Mittwoch 24. Mai 2017
18. März 2016

Auschwitz ist "Umkehrung der Passionsgeschichte"

Österreichisch-israelischer Schriftsteller im "Kathpress"-Interview über christlich-jüdischen Dialog

'Arbeit macht frei', Konzentrationslager im Dritten Reich; Yad Vashem.     Jerusalem, 18.3.2004

Die Gräueltaten der Nationalsozialisten gegenüber den Juden in der Mitte des 20. Jahrhunderts sind für den österreichisch-israelischen Schriftsteller Doron Rabinovici eine "Umkehrung der Passionsgeschichte". Die Juden erschienen dabei nicht als Täter, sondern als Opfer. Der Autor und überzeugte Atheist ortet in den letzten Jahren einen "veränderten Antisemitismus", weil dieser nicht mehr Juden als Rasse oder Religion angreife, sondern sich "als politische Kritik verkleidet". Den christlich-jüdischen Dialog bewertete Rabinovici im Kathpress-Interview als "sehr wichtig", weil damit die "judenfeindliche Predigt" aufgehört habe.

 

Rabinovici diskutierte in diesen Tagen mit der Publizistin Isolde Charim zum Thema "Plötzlich fremd. Othering und seine Auswirkungen zwischen Christen und Juden". Der Diskussionsabend in Wien wurde anlässlich des 60. Jubiläums des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit veranstaltet.

 

Mit dem Begriff "Othering" wird laut Rabinovici ausgedrückt, dass die Eigendefinition einer Gruppe "stark verbunden" sei mit dem "Blick auf einen Anderen". Das passe einerseits gut zum Verhältnis zwischen Christentum und Judentum, andererseits aber auch "zum Blick einer postnationalen Gesellschaft auf die israelische Gesellschaft". Der Schriftsteller hob hervor, dass die jüdische Erfahrung, "das Andere immer mitdenken zu müssen" und die Religion in Differenz zur Umwelt zu sehen, "universal" geworden sei.

 

Rabinovici berief sich auf eine These, die Isolde Charim bei der Diskussion aufstellte: Diaspora sei einmal "zutiefst jüdische Identität" gewesen. Heute werde der Begriff jedoch in einem allgemeineren Sinn verstanden. Diaspora meine somit das "Leben unter Anderen, ohne dass es die eine Leitkultur gibt". Die Globalisierung verändere die Perspektive, wodurch "wir alle" zu einem Teil einer "großen multikulturellen Diaspora" werden. Man könne nahezu "überall zu einem Starbucks oder McDonalds" gehen oder "da die Nachrichten von dort" sehen. Das verändere die Position, so Rabinovici.

 

"Kampf gegen Klischees geht immer weiter"

 

Für den Schriftsteller sind die Errungenschaften des christlich-jüdischen Dialogs "sehr wichtig", wobei trotzdem "immer weiter etwas zu tun" sei. Er verglich den "Kampf gegen Feindbilder und Vorurteile" mit dem Bauen von Sandburgen: Auch wenn eine beeindruckende Sandburg gebaut worden sei, müsse sie am nächsten Morgen meist wieder neu gebaut werden. Der "Kampf gegen Klischees" höre nicht auf und müsse immer weiter geführt werden. Rabinovici halte es für zentral, sich damit "selbstkritisch" auseinanderzusetzen.

 

Im christlich-jüdischen Dialog komme es darauf an, welcher Zugang betont werde. In diesem Punkt spielt der Papst für Rabinovici eine wichtige Rolle, da dieser vorleben könne, wie mit anderen Religionen umgegangen wird. Nicht fruchtbar für den Dialog sei ein Zugang, der erwarte, dass "alle Juden christlich werden", oder der für ihre Konversion bete. Der Schriftsteller begrüßt, dass das im Moment nicht der Fall sei. Die Frage, die alles umspannt, ist für Rabinovici, "wie sehr man den Anderen aushält".

 

Es gelte, das Andere auszuhalten, "ohne zustimmen zu müssen". Für das Abendland sei der Jude "weiterhin der Andere par excellence", so der Schriftsteller. Das Jüdische hätte hier die "Leerstelle zwischen Religion und Ökonomie" gefüllt und sei deshalb "am Leben gelassen" geworden. Im Gegensatz dazu werde die muslimische Gemeinschaft "als fremde" wahrgenommen.

