Sonntag 4. Dezember 2016
25. Januar 2016

In der Bibel steht 366 Mal "Fürchtet euch nicht"

Wiener Theologe formuliert zum Streitthema Obergrenze "Differenzierungen über Graben zwischen Meinungslager hinweg"

Gegen die derzeit beim Flüchtlingsthema vorherrschenden "diffusen Ängste" hilft nach der Überzeugung des Wiener Theologen und Werteforschers Paul Zulehner nur eine "standfeste und einsichtige Politik, die nicht nur an den Symptomen arbeitet, sondern vorrangig die Ursachen bekämpft". Eine Obergrenze für Asylwerber sei bestenfalls die "letzte mögliche Notmaßnahme", denen zuvor eine Reihe anderer Maßnahmen vorausgehen müsse. Und: Es brauche den Aufbau von Vertrauen als "Gegengewicht" gegen Angst: Statt "Emotionalisierung und Hysterie" seien "Rundumbildung der Bevölkerung" sowie Begegnungen angesagt. "Das Gesicht eines syrischen Kindes heilt mehr Angst als gutes Zureden", so Zulehner in seinem Blog. Nicht umsonst stehe in der Bibel 366 Mal "Fürchtet euch nicht!" - für jeden Tag einmal.

Wie der emeritierte Pastoraltheologe schrieb (https://zulehner.wordpress.com), wolle er zum derzeitigen Streitthema Obergrenze "Differenzierungen über den Graben zwischen den Meinungslager hinweg" einbringen. Es gebe hier eine aus der Ethik-Diskussion bekannte "Spannung zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik". Grundsätzlich gelte: "Es gibt beim Ideal der Nächstenliebe und auch bei der Menschlichkeit kein Limit. Und Nächstenliebe von der "Fernstenliebe" zu trennen "würde aus ihr eine Art Rudelegoismus machen", warnte Zulehner.

Zugleich sei klar, dass Österreich nicht alle Kriegs- und armutsbedingten "Hoffnungsflüchtlinge" aus den Krisenregionen der Welt aufnehmen könne. Grenzen würden gesetzt durch Wirtschaftskraft, verfügbare Wohnungen, Arbeitsmarkt und "(leider) aber auch durch Ängste in der Bevölkerung".

Eine Politik, die diesen Namen verdient, sei zwar durch die Gesinnung geleitet, zugleich aber durch die begrenzte Realität im Handeln gebunden und zum Gemeinwohl verpflichtet, betonte Zulehner. Das Ideal werde immer nur fragmentarisch realisiert, "die Politik handelt immer innerhalb von Grenzen". Allerdings werde dadurch die Gesinnung nicht überflüssig, Grenzen müssten nach Möglichkeit auch nach einer Entscheidung über deren Festlegung im Sinn des Ideals ausgeweitet werden.

Alternativen zum allzu "einfachen Weg"
Wer nun angesichts "der (wirklich oder befürchtet) zu hohen Zahlen" beim Flüchtlingszustrom eine in Zahlen gegossene Obergrenze setze, gehe "den raschen und einfachen Weg". Zulehner ließ keinen Zweifel daran, dass er einen differenzierteren Zugang für besser hält: International koordiniert die Fluchtursachen anzugehen hieße: diplomatische Bemühungen um Waffenstillstand etwa in Syrien und Afghanistan, Stopp für Waffenlieferungen, von der UNO verteidigte Schutzzonen, Stärkung von UNHCR-Flüchtlingscamps rund um Syrien inklusive Ausbildung für Kinder und Jugendliche sowie die Möglichkeit zum Asylansuchen vor Ort. Auch für den Wiederaufbau nach dem Krieg - Stichwort "Marshall-Plan für Syrien" - sei bereits jetzt vorzusorgen, betonte Zulehner. Und nicht zuletzt sei im Blick auf Österreich zu "klären, ob unsere Aufnahme-Grenzen wirklich schon erreicht sind" und wie Angst vor Flüchtlingen gemindert werden kann.

Langfristig zu berücksichtigen sei die Schieflage in der Weltwirtschaft, die zum "Globalen Marsch" aus Armutsregionen der Welt in Richtung der nördlichen Reichtumszone führe und der damit für die Herkunftsländer verbundene Aderlass an Gebildeten und Begabten.

"Diffuse Ängste entsolidarisieren"
"Es sind diffuse Ängste, die entsolidarisieren" und zunächst zu Abwehr, dann zum Hass und zur Gewalt führen, weiß der Religionssoziologe. Beispiele seien die Angst vor dem eigenen sozialen Abstieg oder die Angst junger Einheimischer, dass ihnen motiviertere Asylwerber den Platz streitig machten. "Nach den Grauslichkeiten in Köln" sei Hysterie "gezielt geschürt" worden, ausgeblendet seien dabei laut Zulehner etwa die sexualisierte Gewalt an Flüchtlingsfrauen durch Sicherheitsbeamte oder auch die von Einheimischen begangenen Übergriffe geblieben. Zu denken gebe, dass die Kriminalität unter den vielen Schutzsuchenden vergleichsweise nicht höher ist als bei der ansässigen Bevölkerung, die Kriminalität gegen die Schutzsuchenden jedoch zuletzt um ein Vielfaches anstieg.

Statt einer Politik der Emotionalisierung brauche es eine, die über solche Fakten und über den Realitätsgehalt der vermeintlichen "Islamisierung" Europas informiert, forderte Zulehner. Es brauche auch "eine fundierte und zugleich populäre (inter)religiöse Bildung", denn die Religion sei mit dem Islam "auf die politische Weltbühne zurückgekehrt". Derzeit werde der Islam durch Meldungen über alltäglichen brutalen Terror nur als gewaltbereit wahrgenommen. So wie im christlich gespaltenen Europa im Dreißigjährigen Krieg führe der Islam derzeit Krieg gegen den Islam. "Das zerstört die Reputation des Islam, langfristig aller Religionen", so Zulehner.

Ein besseres Rezept als Information und Moralappelle, um Vertrauen zu gewinnen und Angst abzubauen, ist nach der Überzeugung des Theologen unmittelbarer Kontakt. "Wer einmal mit Flüchtlingen ein Fest gefeiert und mit ihnen gegessen hat, verliert viele Ängste." Zulehner weiter: "Begegnen, gemeinsame kulturelle Feste, Beten und Essen heilen von jener Angst, die uns letztlich unmenschlich und politisch handlungsunfähig macht."

Ausführliche Überlegungen zum Thema legt Paul Zulehner auch mit dem in einer Woche erscheinenden Patmos-Band "Entängstigt euch!" vor.

 

 

Quelle: kathpress

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