Freitag 23. Juni 2017
15. Januar 2016

Große Fortschritte im Dialog Kirche-Judentum

Früherer Vatikan-Berater Prof. Henrix im "Kathpress"-Interview: "Wir haben im Austausch Fortschritte gemacht, die wir vor 20 Jahren nicht zu hoffen wagten"

Die katholische Kirche und das Judentum haben zuletzt "im Austausch Fortschritte gemacht, die wir vor 20 Jahren nicht zu hoffen wagten". Das betonte der deutsche Theologe Prof. Hans Hermann Henrix im "Kathpress"-Interview. Für den ehemaligen Konsultor der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum beim Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen am Vatikan ist das Pontifikat von Papst Franziskus symptomatisch für das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum: Er strahle eine Offenheit und eine Haltung der Anerkennung aus.

Am 17. Jänner wird in Österreich und einigen anderen Ländern der "Tag des Judentums" begangen, an dem sich die Kirchen ihrer jüdischen Wurzeln besinnen. An diesem Tag werde Papst Franziskus die Tradition seiner beiden Vorgänger "bestärken", so Henrix, und die Synagoge in Rom besuchen. Damit unterstreiche der Papst die "Nähe der Kirche zum Judentum". Außerdem drückt sich für Henrix damit aus, dass Christentum und Kirche "ohne positiven Grundbezug zum Judentum nicht denkbar" seien.

Diese Haltung stelle ein Novum in der Kirchengeschichte dar. Über eine lange Phase in der Vergangenheit sei die Kirche dem Judentum nämlich laut Henrix feindselig gegenübergestanden. Der Theologe drückte den Wunsch aus, dass ein solcher "Tag des Judentums" auch in Deutschland begangen werde, was bis jetzt nicht der Fall sei.

Im Dezember waren zwei Dokumente zum christlich-jüdischen Dialog erscheinen: eines vom Vatikan und eines von einer Gruppe orthodoxer Rabbiner. Henrix sprach in diesem Zusammenhang von einem "doppelten Fanfarenstoß", den die beiden Dokumente bewirken würden.

Der Theologe hob hervor, dass das vatikanische Dokument im Geiste des Konzilsdokuments "Nostra Aetate" (1965) geschrieben sei, gleichzeitig aber auch "neue Pointierungen" vornehme. Die Formulierung einer "prinzipiellen Ablehnung einer institutionellen Judenmission", wie sie im neuen Dokument verwendet wird, hätte der Vatikan bisher noch nicht gebraucht. Henrix findet im Dokument den "Grundton der Anerkennung", sieht aber auch, dass für die katholische Theologie in Zukunft weitere Fragen zu lösen seien, die in dem vorliegenden Dokument noch keine Klärung gefunden hätten.

Eine Woche vor der Veröffentlichung des vatikanischen Dokuments unterzeichnete eine Gruppe von 20 orthodoxen Rabbinern ein Dokument, das klare theologische Aussagen erhält, so Henrix. Feindschaft sei hier durch Zuwendung ersetzt worden. Das jüdische Dokument mit einem "durchwegs positiven Grundton" bringe eine "theologische Würdigung" der Kirche zum Ausdruck. Es vermittle dem Leser laut Henrix, dass das Christentum weder ein "Unfall" noch ein "Irrtum" sei, sondern "Geschenk Gottes an die Völker". Das Dokument betone, dass die Kirche ein "wichtiger Gesprächspartner" sei. Nachsatz von Henrix: Ein solch positiver Grundton sei noch vor 15 Jahren nicht zu erwarten gewesen: "Das zeigt, dass sich auch in jüngster Zeit einiges verändert hat."

Optimistische Einschätzung für nahe Zukunft
Der deutsche Theologe zeigte sich überzeugt, dass der christlich-jüdische Dialog auch in den nächsten Jahren positiv fortgeführt wird. Ohne Kontroversen werde das Verhältnis freilich nicht bleiben. Beide Seiten seien jedoch auf "schießende Kontroversen" gut vorbereitet und würden diese in einem "kollegialen Klima" erörtern können, "um sie zu überwinden und zu positiven Lösungen" zu gelangen.

