Donnerstag 25. Mai 2017
09. Januar 2016

Papst Franziskus: "neue katholische Streitkultur"

Innsbrucker Theologe Bauer bei Pastoraltagung in Salzburg: "Katholisch sein bedeutet Aushalten von Pluralität" - "Pastoralinnovator" Plank: Fokus auch auf "Fernstehende" richten

Papst Franziskus streckt den Daumen aus - das Zeichen für 'Alles Ok', bei einem Treffen mit asiatischen Jugendlichen am Solmoe Heiligtum in Dagjin am 15. August 2014. REUTERS/Ahn Young-joon/Pool (SOUTH KOREA - Tags: RELIGION PROFILE POLITICS SOCIETY

Anders als bei seinen beiden Vorgängern treten unter Papst Franziskus innerkirchliche Differenzen stärker zutage, es entwickelt sich zugleich eine "neue katholische Streitkultur". Das betonte Christian Bauer vom Institut für Praktische Theologie der Universität Innsbruck am Samstag zum Abschluss der diesjährigen österreichischen Pastoraltagung unter dem Thema "Pluralität in Gesellschaft und Kirche" im Salzburger Bildungshaus St. Virgil.

Der Papst habe dies etwa bei der Weltbischofssynode zu Ehe und Familie im vergangenen Herbst selbst gefördert, als er die Synodalen dazu aufforderte, über durchaus kontroverse Themen "mit Freimut zu sprechen" und andere Standpunkte "mit Demut zu hören". Und in seiner Schlussansprache habe Franziskus in realistischer Einschätzung angemerkt, manches der besprochenen Themen sei für den einen Bischof "normal", für den anderen aber "ein Skandal".

"Katholisch" - also weltumspannend - sein bedeute per se das Aushalten von Pluralität, so Bauer. In seinem Vortrag über "Inspirationen für den pastoralen Umgang mit Pluralität" erinnerte der Theologe daran, dass der Kirche "Pluralität im eigenen Haus" gleichsam eingeschrieben sei: Von den Anfängen des Christentums an sei "Sammlung", für die Petrus steht, neben "Sendung", die Paulus vorlebte, gestanden; in der Bibel gebe es nicht einen, sondern zwei Schöpfungsberichte; beim II. Vatikanum seien mit "Lumen Gentium" und "Gaudium et Spes" quasi zwei Kirchenverfassungen verabschiedet worden. Nicht zufällig habe Papst Johannes XXIII. das Konzil mit dem alten Leitwort eröffnet: "Im Notwendigen Einheit, im Zweifel Freiheit, in allem Liebe."

Bauer legte dem Auditorium Haltungen ans Herz, die Neues als Frucht von Differenz entstehen lassen. Es gelte sich im Sinn von Michel Foucault auf Erfahrungen einzulassen, aus denen man "verändert hervorgeht", ohne Konfliktscheu, stattdessen bereit, sich selbst nicht auf festgelegte Schablonen der Wahrnehmung zu beschränken. Der barmherzige Samariter der Bibel sei Vorbild darin, sich von Begegnungen mit dem Anderen im Alltag unterbrechen zu lassen. Dies ist nach den Worten Bauers auch Voraussetzung dafür, sich für die Begegnung mit Gott als dem "ganz Anderen" offenzuhalten.

Freilich könne es damit auch zu Kontakt mit anderen Zeitgenossen kommen, deren Anderssein "weh tut". Auf das derzeit so polarisierte Feld der Politik gemünzt sagte der Pastoraltheologe, es komme vor, dass manche Gruppen die Freiheit des demokratischen Rechtsstaates benutzen, um dessen Freiheit zu bekämpfen. Bauer zeigte sich demgegenüber aber optimistisch: Eine offene Gesellschaft, die ihre grundlegenden Werte nicht aufgibt, sei "durch nichts zu besiegen - auch nicht durch Terror".

