Dienstag 6. Dezember 2016
15. Februar 2016

"Nehmt Neuland unter den Pflug!"

Hirtenwort von Bischof Benno Elbs zur Vorbereitung auf Ostern 2016.

„Kehrt um zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, Weinen und Klagen. Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider, und kehrt um zum Herrn, eurem Gott! Denn er ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Güte.“ (Joël 2,12f).

 

Gleich drei Mal spricht der Prophet Joël in der 1. Lesung des Gottesdienstes am Aschermittwoch von „Herz“ und „barmherzig“. Die österliche Buß- und Fastenzeit ist eine bewusst gewählte Zeit der Einfachheit. Der Verzicht auf gewohnte Annehmlichkeiten erleichtert uns den Blick auf Wesentliches im Leben und die damit verbundenen Fragen: Auf welches Ziel hin sind wir unterwegs? Was nährt und stärkt uns? Wo finden wir Quellen, aus denen wir schöpfen können?

 

Das Jahr der Barmherzigkeit führt uns an den zentralen Nerv unseres christlichen Glaubens. Für Papst Franziskus ist „Der Name Gottes Barmherzigkeit.“ Denn Gott wird nicht müde, die Tür seines Herzens offen zu halten. Im aufmerksamen Blick auf die Welt, auf unsere Mitmenschen, auf aktuelle Nöte und Fragen, stellen sich uns drei große Herausforderungen:

 

1. Die Flüchtlinge und Asylsuchenden

 

Eine Million Menschen haben sich nach Europa aufgemacht und suchen Schutz und Chancen für ein neues Leben. Eine bisher nie gekannte Völkerwanderung sorgt für Leid, Chaos, Verunsicherung, Ängste, Überforderung. Wir erleben an vielen Orten eine Explosion von Gewalt und Menschenverachtung. Unabhängig von allen politischen Entscheidungen ist es aber Aufgabe der Kirche, dass wir den um Asyl bittenden Menschen, die da sind und in unsere Gemeinden kommen, ehrlich ins Angesicht schauen und ihnen die Botschaft vermitteln: die Tür des Herzens Gottes ist offen. Sichtbar wird es dadurch, dass sich auch unsere Türen des Herzens öffnen und wir ihnen so von Mensch zu Mensch begegnen können. Wir nehmen dann ihre Verzweiflung und ihre Angst, aber auch ihre Hoffnung und ihr Vertrauen in uns wahr. Not sehen und handeln, das ist gefordert. „Fürchte dich nicht, ich stehe dir bei“ (Jes 41,13), ermutigt uns der barmherzige Gott durch den Propheten Jesaja.

 

2. Die Schöpfung als Ort unseres Lebens

 

Der Raubbau an der Schöpfung Gottes wird an der Klimaerwärmung und ihren Folgen spürbar: Unwetter, Überschwemmungen, Dürre, Hungerkatastrophen... Die Menschen in den ärmsten Ländern sind davon am stärksten betroffen. Sie können sich am wenigsten vor den Folgen der Katastrophen schützen. Dies zeigt Papst Franziskus in seiner großartigen Enzyklika „Laudato si“ auf: Der unter die Räuber gefallen ist, das ist die Schöpfung. Der erschöpfte Planet braucht barmherzige Samariter, die einen bewussten und achtsamen Umgang mit den Geschenken der Natur und des Lebens pflegen.

 

3. Der mutige Schritt, mein Leben neu zu ordnen

 

Die Botschaft der Barmherzigkeit, die Tür des Herzens offen zu halten, gilt auch uns persönlich. Das Jahr der Barmherzigkeit ist eine Einladung, mein Leben wieder bewusst in den Blick zu nehmen und liebevoll anzuschauen: Was ist in Unordnung geraten und soll wieder ins Lot gebracht werden? Welche Beziehungen in meiner Familie oder im Beruf sind gestört? Welche alten Konflikte drücken seit Jahren das Verhältnis zu Nachbarn oder Freunden? Welche persönlichen Verletzungen, Kränkungen oder Schuld belasten mich?

Das Jahr der Barmherzigkeit ist eine ermutigende Einladung, bewusst eine „Pforte der Barmherzigkeit“ zu durchschreiten. Im Suchen eines Versöhnungsgespräches, im Aufbruch auf einen neuen persönlichen Weg, in den Sakramenten, besonders im Wiederentdecken der Feier der Versöhnung (Beichte) dürfen wir die offene Tür des Herzens Gottes spüren. Das kann zu einem Neuanfang und bewussten „Neuland unter den Füßen“ werden. „Nehmt Neuland unter den Pflug! Es ist Zeit, den Herrn zu suchen; dann wird er kommen und euch mit Heil überschütten“ (Hos 10,12). So verkündet es der Prophet Hosea seinem Volk, das sich in eine Sackgasse verirrt hat.

 

Sich bewusst und neu für das Gute zu entscheiden, kann ein Schritt sein, der die eigene und die große Welt verändert. Wenn viele Menschen umkehren und sich dem Frieden, der Nächstenliebe und dem achtsamen Umgang mit der Schöpfung verpflichtet wissen, dann verändert sich das Antlitz der Erde – entsprechend dem bekannten Wort von Dom Hélder Câmara: „Wenn einer allein träumt, bleibt es ein Traum. Wenn viele träumen, ist es der Beginn einer neuen Wirklichkeit.“


Gott möge in dieser Fastenzeit unser Leben mit Heil überschütten! Dann werden wir Ostern wirklich als ein Fest des Herzens der Barmherzigkeit und des Lebens erfahren.

 

Bischof Benno Elbs

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