|
Zwei Theologen erörtern in den theologischen Fachzeitschriften "Orientierung" und "Herder Korrespondenz" die Situation der Christen in China. Fazit: Insbesondere die Katholische Kirche in China ist einem ständigen Wechsel von Anerkennung und Ablehnung ausgesetzt. Hoffnungen auf eine baldige Besserung der Lage wurden bislang zerstreut.
________________________________________________________________________
Je näher die Olympischen Spiele in Peking in den vergangenen Wochen rückten, desto dichter wurde auch der katholische Informationsstrom über die Situation der Christen in China. Dabei gehen die Einschätzungen bisweilen weit auseinander und reichen von einem Szenario rigider staatlicher Unterdrückung der Christentums, vornehmlich der Katholiken, bis zu einer Beschreibung erkämpfter religiöser Freiräume und deren Duldung durch die Behörden.
In den jüngsten Ausgaben der theologischen Fachzeitschriften "Orientierung" und "Herder Korrespondenz" haben sich mit Norbert Sommer und Georg Evers zwei Experten zu diesem Thema zu Wort gemeldet.
Evers, zuletzt Asienreferent im Missionswissenschaftlichen Institut Missio Aachen, sieht in seinem Beitrag "Verunsichertes Abwarten - China vor den Olympischen Spielen" die Christen in China als Leidtragende jener Nervosität, in der sich die chinesische Führung nicht zuletzt durch den internationalen Druck und die intensive internationale Beobachtung im Vorfeld der Olympischen Spiele befindet.
Erschwerend laste derzeit auf China der Druck des im Mai dieses Jahres veröffentlichten Berichts von "amnesty international" über die Situation der Menschenrechte in der Volksrepublik, der festhält, dass die "Anstrengungen zur Verbesserung der Einhaltung der Menschenrechte" von der chinesischen Führung "allesamt enttäuscht" wurden. Ethnische wie religiöse Minderheiten würden weiterhin staatlich kontrolliert und daran gehindert, ihren kulturellen und religiösen entsprechend zu leben, heißt es in dem Bericht. Auch in der Praxis der Verhängung der Todesstrafe habe es nur geringfügige Verbesserungen gegeben, konstatiert "amnesty".
Mehrere Ereignisse, darunter die Tibet-Krise, das Fiasko des Olympischen Fackellaufs sowie das Erdbeben von Sichuan, müssten laut Evers im Zusammenhang mit der anwachsenden Nervorsität der chinesischen Führung gesehen werden.
"Ungeschickte Pressepolitik"
Zum Stein des Anstoßes wurden zunächst im März dieses Jahres die in Tibet ausgebrochenen Proteste gegen die chinesische Führung selbst. Bereits im Zusammenhang mit der Tibet-Krise geriet mit den buddhistischen Mönchen und Klöstern, die zum Organisationsknotenpunkt der Proteste wurden, eine religiöse Gemeinschaft ins Visier der Machthaber.
Die "ungeschickte Pressepolitik" Chinas hat darüber hinaus dazu geführt, dass die weltweite mediale Öffentlichkeit das Vorgehen Chinas in Tibet als Menschenrechtsverletzung wahrnahm. In diesem Zusammenhang geriet auch der groß inszenierte olympische Fackellauf zu einem medialen Fiasko, da es China nicht gelang, die mediale Verquickung der Berichterstattung zwischen den Olympischen Spielen und den tibetischen Protesten zu lösen.
Dass die chinesische Führung aus diesem Debakel gelernt hat, zeige laut Evers das Krisenmanagement in der Folge des schweren Erdbebens in der Provinz Sichuan vom Mai dieses Jahres. Zwar seien - "wie üblich" - Journalisten angewiesen worden, "'positiv' über die Hilfsmaßnahmen zu berichten und so wenig wie möglich Opfer zu zeigen", doch wurden diese Anweisungen von den Journalisten "einfach ignoriert", ohne dass dies von der chinesischen Führung weiter geahndet wurde - zu groß war bereits der internationale Druck auf China als Ausrichter der Spiele, als dass eine rigide Pressepolitik hätte durchgesetzt werden können.
