Saturday 25. June 2016
10. February 2016

Fastenhirtenbrief 2016

Bischofswort zur Österlichen Bußzeit 2016 von Bischof Ägidius Zsifkovics.

Liebe Diözesanfamilie! Schwestern und Brüder im Herrn!

Jeder von uns hat Türen zuhause. Türen sind Bestandteil unseres Lebens, unserer Wohnungen und Häuser. Wir schließen Türen hinter uns, um dahinter allein oder mit anderen Menschen sicher zu verweilen. Und wir öffnen sie, um Bereiche zu verlassen und neue Räume zu betreten. Das Drehen einer Tür in ihren Angeln kann trennen, aber ebenso verbinden. Wir können jemandem die Türe aufmachen oder sie ihm vor der Nase zuschlagen. Unser Umgang mit Türen sagt viel über uns aus und manchmal kann er lebensentscheidend sein.

Papst Franziskus äußert in diesem Heiligen Jahr der Barmherzigkeit, das für uns Burgenländer gleichzeitig das Martins-Jubiläumsjahr ist, einen Wunsch von großer Bedeutung. Er will, dass wir Christen "während des Jubiläums über die leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit nachdenken ... um unser Gewissen, das gegenüber dem Drama der Armut oft eingeschlafen ist, wachzurütteln und immer mehr in die Herzmitte des Evangeliums vorzustoßen." Dieser Wunsch des Heiligen Vaters weist uns die Barmherzigkeit als Weg, als Tür zur Herzmitte des Evangeliums. Die Herzmitte des Evangeliums ist Liebe und die Lehre und das Beispiel Jesu nennen ganz konkrete Werke der Barmherzigkeit als Ausdruck dieser Liebe:


Hungrige speisen und Unwissende lehren;
Obdachlose beherbergen und Zweifelnde beraten;
Nackte bekleiden und Trauernde trösten;
Kranke besuchen und Sünder zurechtweisen;
Gefangene besuchen und Beleidigern gern verzeihen;
Tote begraben und Lästige geduldig ertragen;
Almosen geben und für Lebende und Verstorbene beten.
Keines dieser Werke kann ehrlich vollbracht werden, ohne dabei innere wie äußere Schwellen zu überschreiten und Türen zu öffnen, die einem Eintritt in die reale menschliche Verfasstheit gewähren: der Zustand existentieller Armut – denn wir Menschen sind verletzlich, wir haben Angst, und wir sterben! Barmherzigkeit ist daher auch immer die Tür zum Herzen Jesu. Im Evangelium dieses ersten Fastensonntags führt der Teufel Jesus den Reiz der Allmacht vor Augen. Doch Jesu Weg ist in Armut und Schwachheit. Wie wir fühlt zwar auch er als Mensch die Versuchungen eines Lebens ohne Einschränkung und ohne Schmerz. Doch Macht und Reichtum sind nicht die wahre Existenzform des Menschen vor Gott. Die von Jesus praktizierten Werke der Barmherzigkeit sind die Absage an die teuflischen Versuchungen, indem sie Armut an die Stelle von Reichtum und Gottesglauben an die Stelle von Allmachtsphantasien setzen.

Denn was bedeutet arm sein? Wer ist arm? Unsere Zeit führt uns viele Menschen vor Augen, die Not leiden – Menschen auf der Flucht, Menschen, die hungern, Menschen, die ausgebrannt sind. Doch vor Jesu Liebe, die sogar den Tod überwindet, erweist sich jener als der Ärmste, der nicht bereit ist, seine eigene existentielle Armut einzugestehen – und sei er auch ein Multimilliardär, Konzernchef oder Staatspräsident. Gerade Menschen, die meinen, reich und mächtig zu sein, gehören im Sinne des Evangeliums zu den Ärmsten unter den Armen. Sie setzen ihren Reichtum und ihre Macht nicht zum Dienst an Gott und am Nächsten ein, sondern zur Selbstbetäubung, um zu verdrängen, dass auch sie selbst vor Gott nichts als arme Bettler sind. Dieser Allmachtswahn kann gesellschaftliche und politische Formen annehmen, wie die totalitären Systeme des zwanzigsten Jahrhunderts gezeigt haben und wie dies heute die technischen und naturwissenschaftlichen Machbarkeitsideologien offenbaren, die Gott als überflüssig abtun und den Menschen auf ein Rädchen in der brutalen Maschinerie des Geldes und des Marktes reduzieren.

