Tuesday 30. August 2016
Regina Polak
20. Oct 2014

Meine Synoden-Bilanz

von Regina Polak am 20. October 2014, 16:03 Uhr

Ein neuer Stil, eine neue Sprache - aber eine inhaltliche Enttäuschung. Gedanken zur Familiensynode.

 

Die beiden vergangenen Wochen waren ungemein spannend und ich bin aus dem Staunen nicht herausgekommen. Da riskiert ein Papst eine für die Kirchenleitung völlig ungewohnte Synodengestaltung und vertraut offenbar, gut jesuitisch, dem Austausch der Argumente, und dass sich dadurch die dringlich anstehenden pastoralen Fragen in Theorie und Praxis besser beantworten lassen. Nicht nur das, die Diversität der Argumente, die inneren Konflikte dürfen öffentlich werden und damit auch die inneren Konflikte der Kirchenleitung, auch die Unterschiede und Konflikte zwischen den verschiedenen Kontinenten. Er selbst hält sich, diesen Eindruck erweckt zumindest die mediale Berichterstattung, in diesem Prozess weitgehend zurück und hört zu.

 

Auch eine ungewohnte Sprache wird ab und an hörbar: nicht nur die ängstlich-mahnende, bremsend-restriktive, die primär Probleme und Gefahren sieht, sondern auch eine Sprache, die das Gute, das Hoffnungsgebende benennt, die von der Wirklichkeit ausgeht und deren Potentiale benennt (z.B. in der Treue so mancher gleichgeschlechtlicher Paare). Laien dürfen von ihren Erfahrungen erzählen. Es erscheint ein Zwischenbericht, der Hoffnung gibt. Und dann erscheint ein Endbericht, in dem die Mehrheit der Kardinäle und Bischöfe Veränderungen offenbar derzeit nicht zustimmen kann (Wortlaut).


Als Katholikin und Theologin ist der Prozess für mich zunächst als solcher durchaus erstaunlich. Dass die Kirchenleitung so agieren kann, hätte ich mir nicht erwartet. Sie kommt im 21. Jahrhundert an, wenn es möglich wird, dass die innere Diversität der Kirche, die ja an sich gut katholisch ist, sichtbar werden darf, auch öffentlich. Und um bei der Suche nach deiner wahren und guten Entscheidung muss diese Verschiedenheit zunächst einmal thematisiert werden. Das ist mutig und unabdingbar.

 

Widerspruch zum Konzil

Inhaltlich bin ich freilich wenig glücklich. Die Gegenwart und ihre Entwicklungen wurden zwar zum Ausgangspunkt der Synode – aber nicht in ihrer theologischen Würde anerkannt. Genau besehen widerspricht dies "Gaudium et Spes", das mit dem Begriff der "Zeichen der Zeit" eine theologische Kategorie einführt, die die Gegenwart zu einer Quelle der Glaubenserkenntnis werden lässt. "Zeichen der Zeit" bedeutet ja, dass die Gegenwart im Lichte des Evangeliums zu deuten ist – ein Vorgang, den aber bereits Karl Rahner in seiner "Unheimlichkeit" erkannt hat, wird damit doch nichts anderes gesagt, dass es eine Dimension der Offenbarung Gottes gibt, die nicht im depositum fidei eines traditionellen Offenbarungsverständnisses vorfindbar ist und daher einer eigenen, neuen theologischen Methode bedarf, um diese zu erkennen.

 

Die Mehrheit der Synodenmänner kann diese anstehende Deutung der "Zeichen der Zeit" vorläufig nur mit einem Schwerpunkt auf die Defizite der Gegenwart erbringen. Dies lässt mich nicht nur nach der Ausbildung von Theologen und Amtsträgern fragen, es verweist auch auf eine jahrhundertealte defizitorientierte Organisationskultur, die offenbar nicht so einfach zu verändern ist. Innerkirchlich ist es aber schon ein Fortschritt, dass überhaupt einmal Argumente ausgetauscht werden und riskiert wird, offen und frei zu sprechen.

 

Schmerzhafte Ungleichzeitigkeiten
Als Zeitgenossin, die ich auch bin, erlebe ich allerdings schmerzhafte Ungleichzeitigkeiten. Freilich finde ich den Prozess selbst unter einer organisationsentwicklerischen Perspektive sehr gelungen. Aber ich mache mir große Sorgen, insbesondere um die Kirche in Europa.

 

Für viele Menschen, die ich kenne und schätze, innerhalb der Kirche und (noch) an den Entwicklungen der Kirche interessiert, ist allein die Frage, ob die Kirche offen ist für alle, ob man gleichgeschlechtlich orientierte Menschen "toleriert", ob wiederverheiratete Geschiedene an den Sakramenten der Kirche teilhaben dürfen, mindestens anachronistisch und schlichtweg aus deren Ethos nicht mehr nachvollziehbar. Und das nicht aus Libertinage oder Relativismus, sondern aufgrund eines humanem Ethos, das nie im Gegensatz zum christlichen stehen kann.

 

Der Verweis auf die Ungleichzeitigkeit der Entwicklungen in anderen Kontinenten hilft da nur begrenzt, auch die ekklesiologisch korrekte Ansicht, in der Kirche müssen alle, auch die Konservativen, ihren Platz haben können und neue Wege mitgehen können, ist zwar wahr: Aber was, wenn die Ergebnisse theologisch nicht wirklich passen?

 

Schöpfungstheologisch wirkt Gott sein Heil auch außerhalb der Kirche, daher müssen Spuren davon auch in den konkreten Lebenssituationen von Menschen zu finden sein. Dies hat die Kirche in ihr Lehramt zu integrieren. Was, wenn die Kirche Europa aufgibt, weil viele in der Kirchenleitung Europa für gottlos und verweltlicht halten? Viele dieser Menschen werden die Kirchen endgültig verlassen: Sie wollen weder als Menschen zweiter Klasse betrachtet werden noch einer Institution angehören, die Menschen moralisch kategorisiert. Auch dies muss die Kirchenleitung einst verantworten.

 

Bedrohliche Situation
So sehe ich mich also mit einer Vielzahl an Ungleichzeitigkeiten und Widersprüchen konfrontiert. Das wäre an sich auch kein Problem – aber angesichts der Lage der Kirche in Europa ist diese Situation in meinen Augen bedrohlich.


So hoffe ich, dass bis zur nächsten Synode, auf der dann ja erst Beschlüsse gefällt werden, der Geist wirkt: dass die Bischofskonferenzen sich mit den Gläubigen ihrer Diözesen mit den Ergebnissen und Argumenten weiter intensiv auseinandersetzen und durch Nachdenklichkeit und Abwägen bis dahin der eingeläutete Prozess weitergeht. Und, gut jesuitisch, dass es bei der nächsten Synode nicht um Durchsetzung von jeweiligen Eigeninteressen geht, sondern um die Kraft der Argumente. Dabei ist jede Mehrheit verpflichtet, immer auch auf die Argumente der Minderheit zu hören und diese zu bedenken.




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