 

Das Grundproblem "des Christentums als theologischer Konstruktion" bestehe für Rabinovici darin, das Erbe von jemandem sein zu wollen, der gelebt hat. Lange sei der Dialog zwischen Juden und Christen nicht vorhanden gewesen: Das Christentum feiere das Opfer Jesu und habe die Schuld dafür "den Juden zugeschoben". Die Juden hätten laut dem Schriftsteller mit dem Christentum "kein Problem". Für sie seien die Christen "nur ein Teil der Völker". Das "wahre Problem" haben die Juden mit jenen Juden, die nicht an Gott glauben oder die Gesetze nicht befolgen, so Rabinovici.

 

Eine der vielen Herausforderungen im jüdisch-christlichen Dialog sieht er in der unterschiedlichen Wahrnehmung von Juden und Christen. Der nicht gläubige Jude bleibe in den Augen der gläubigen Juden und seiner nicht-jüdischen Umwelt trotzdem ein Jude und würde sich wahrscheinlich auch selbst als Jude bezeichnen. Das sei bei Christen weniger der Fall. Der Grund dafür ist für den Schriftsteller, dass im Judentum Uneinigkeit darüber herrsche, ob dieses eine religiöse, kulturelle, nationale oder historische Schicksalsgemeinschaft ist. Das gilt es für Rabinovici im Dialog zu bedenken.

 

 

Quelle: kathpress

comments powered by Disqus
Fotogalerien zurück #weiter#
Hommage an Benedikt XVI.
Zum 90. Geburtstag
Bischöfe in Vorarlberg
Frühjahrsvollversammlung 2017
Bischof Scheuer im Irak
70 Jahre Kathpress
Festakt mit Promi-Faktor
Franziskus wird 80
Videos zurück #weiter#
image
Papst: Gebetsmeinungen
Mai 2017
image
Tag der Arbeitslosen
image
Ein gemeinsamer Ostertermin
Vortrag vonProf Groen
image
Papst: Gebetsmeinungen
April 2017
image
Hommage an Benedikt XVI.
Zum 90. Geburtstag
Audio zurück #weiter#
Aussöhnung in Sicht?
Der Vatikan & die Piusbrüder
"Kein Wahlkampfmodus"
Landau zur Kritik an NGOs
Interreligiöser Dialog
Statement von Kardinal Schönborn
Fischer predigt
Ehemaliger Bundespräsident
Kardinal Schönborn
Wissenschaft und Glaube
Tipps
Ordens-ABC
Die Ordensgemeinschaften Österreichs im Überblick
Woanders zurück #weiter#
Mai 2017
Die katholisch.at-Presseschau
April 2017
Die katholisch.at-Presseschau
März 2017
Die katholisch.at-Presseschau
Februar 2017
Die katholisch.at-Presseschau
Jänner 2017
Die katholisch.at-Presseschau
Blogportal
Paul Wuthe | 05.04.2017

Das Kreuz soll bleiben

Warum das Kreuz im Gerichtsaal die Unabhängigkeit der Rechtssprechung nicht...
Ulrike Hofstetter | 28.12.2016

Mundgerechte Happen - schwer verdaulich

Meine Freundin Frieda hat jetzt eine neue App auf ihrem Handy. Eine Bibel App.
Paul Wuthe | 14.12.2016

Katholische Kirche Anno Domini 2016

Ökumene, Familie, Flüchtlinge, Barmherzigkeit und Kirchenreform - die großen...
Kalender
24.05.2017 | 09:00 | Graz
Kalvarienberger Handarbeitsrunde
Jeden Mittwoch um 9:00 Uhr in der Bibliothek im Pfarrzentrum Kalvarienberg mehr »
24.05.2017 | 17:40 | Graz
Maiandachten Mariahilf
24.05.2017 | 18:00 | Amstetten
Danke-Treffen Dekanat Amstetten
Als DANKE für das Engagement laden wir alle JungscharleiterInnen, MinileiterInnen,... mehr »
Medienreferat der
Österreichischen
Bischofskonferenz

Stephansplatz 4/6/1
A-1010 Wien
©2017 Medienreferat der Österreichischen Bischofskonferenz. Alle Rechte vorbehalten.
http://www.katholisch.at/
Darstellung: