem Schlag war alles zu Ende", erinnerte sie sich in dem Film.

Mit ihren beiden Söhnen - zwei weitere Geschwister von Christoph Schönborn kamen erst später auf die Welt - flüchtete Eleonore Schönborn nach der Vertreibung aus der Tschechoslowakei zu Verwandten nach Breiteneich bei Horn in Niederösterreich. Nach dem Winter 1945/46 wanderte die Familie weiter nach Graz zur ältesten Schwester Eleonores, wo sie auch ihren Mann, den Maler Hugo-Damian Schönborn (1916-1979), der als Soldat 1944 zur englischen Armee übergelaufen war, wieder traf. Später erhielt Schönborn Arbeit in Vorarlberg. So wurde Schruns im Montafon ab 1950 für die Familie zur neuen Heimat.

"Ich habe immer das Bedürfnis gehabt, irgendwohin zu gehören", erinnerte sich die 95-jährige Mutter des Kardinals und verbarg auch nicht die Schwierigkeiten in den Anfangsjahren in ihrer neuen Heimat. "Ich habe 25 Jahre gebraucht, bevor ich wirklichen Kontakt mit den Einheimischen bekommen habe." Als berufstätige Mutter von vier Kindern war Schönborn viele Jahre lang als Werbeleiterin und Pressesprecherin tätig. Im Montafon hat sie sich auch aktiv für Flüchtlinge sowie im kulturellen und kirchlichen Bereich eingesetzt.

In nachdenklichen Worten berichtete Eleonore Schönborn in der TV-Doku auch von der Scheidung von Hugo-Damian Schönborn. "Die Kinder empfinden es auch heute immer noch als Schmerz", schilderte sie. Sie selbst habe aber "nicht mehr gesehen, wie es weitergehen soll".

(Info: Das Film-Porträt "Heimfinden - Eleonore Schönborn" ist noch bis 13. Jänner in der ORF-TVthek http://tvthek.orf.at abrufbar.)
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