Auch im Zuge der Katastrophenhilfe nach dem Erdbeben gerieten die Religionsgemeinschaften - diesmal allen voran die Christen - erneut ins Visier staatlicher Behörden. So leistete etwa die katholische Kirche mit ihrem Hilfswerk "Jinde Charities" den Erdbebenopfern materielle Hilfe. Daneben standen Ordensschwestern und katholische Laien den Opfern psychologisch und spirituell zur Seite, die Kirchen spendeten Trost in Gedenkgottesdiensten. Von protestantischer Seite taten sich die "Hauskirchen" hervor, die Zelte und Hilfsgüter zur Verfügung stellten.
Evers: "Die chinesischen Behörden haben die Hilfsleistungen aller Gruppen, auch der von Religionsgemeinschaften zunächst begrüßt und die Gruppen auch weitgehend ungehindert operieren lassen". Doch bereits nach kurzer Zeit wuchsen "Misstrauen und zunehmende Verunsicherung" bei den Behörden, da man feststellte, "dass im Gefolge des Bebens das Interesse an Religion allgemein gestiegen ist", so Evers. Gottesdienste und religiöse Gedenkfeiern für die Opfer des Erdbebens zogen zahlreiche Menschen an - und zugleich den Argwohn der Behörden auf sich.
Schikanen gegenüber den Kirchen
Folge dieses Misstrauens sei eine rigorose Behandlung der Kirchen im Vorfeld der olympischen Spiele durch die chinesische Führung, so Evers weiter. Insbesondere gegen die protestantischen "Hauskirchen" seien die Behörden verstärkt vorgegangen, so Evers unter Berufung auf Berichte von "Christian Solidarity Worldwide" und "China Aid Association". Etwa seien Hausbesitzer ausdrücklich davor gewarnt worden, Räumlichkeiten an Personen zu vermieten, die unter Verdacht stehen, religiöse Treffen abzuhalten. Außerdem sei im Vorfeld der Olympischen Spiele das Internet und anderen Medien systematisch nach Hinweisen auf existierende Hauskirchen durchsucht worden.
Weltweiter Gebetstag ließ Nervosität wachsen
Der am 24. Mai dieses Jahres erstmals begangene weltweite Gebetstag für die katholische Kirche in China, zu dem Papst Benedikt XVI. aufgerufen hatte, trug ebenso zur Nervosität der Behörden und zu weiterem Mißtrauen den Christen gegenüber bei. Bereits auf die bloße Ankündigung des Gebetestages reagierten die chinesischen Religionsbehörden mit großer Beunruhigung, so Evers. Priester seien unter Hausarrest gestellt und Kirchen und Wallfahrtsorte seien von den Behörden an diesen Tag gesperrt worden. 2.000 Polizisten behinderten den Zugang zum zentralen Ort dieses Gebetstages, dem chinesischen Marienwallfahrtsort Sheshan, woraufhin der erwartete große Pilgerstrom ausbleiben musste. Auch die vorgesehene Wallfahrt von Katholiken aus Hongkong unter der Leitung von Kardinal Joseph Zen nach Sheshan wurde auf behördlichen Druck abgesagt.
Die Folge: statt der erhofften großen Pilgerzahl kamen in diesem Jahr am 24. Mai erheblich weniger als die früher durchschnittlich 20.000 Gläubigen nach Sheshan.
Evers bezeichnet das Vorgehen der Behörden als "aufgeregte und überzogene Reaktion", die von Angst zeuge, Chinas Ordnung könne durch die Christen gefährdet werden. Wie Kardinal Zen vermutet, seien Angst und Nervosität insbesondere in den mittleren Parteikadern zu spüren, da diese um ihre Privilegien fürchten, sollte es aufgrund des internationalen Drucks doch zu einer Verständigung zwischen dem Vatikan und der Parteispitze bezüglich des Gebetstages kommen.
Papstaufruf zur Einheit ist China ein Ärgernis
Norbert Sommer beschreibt in seinem Beitrag in der "Orientierung" das Verhältnis der Katholischen Kirche und der chinesischen Führung als ein Wechselspiel aus Anerkennung und Ablehnung, aus Verdachts- und Vertrauensmomenten. Strikte Kontrollen machen derzeit den protestantischen Hauskirchen das Leben ebenso schwer wie der katholischen "Untergrundkirche". Der "ständige Wechsel zwischen Anerkennung und Ablehnung, zwischen positiven und negativen Signalen" setze jedoch insbesondere der Katholischen Kirche zu, da diese in China in zwei Formen - einer "offiziellen" und einer inoffiziellen Kirche, der "Untergrundkirche" - auftritt. Diese Splittung mache es den Behörden nicht leicht, einen offiziellen Dialog mit dem Vatikan zu führen.
Dreh- und Angelpunkt aller Konflikte sei der Brief Papst Benedikts XVI. vom 30. Juni 2007 an die Katholiken Chinas, so Sommer. Der Papst hatte darin die Gläubigen zum Dialog mit der chinesischen Regierung aufgerufen und zur innerkirchlichen Versöhnung zwischen den beiden Lagern der katholischen Kirche Chinas, der "Patriotischen Kirche" und der "Untergrundkirche" aufgerufen.
Reaktionen von chinesischer Seite waren zunächst ausgeblieben. Erst einige Zeit nach der Zusammenkunft einer vom Papst in Rom einberufenen "China-Kommission", die der Evaluierung der Fortschritte in China seit dem päpstlichen Brief an die Katholiken Chinas galt, kam es zu einer ersten scharfen Reaktion von Seiten der chinesischen Führung auf die Aktivitäten des Heiligen Stuhls. So warf der Direktor des staatlichen Büros für religiöse Angelegenheiten, Ye Xiaowen, dem Papst in einem Interview in der Zeitung "Nan Fang" vor, ein doppeltes Spiel mit China zu spielen: Während der Vatikan diplomatische Beziehungen mit Peking anstrebe, wolle er in Wirklichkeit die "Kontrolle und das Management der Katholischen Kirche Chinas" übernehmen. Der Papst dränge durch sein Schreiben die chinesischen Katholiken dazu, sich zwischen Partei und Kirche zu entscheiden, so der hohe Funktionär.
Die chinesische Führung spiele offenbar ein "Doppelspiel" zwischen offiziellem Dialog und Repression, so Sommer. Den Grund dieses Doppelspiels sei nicht einfach zu erurieren: "Die einen sprechen von einer Spaltung in der politischen Führung Chinas zwischen Liberalen und Hardlinern, die anderen halten die offizielle Kontaktaufnahme zurWiederherstellung der diplomatischen Beziehungen für ein Beruhigungsmittel in der nicht zuletzt durch Tibet aufgeheizten Atmosphäre vor den Olympischen Spielen".
Zeichen der Entspannung geben Hoffnung
Parallel zu den Schikanen, denen die christlichen Kirchen Chinas ausgesetzt sind, sehen beide China-Experten jedoch auch Zeichen einer vorsichtigen Annäherung.
Mehrere Ereignisse lassen sie zu diesem Schluss kommen: Erstens, die Aufführung des Mozart-Requiems durch das Chinesische Philharmonische Orchester sowie des Opernchors von Shanghai vor Papst Benedikt XVI. am 7. Mai 2008. Ein zweiter Anhaltspunkt für diese Ansicht sei die Tatsache, dass die chinesische Presse die selbstlose Hilfe der Kirchen bei der Erdbebenkatastrophe ausdrücklich gewürdigt hat. Drittens sei auch die Einladung an kirchliche Vertreter positiv zu werten, am Fackellauf des Olympischen Feuers teilzunehmen. John Tong Hon, der Koadjutor-Bischof von Hongkong, erhielt schließlich eine offizielle Einladung zur Eröffnungsfeier der olympischen Spiele.
Dieses doppelte Spiel von Zuneigung und Ablehnung könne, so Sommer, Hinweise auf eine Spaltung in der politischen Führung Chinas zwischen Liberalen und Hardlinern sein, oder auch der Versuch einer Beruhigung durch Diplomatie in Zeiten des Tibetkonflikts.
Positiv zu werten seien laut Sommer auch die Gesten der chinesischen Bischöfe, mit denen sie zur vollen Unterstützung der Olympischen Spiele aufriefen. So riefen sie etwa zu Bittgottesdiensten für das Gelingen der Spiele auf und organisierten - in ökumenischer Zusammenarbeit - die Ausbildung Freiwilliger zur religiösen Betreuung der Athleten.
Kardinal Zen - ein Störfaktor?
Die Fortentwicklung der Beziehungen zwischen der chinesischen Führung und dem Vatikan dürfte nicht zuletzt auch an der Person des Hongkonger Kardinals und obersten China-Beraters Papst Benedikts XVI., Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, hängen. Zwar setzte der Papst ein deutliches und weithin beachtetes Zeichen der Wertschätzung der Katholiken Chinas, als er Kardinal Zen bat, die Meditationen zu seinen Karfreitagsfürbitten beim Kreuzweg am römischen Kolosseum zu schreiben. In China selbst ecke Kardinal Zen mit seinen Äußerungen zur chinesischen Religionspolitik jedoch immer wieder an und trage so zu einer Verunsicherung im offiziellen Dialog bei.
