Direktor des Borromäusvereins für katholische Büchereiarbeit in Deutschland, Pitsch: Wenn die Kirche klug ist, nutzt sie Interesse an dem Roman als Anknüpfungspunkt für Gespräche über Glaube und Bibel
27.4.06 (KAP-ID) Zu einem gelassenen Umgang mit Dan Browns umstrittenen Bestseller "Sakrileg" hat der Direktor des Borromäusvereins für katholische Büchereiarbeit in Deutschland, Rolf Pitsch, den kirchlichen Verantwortlichen geraten. Ob ein Text oder Film religiöse Gefühle verletzt, könne letztlich nur jede Person selber für sich entscheiden. Die Frage, ob der Roman im Sinne des Paragrafen 166 des deutschen Strafgesetzbuchs das religiöse Bekenntnis so sehr verunglimpft, dass der öffentliche Friede gestört wird, könne er aber mit einem klaren Nein beantworten, so Pitsch im Gespräch mit der deutschen katholischen Nachrichtenagentur KNA: "Statt den Autor zu schelten, sollte man alles tun, um die Kompetenz der Leser zu erhöhen. Die Frage ist doch, ob sie genügend Rüstzeug erhalten, um sich mit dieser Art Literatur auseinander zu setzen und zu wissen, was Fantasie und Erfindung und was Fakten sind."
Nicht-wissenschaftliche Autoren hätten das Recht, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen, so der Literaturexperte: "Wir wollen ja keinesfalls zurück zu kirchlicher Zensur und zu einem Index verbotener Bücher."
Von der amerikanischen Bischofskonferenz und vom "Opus Dei" werde im Großen und Ganzen gut und souverän reagiert, sagte Pitsch: Die Kirche stelle mit Büchern, in Internetportalen und in Medien dar, was ihrer Ansicht nach Fakten und was reine Erfindungen sind. Das "Opus Dei" beispielsweise versuche, das Buch dazu zu nutzen, um über sich selber zu informieren und seine Sicht der Dinge darzulegen. "Wenn die Kirche klug ist, nutzt sie das Interesse an dem Roman als Anknüpfungspunkt für Gespräche über den Glauben und die Bibel", so Pitsch wörtlich.
Die 40 Millionen-Auflage des Buches sollte auch so interpretiert werden, dass ein riesiges Interesse an religiösen Fragen vorhanden ist. Pitsch: "Offenbar ist die Zeit reif dafür, dass die Geschichte von Kirche und Christentum ganz unverkrampft thematisiert werden." Es gebe eine neue Generation von Autoren, "die auf den reichen Schatz an Ewig-Menschlichem in der Kirchengeschichte ohne Zögern zurückgreift". Das habe sicher auch damit zu tun, dass religiöse Gemeinschaften im Alltag nicht mehr so dominant sind. Pitsch: "Kirche und Christentum können sich freuen, wenn sie wieder Interesse hervorrufen und hinterfragt werden. Das bedeutet auch eine gute Gelegenheit für die Kirche, gerade auch mit den Autoren als Seismografen von Lebensgefühlen ins Gespräch einzutreten."
Zum Faktum, dass vor allem Skandale, Mythen und angebliche Verschwörungen aus der Geschichte der Kirche in den Romanen thematisiert werden, meinte der Literaturexperte, dass es bei vielen dieser Romane ein ähnliches Strickmuster gebe wie bei Dan Brown: Es wird ein weit in der kirchlichen Vergangenheit zurückliegender Skandal behauptet und ein fiktiver oder ansatzweise realer Gegenwartsbezug hergestellt, und es sind hohe Kleriker in die Geschichte verwickelt. Pitsch: "Die Geschichte des Christentums bietet halt reichhaltig Stoff für solche Action-Geschichten."
Dass sie gerade jetzt so geballt auf den Markt drängen, habe auch damit zu tun, dass Historiengeschichten über den Bau von Kathedralen wie "Die Säulen der Erde" ihren Reiz verloren haben. Die Kulturindustrie müsse etwas Neues anbieten und den Reiz steigern. Dabei müsse man aber bedenken, dass das Genre der historischen Romane seit Umberto Ecos "Der Name der Rose" schon ungewöhnlich lange Konjunktur hat, so der Direktor des Borromäusvereins.