"Konvivenz" und "Pastoralinnovation"
Impulse durch Walter Krieger, den Generalsekretär des Österreichischen Pastoralinstituts, und Georg Plank, Gründer von "Pastoralinnovation", füllten am Samstag die Lücke durch die krankheitsbedingte Vortragsabsage der Feldkircher Integrationsexpertin Eva Grabherr. Krieger griff auf den Begriff der "Konvivenz" aus der Pastoraltagung des Jahres 2013 zurück, um für miteinander geteiltes Leben und Lernen zu werben. Auf Basis wechselseitiger Anerkennung werde "Differenzfreude" erfahrbar.

Plank bedauerte, dass viele Pfarrgemeinden auf Außenstehende unfreundlich wirkten und wenig "Willkommenskultur" entwickelten. Er verwies auf von ihm besuchte Pfarren in den USA, wo ein selbstverständlicher Fokus auch auf "unchurched and dechurched people" - auf "Fernstehende" - liege, die vor Gottesdiensten einfühlsam begrüßt würden. Auch vermeintlich Banales wie ausreichende Parkmöglichkeiten oder saubere Toiletten seien wichtig, um Kirchenbesuchern das Gefühl zu geben, willkommen zu sein. Innovation sei oft nichts anderes als das Verbessern des ohnehin Vorhandenen oder eine "Variation von Tradition", betonte Plank.

Kirche braucht mehr Marken-Strategie
Um aus der "Komfortzone" herauszukommen, würden der katholischen Kirche Anleihen aus der im Wirtschaftsleben gebräuchlichen Marken-Strategie gut tun. Der Grazer Markenentwickler Franz Hirschmugl empfahl den Teilnehmern der Pastoraltagung die Ausrichtung auf eine zentrale, unverwechselbare Botschaft mit Wiedererkennungswert, die in allen Angeboten und Veranstaltungen zum Ausdruck kommen solle: "Wie kommt mehr Liebe in die Welt?", könnte laut Hirschmugl so eine Leitfrage sein. Statt dem Reden bzw. Kreisen um sich selbst sollten Kirchenvertreter damit die "Aufmerksamkeit der Kundschaft" erregen.

Der frühere Journalist, der u.a auch für die Caritas (Kampagne "Gemeinsam Wunder wirken") und für Ordensgemeinschaften arbeitete, riet vor allem zu zeitgemäßen Angeboten zum Thema Spiritualität. Dieses Feld sei längst nicht mehr nur mit Religiosität verknüpft und dürfe nicht "den anderen" überlassen werden. Die Kirche habe eine 2.000-jährige Tradition mit viel Feuer, in der sich aber auch viel "Asche" angesammelt habe, rief Hirschmugl zur Abkehr von überalteten Ritualen und Symbolen auf. Auch sprachlich bedarf es seiner Ansicht nach einiger Neuerungen, denn wer sage heute zum Beispiel noch "Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach"? Als großen Hemmschuh bezeichnete der Marken-Experte auch die "Ausgrenzung" von Frauen, die innerhalb der Kirche wenig zu reden hätten.

Jesus sei radikal gewesen und würde heute wohl exkommuniziert werden, mutmaßte Hirschmugl. Dies müssten seine Nachfolger kaum befürchten, sie könnten sich durchaus etwas von dieser Radikalität abschauen, wenn es um notwendige Veränderungen geht. Hirschmugl berief sich in seiner Ermutigung auf niemand Geringeren als Papst Franziskus: "Bei Jesus bleiben bedeutet aufbrechen, aus sich selbst herausgehen und nicht im müden Gewohnheitsglauben verharren".

An der dreitägigen Pastoraltagung, alljährlich veranstaltet vom Österreichischen Pastoralinstitut (ÖPI), nahmen rund 300 kirchliche Mitarbeiter in Seelsorge und Schuldienst diesseits und jenseits der Grenzen Österreichs teil, darunter einige Bischöfe. Die Arbeit in Kleingruppen und liturgische Feiern - u.a. mit dem für das ÖPI zuständigen Referatsbischof Alois Schwarz (Gurk-Klagenfurt) sowie mit Militärbischof Werner Freistetter - ergänzten die Vorträge. Das Thema der Pastoraltagung im kommenden Jahr: "Jesus Christus". (Info: www.pastoral.at)

 

 

Quelle: kathpress

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