Sommer wörtlich: "Immer häufiger stellt sich die Frage, ob Benedikt XVI. mit der Wahl des Hongkonger Kardinals zum obersten China-Berater nicht einen Fehlgriff getan hat. Für die Behörden in der Volksrepublik ist er seit langem 'persona non grata'. Aber auch viele Katholiken in Festland-China sind froh, dass im Januar mit John Tong Hon ein Koadjutor-Bischof für Hongkong ernannt wurde. Von ihm erhoffen sie sich bessere Vermittlung zwischen Rom und Peking sowie bessere Beziehungen zwischen der Kirche in Hongkong und der in der Volksrepublik."
Als ein erstes Zeichen, dass diese Strategie Früchte tragen könnte, wertet Sommer schließlich die offizielle staatliche Einladung an Bischof Tong Hons, an der Eröffnungszeremonie der Spiele in Peking teilzunehmen.
"Patrioten" und "Untegrundkatholiken"
Rund 13 bis 15 Millionen der etwa 1,3 Milliarden Einwohner Chinas sind Katholiken. Auch wenn die Katholiken nur eine kleine Minderheit sind, haben sie dennoch landesweit funktionierende Kirchenstrukturen. In der Volksrepublik China gibt es insgesamt mehr als 140 katholische Diözesen.
Die chinesische KP forderte nach ihrem Sieg im Bürgerkrieg und der Machtergreifung 1949 von der katholischen Kirche des Landes, sich vom Heiligen Stuhl loszusagen und eine Nationalkirche zu begründen. Das Instrument dafür sollte die 1957 ins Leben gerufene "Patriotische Vereinigung chinesischer Katholiken" (PACC) sein. Die bei der Gründung der PACC anwesenden katholischen Bischöfe wurden von Pius XII. 1958 exkommuniziert. Viele Jahre bestand für die PACC von Seiten der Regierung die Auflage, nur jene katholischen Lehren und Regelungen zu akzeptieren, die vor 1949 in Gültigkeit waren. Daher wurden auch die Gottesdienste in den von der PACC kontrollierten Kirchen bis vor 20 Jahren "tridentinisch" und auf Latein zelebriert. Mittlerweile wurde aber das Zweite Vatikanische Konzil auch von der PACC rezipiert.
Nicht alle chinesischen Katholiken wollten sich 1957 dem Diktat unterwerfen, gingen in den Untergrund und nahmen die Verfolgung auf sich. In der Zeit der "Kulturrevolution" (1966-1976) waren dann auch die "patriotischen" Katholiken einer dramatischen Verfolgung ausgesetzt. Priester aus der "Untergrundkirche" müssen bis heute mit staatlichen Sanktionen rechnen. Immer wieder werden Priester und Bischöfe verhaftet oder verhört.
In der Praxis verschwindet die scharfe Grenzziehung zwischen den beiden Gruppierungen allerdings allmählich. Papst Benedikt XVI. setzte mit seinem Brief an die chinesischen Katholiken im Mai 2007 einen neuen Impuls in Richtung Versöhnung und Einheit der chinesischen Christen. Bis auf wenige Ausnahmen sind auch die meisten "patriotischen" Bischöfe inzwischen vom Vatikan anerkannt. Bei den Bischofsernennungen der jüngsten Zeit gibt es zwar einen Wahlvorgang nach dem Reglement der PACC, es wird aber die Übereinkunft mit dem Heiligen Stuhl gesucht.
Seit der kommunistischen Machtübernahme in China bestehen keine offiziellen Beziehungen mit dem Heiligen Stuhl. Der letzte Apostolische Nuntius, Erzbischof Antonio Riberi, konnte noch zwei Jahre in der "südlichen Hauptstadt" (Nanjing) bleiben, wo die Kuomintang-Regierung residiert hatte. Aber 1951 wurde er ausgewiesen. Über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen gibt es immer wieder Verhandlungen. Eine Kernfrage ist dabei die Pekinger Forderung, Rom müsse zuerst seine Kontakte zu Taiwan völlig abbrechen (derzeit gibt es in der taiwanesischen Hauptstadt Taipei noch einen vatikanischen Charge d'affaires ad interim).






