Dienstag 25. April 2017
03. März 2016

Schönborn: Begabungen der Migranten sind Chance

EU-Konferenz zum Thema Begabtenförderung und Migration am Mittwochabend in Wien eröffnet

Syrian refugee

Als "riesige Chance für die Gesellschaft" hat Kardinal Christoph Schönborn die Begabungen von Migranten, die nach Österreich und Europa kommen, bezeichnet. "Wir dürfen nicht vergessen, was wir von den Migranten an Wissen geschenkt bekommen", so Schönborn wörtlich in seinen einleitenden Worten bei der Auftaktveranstaltung der Konferenz "Talents in Motion" des European Council for High Ability (ECHA) am Mittwochabend in Wien.

Der Flüchtlingsbewegung sei eine große Herausforderung für ganz Europa, man dürfe aber nicht vergessen, die positiven Aspekte hervorzuheben, bekräftigte Schönborn. Er erinnerte zugleich an seine eigene Kindheit als böhmisches "Migrantenkind" im Wien der 1950er-Jahre: "Es waren damals die Immigranten, die maßgeblich zum Wiederaufbau des Landes nach dem Zweiten Weltkrieg beigetragen haben". Dieser Wille der Menschen sei auch heute eine riesige Chance für Österreich, zeigte sich der Wiener Erzbischof überzeugt.

"Zutiefst traurig" stimme ihn aber der Gedanken daran, wie viele Menschen durch die Kriege im Nahen Osten und Afghanistan aber auch auf dem Mittelmeer ums Leben gekommen sind. "So viele Talente haben auf diese sinnlose Weise ihr Leben verloren", so Schönborn.

An der Auftaktveranstaltung in der Wiener Aula der Wissenschaften nahmen neben Gästen aus Politik und Gesellschaft auch eine Reihe von kirchlichen Vertretern teil. So waren neben Kardinal Schönborn, der Wiener Weihbischof Franz Scharl, der Bischof der Serbisch-Orthodoxen Kirche Andrej Cilerdciz sowie der evangelisch-lutherische Oberkirchenrat Karl Schiefermair anwesend.

Weisheit braucht höheren Stellenwert

Als Eröffnungsredner sprach der US-Psychologe Robert Sternberg über die Bedeutung von Begabung im 21. Jahrhundert. Er plädierte dabei für eine Aufwertung von Weisheit als Bewertungsgrundlage von Intelligenz. Begabung müsse sich in den Dienst der Lösung von gesellschaftlichen Problemen stellen, zeigte sich Sternberg überzeugt. Im letzten Jahrhundert sei der durchschnittliche Intelligenzquotient um durchschnittlich 30 Punkte angestiegen. "Leben wir aber deshalb heute in einer besseren Welt?", fragte der Psychologe provokant und verneinte dies postwendend.

Das größte Problem ist für Sternberg die falsche Berechnungsgrundlage von Intelligenz. Intelligenz werde nur durch standardisierte Test abgefragt, die Wissen und Auffassungsgabe nach ganz bestimmten Mustern messen. Insbesondere der Faktor Weisheit habe in diesen Modellen keinen Platz. Weisheit bedeute für ihn die Fähigkeit das eigene Wissen und Können zum Wohle aller einzusetzen. Dieser Ansatz würde den heutigen Wissenseliten allerdings weitestgehend fehlen.

Als Beispiel nannte Sternberg den aktuellen Vorwahlkampf in den USA. Alle Kandidaten hätten auf Universitäten studiert, die im Ruf stehen, bestausgebildete Absolventen hervorzubringen. Der Umstand, wie sich die Kandidaten gebärden, ließe aber stark am Interesse der Kandidaten an den den Nöten der Bevölkerung zweifeln, so Sternberg.

Der Psychologe plädierte für eine Balance aus Eigennutz und dem Gespür für das Wohl der Mitmenschen. Dies könne man aber nur erreichen, wenn Weisheitsaspekte bereits in der Volksschule in den Unterricht integriert werden. "Weisheit können alle lernen" und sei keine Frage des Intelligenzquotienten, zeigte sich Sternberg überzeugt.

Integration und Leistungsprinzip
Die EU-Generaldirektorin für Unterricht und Kultur, Martine Reicherts, sprach in diesem Zusammenhang in ihrem Statement von emotionaler Intelligenz. Diese sei im Gegensatz zur generellen Begabung kein Geschenk, sondern ein Ziel, das jeder erreichen könne. Sie zeigte sich überzeugt, dass es zur Verbesserung der Welt sowohl die generelle Begabung als auch emotionale Intelligenz benötige.

Die Konferenz komme angesichts der Situation, in der sich Europa derzeit befindet, "genau zum richtigen Zeitpunkt", befand Staatssekretär Harald Mahrer, der in Vertretung von Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner an der Veranstaltung teilnahm. "Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir tausende Personen aus fremden Kulturkreisen in Österreich integrieren können und daraus eine Bereicherung für unser kulturelles und wirtschaftliches Leben generieren", so Mahrer wörtlich. Es brauche eine offene Diskussion und Analyse von Migration und Begabung und daraus abgeleitete Maßnahmen und Konzepten.

"Für die Zukunft und Innovationsfähigkeit eines Landes brauchen wir nicht das Mittelmaß und den Durchschnitt und wir können auf keines der Talente und Begabungen verzichten", so der Staatssekretär wörtlich: "Wenn wir Begabungen erkennen und fördern, haben wir eine Chance, auch zu Spitzenleistungen zu kommen."

Integration müsse auf dem Leistungsprinzip funktionieren, dabei dürfe weder Herkunft noch Religion eine Rolle spielen, betonte Außenminister Sebastian Kurz in einer Videobotschaft. "Jeder kann etwas erreichen, egal woher er kommt", zeigte sich Kurz überzeugt.

An der Konferenz, die vom Thomasianum-Instituts für Begabungsentwicklung und Innovation (TIBI) an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule (KPH) Wien/Krems koordiniert wird, nehmen mehr als 600 Gäste aus 52 Ländern sowie hochrangige Vortragende aus vier Kontinenten und vielen unterschiedlichen Forschungsdisziplinen teil. Die Tagung dauert noch bis Samstag.

Das Interesse an der alle zwei Jahre in jeweils einem anderen Land Europas stattfindende Tagung war "noch nie so groß wie diesmal", berichtet Gesamtkoordinatorin Andrea Pinz. Sie leitet das TIBI-Institut sowie das Schulamt der Erzdiözese Wien. Interkultureller Austausch sei Voraussetzung für ein friedliches und solidarisches Zusammenleben in Europa und Begabungsförderung eine "Grundaufgabe auch für die Kirche", so Pinz: "Vielfalt erhöht Verantwortungsbewusstsein, fördert Integration und stärkt die Innovationskraft Europas."

 

Quelle: Kathpress

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