Es habe sich inzwischen sogar eine "fast freundschaftliche Kollegialität zwischen Kardinälen, Bischöfen, Theologinnen, Theologen kirchlicherseits und Gelehrten, Rabbinern, Rabbinerinnen jüdischerseits" entwickelt. Besonders von Seiten der Politik werde es aber, so Henrix, auch in die Zukunft ein "Potential an Konflikten und Kontroversen" geben.

Henrix hielt sich dieser Tage in Wien auf, wo er einen Gastvortrags an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien über die aktuellen Herausforderungen im christlich-jüdischen Dialog hielt. Der Vortrag fand im Vorfeld des "Tag des Judentums" am kommenden Sonntag statt, den die Kirchen seit 1997 gemeinsam feiern, um ihrer Verbundenheit mit dem Judentum Ausdruck zu verleihen. Zugleich war er auch der Auftakt zu einer Reihe von Veranstaltungen, mit denen der Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit 2016 sein 60-jähriges Bestehen begeht.

In seinem Vortrag sprach der Aachener Theologe auch nach wie vor bestehende "schmerzliche Kontroversen" an, die das Verhältnis zwischen Christen und Juden immer wieder trüben würden. Insbesondere mit der untrennbaren Verknüpfung des Judentums mit dem Staat Israel, in dem sich das Volk Israel manifestiert, habe man von katholischer Seite nach wie vor Schwierigkeiten. "Die Forderung vieler Juden, Israel zur theologischen Fragestellung zu machen, wird von der katholischen Kirche weitestgehend negiert", dies habe sich auch im aktuellen vatikanischen Dokument nicht geändert, so Hendrix.

Wie fragil die christlich-jüdische Verbundenheit auch heute noch zum Teil ist, habe sich beispielsweise bei der "Beschneidungskontroverse" im Sommer 2012 gezeigt. Die Zahl der "unqualifizierten Stimmen", teilweise auch von kirchlicher Seite, habe ihn sehr "nachdenklich" gestimmt, so Henrix: "Es hat sich gezeigt, dass bei sensiblen Themen noch immer verächtliche Töne gegenüber dem Judentum vernehmbare sind."

"Nostra Aetate" als Wegbereiter
Das Konzilsdokument "Nostra Aetate" über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen sei in den vergangenen Jahren stark rezipiert worden, erinnerte Henrix im "Kathpress"-Interview. Es habe inzwischen jedenfalls "ein Stück Fortschreibung" des Dokuments gegeben. Eine wichtige Rolle dabei habe Johannes Paul II. gespielt, der bei seinem Besuch in Deutschland im Jahr 1980 zentrale Aussagen getätigt habe. Der Papst habe von "dem von Gott nie gekündigten alten Bund" gesprochen. Eine solch klare Formulierung sei laut Henrix in "Nostra Aetate" noch nicht zu finden. Auch von innerkirchlicher Kritik auf diese Aussagen zur Beziehung zwischen katholischer Kirche und Judentum habe sich Johannes Paul II. nicht beeindrucken lassen und sei bei dieser "theologischen Vision" geblieben, würdigte der Theologe den polnischen Papst.

Wenn es auch seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine ständige Verbesserung des jüdisch-christlichen Dialogs gegeben habe, seien auch Irritationen aufgetreten. Ein Zusammentreffen von Johannes Paul II. mit dem ehemaligen UN-Generalsekretär und österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim sei von jüdischer Seite beispielsweise nicht gut aufgenommen worden, wie ein Blick Henrix' in die Geschichte zeigte. Dennoch: Unter Johannes Paul II. seien alle Verstimmungen immer "positiv bearbeitet" worden.

Das Pontifikat von Benedikt XVI. beurteilte Henrix in Bezug auf den jüdisch-christlichen Dialog ambivalent. Einige Rabbiner sind laut dem Theologen der Meinung, dass die Wirkung des deutschen Papstes für den Dialog zwischen Kirche und Judentum in den kommenden Jahren nicht zu unterschätzen sei. Die Anpassung der Karfreitagsfürbitte für die Anhänger des tridentinischen Ritus im Jahr 2008 habe allerdings "unbestreitbar" zu Irritationen geführt, besonders deswegen, weil die Überschrift "Pro conversione iudaeorum" - "Für die Bekehrung der Juden" nicht geändert worden sei, erläuterte Henrix.

 

 

Quelle: kathpress

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