Barmherzigkeit ist daher zuletzt eine Tür zum Menschen, besonders zu den Armen, aber immer auch zu sich selbst. Denn Barmherzigkeit ist keine katholische Fleißaufgabe, sie ist kein Gnadenakt Bessergestellter. Barmherzigkeit ist der Name Gottes. Barmherzigkeit ist der Wahrheitsbeweis und die Nagelprobe des Christseins. Sie ist der Imperativ für ein christliches Leben, für das menschliche Leben. Sie ist eine existentielle Grundausrichtung und erinnert in ihrer Unbestechlichkeit an die Sicherheitsschleusen an den Flughäfen: Jeder, der passieren will, wird durchleuchtet. Nur wer "sauber" ist, kommt durch. Jede kleine Unehrlichkeit, jede noch so kleine in der Hosentasche verborgene Münze ist dabei im Weg, ja selbst die Schnalle des Gürtels. Erst wenn wir alles abgelegt haben, wenn wir im Geiste ungegürtet, wenn wir "arm" und "nackt" sind, verstummt der piepsende Protest und der Weg ist offen: Der Weg in die Herzmitte des Evangeliums – der Weg ins Herz Jesu - der Weg zum Anderen und damit in die Mitte von einem selbst. Auf diesem Weg der Barmherzigkeit haben, wie Papst Franziskus sagt, auch die Hochmütigen, die Mächtigen und die Reichen die Möglichkeit zu erkennen, dass sie vom Gekreuzigten, der auch für sie gestorben und auferstanden ist, unverdient geliebt werden. "Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden!" – eine Seligpreisung, die gerade junge Menschen auf den richtigen Weg führt und im Mittelpunkt des diesjährigen Weltjugendtages von 24. Juli bis 3. August 2016 in Krakau steht, zu dem ich alle jungen Menschen unserer Diözese herzlich einlade!

Die Pforten der Barmherzigkeit, die wir in diesem Jahr der Barmherzigkeit auf Anregung von Papst Franziskus vor unserem Martinsdom in Eisenstadt und vor den Basiliken Frauenkirchen, Loretto und Güssing aufgestellt haben, sind wahrlich schöner als die Sicherheitsschleusen am Flughafen. Aber auch sie erfordern Anstrengung: Man muss sich zur Seite wenden, seine Gehrichtung verändern, um durchzukommen, und steht plötzlich seinem eigenen Spiegelbild gegenüber, das sich mit Worten zum Thema Barmherzigkeit konfrontiert sieht. Ich lade Sie alle herzlich ein, es auszuprobieren. Durchschreiten Sie eine der künstlerisch gestalteten Heiligen Pforten in unserer Diözese, aber durchschreiten Sie anschließend auch die Tür zum Beichtstuhl! Fürchten Sie sich nicht, diesen befreienden Schritt hin zum Sakrament der Versöhnung immer wieder, besonders aber in dieser Fastenzeit zu tun.

Zuletzt bitte ich Sie nicht müde zu werden, ihre persönlichen Martinstaten zu setzen, etwa beim Unterstützen der diesjährigen Fastenaktion oder indem Sie einem Menschen einfach sagen: "Du gehörst dazu. Ich höre dir zu. Ich rede gut über dich. Ich gehe ein Stück mit dir. Ich teile mit dir. Ich besuche dich. Ich bete für dich." Maria, die Mutter der Barmherzigkeit, und Martinus, der große Heilige der Barmherzigkeit, sind uns auf unserem Weg der Barmherzigkeit Vorbild und Fürsprecher! Mit den besten Segenswünschen zum nahenden Osterfest.
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