Sonntag 4. Dezember 2016
13. Januar 2016

Schönborn erinnert an NS-Widerstand Irene Harands

Wiener Autorin hatte 1935 Gegenschrift zu Hitlers Hetzschrift publiziert - Schönborn: "Christ sein und Antisemit sein schließen einander aus"

Irene Harand-Buch 'Sein Kampf - Antwort an Hitler'.        Wien, 11.3.2005
Kardinal Christoph Schönborn hat die Wiener Autorin Irene Harand (1900-1975) für deren Widerstand gegen die NS-Ideologie und ihre Gegenschrift zu Adolf Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf" gewürdigt. Ein Nachdruck des Pamphlets ist seit dem Jahreswechsel wieder möglich, da mit dem 31. Dezember 2015 die Urheberrechte nach Ablauf der Regelschutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod Hitlers endeten. Dass damit auch Irene Harands 1935 erschienenes Werk "Sein Kampf. Antwort an Hitler" heute "endlich wieder in das Blickfeld der Öffentlichkeit rückt", nannte der Wiener Erzbischof gegenüber "Kathpress" ein "ermutigendes Zeichen".

Die Neuauflage von Harands Buch leiste einen bedeutenden Beitrag zur Bewusstseinsbildung, "dass die Sicherung von Freiheit und Würde aller Menschen in jeder Generation als Aufgabe neu gestellt ist und bleibt". Schönborn äußerte die Hoffnung, dass der Mut und die Einsatzbereitschaft der Katholikin, die 1938 ins Exil ging und auf die die Nazis ein Kopfgeld von 100.000 Reichsmark aussetzten, auch heute "zur Nachahmung herausfordern" möge.

Der Kardinal erinnerte an die 2005 im Wiener Erzbischöflichen Palais durchgeführte Marathonlesung des damals von Franz Richard Reiter neu aufgelegten Harand-Buches, an der sich mehr als 100 Prominente beteiligten - u.a. Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg, Andre Heller, Karl Merkatz, Peter Turrini, Peter Pelinka, Hans Rauscher und Franz Küberl. Schönborn selbst hatte im Vorwort zum Buch betont: "Christ sein und Antisemit sein sind unvereinbar", eine Feststellung, die er auch am Mittwoch gegenüber "Kathpress" erneut unterstrich.

Wie Schönborn sagte, habe Irene Harand "das Verbrecherische und Menschenverachtende des Nationalsozialismus erkannt" und all die falschen Vorurteile und den Hass gerade gegenüber Juden entlarvt, die Hitler in "Mein Kampf" als Grundlage seiner Politik formulierte. Der Kardinal zitierte die 1935 publizierten, prophetischen Schluss-Sätze im Harand-Buch: "Das Hakenkreuz bedeutet eine große Gefahr für die Menschheit. Das Hakenkreuz ist die größte Gefahr des Jahrhunderts. Wenn wir ihr begegnen wollen, müssen wir gerade die Waffen anwenden, die dem Hakenkreuz fremd sind; Idealismus und Opfermut. Vernunft und Liebe. Wahrheit und Gerechtigkeit."

Als überzeugte Christin habe Harand es für ihre Pflicht gehalten, gegen den Antisemitismus zu kämpfen. Ein Exemplar ihres Werkes widmete sie auch dem damaligen Wiener Erzbischof, Kardinal Theodor Innitzer. In seinem Dankschreiben würdigte er das "freimütige" Werk und schloss mit den Worten: "Der letzte Absatz Ihres Buches möge Gemeingut und Parole aller Nicht-Nazi werden!"

Eine Wiener "Gerechte unter den Völkern"
Irene Harand, 1900 in Wien geboren und in der katholischen Kirche aktiv tätig, bekämpfte bereits in den 1930er-Jahren aus christlicher Motivation den "Betrug des Antisemitismus". 1933 gründete sie zusammen mit dem 1940 im KZ Sachsenhausen ermordeten Anwalt und Politiker Moriz Zalman die "Harand-Bewegung" als "Weltbewegung gegen Rassenhass und Menschennot". Ihre intensive Vortrags- und Werbetätigkeit führte sie in zahlreiche europäische Länder. Nach der erzwungenen Emigration 1938 lebte Harand in New York. Tausende österreichische Juden verdankten ihr die Möglichkeit zur Emigration in die USA.

Harand war Mitbegründerin des "Free Austrian Movement". Nach dem Krieg war sie maßgeblich am Aufbau und der Pflege der kulturellen Beziehungen zwischen Österreich und Amerika beteiligt. Sie gründete unter anderem das "Österreichische Institut" in New York. 1969 wurde Irene Harand als "Gerechte unter den Völkern" von der israelischen "Yad Vashem"-Gedenkstätte geehrt. 1971 wurde sie mit dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet. Sie starb im Februar 1975 in New York. 1990 wurde ein Wiener Gemeindebau nach ihr benannt.

"Mein Kampf" ist wieder Thema
Der Neudruck von "Mein Kampf" war vor dem 1. Jänner 2016 in Deutschland nach dem Urheberrecht unzulässig. 1948 wurde von der bayerischen Justiz Hitlers materieller und immaterieller Nachlass eingezogen. (Hitler war bis zu seinem Tod mit Wohnsitz am Prinzregentenplatz 16 in München gemeldet). Seither war das Land, vertreten durch das Bayerische Finanzministerium, Inhaber der Urheberrechte, die mit dem 31. Dezember 2015 nach Ablauf der Regelschutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod Hitlers endeten. Verschiedene Buchhandelsketten ("Thalia", "amazon", "Hugendubel") hatten zuletzt angekündigt, die kritisch kommentierte Edition von "Mein Kampf" des angesehenen deutschen "Instituts für Zeitgeschichte" nur auf ausdrücklichen Kundenwunsch zu bestellen bzw. Verkaufserlöse für einen gemeinnützigen Zweck spenden zu wollen.
Quelle: kathpress
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