Holocaust: Kirchen gegen "Schlussstrichmentalität"
KA-Präsidentin Derschmidt und evangelischer Bischof Bünker bei Gedenkveranstaltung auf dem Wiener Heldenplatz - Bünker: Korporationsball am Holocaust-Gedenktag ist Verhöhnung der Opfer
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Wien, 27.01.12 (KAP) Die Erinnerung an die NS-Verbrechen und deren Opfer muss Menschen heute eine wichtige Mahnung zur Zivilcourage sein. Das haben der evangelische Bischof Michael Bünker und die Präsidentin der Katholischen Aktion (KA), Luitgard Derschmidt, am Freitag bei der Gedenkveranstaltung anlässlich des Holocaust-Gedenktages der Vereinten Nationen auf dem Wiener Heldenplatz betont.
Das viel zitierte "Nie wieder!" dürfe sich nicht mit dem Gedenken allein begnügen, sagte KA-Präsidentin Derschmidt vor den Teilnehmern einer Kundgebung aus Anlass des 67. Jahrestags der Befreiung des KZs Auschwitz. "Das 'Nie wieder' muss in der Gegenwart aktiv gestaltet werden, damit derartige Ideologien nicht wieder salonfähig werden und an Macht gewinnen." Derschmidt forderte alle Bürger gerade in derem persönlichen Lebensumfeld zu einem "couragierten Einsatz gegen jegliche Art menschenverachtender Ideologie" auf.
Für die Kirchen gebe es "keine Schlussstrichmentalität", sagte Bischof Bünker: "Wer verstanden hat, wie die Banalität des Bösen in die Gesellschaft damals Einzug halten konnte, wie die Menschenwürde damals in Staub und Asche getreten wurde, und wer sprachlos davorsteht, wie das alles von vielen als normal empfunden werden konnte, wird heute eher wachsam sein, wenn wieder Sündenböcke gesucht werden, wenn Asylsuchenden, Migranten Fremdenfeindlichkeit und offener Rassismus entgegenschlägt und wenn sich Antisemitismus und rechtsextremes Gedankengut wieder breitmachen."
Als "ungeheuerliche Geschmacklosigkeit" und Verhöhnung der Opfer des Holocaust bezeichnete der Bischof die für Freitagabend geplante Abhaltung des Wiener Korporationsballs der Burschenschafter in der Wiener Hofburg. Bünker wörtlich: "Die Zeit für rauschende Feste und Feiern an so repräsentativen Orten wie der Hofburg sollte für solche Organisationen längst vorbei sein, selbst wenn Rechte heute Linkswalzer tanzen." Es sei erschreckend, wie leicht sich nationalsozialistisches Gedankengut und Rassismus wieder einschleichen könnten.
Mit einem christlichen Glauben seien rechtsextreme Gesinnung, Rassismus, Fremdenhass und Antisemitismus "schlicht und einfach unvereinbar", sagte Bünker. Der Bischof sprach sich dafür aus, den internationalen Gedenktag zur Befreiung des KZ Auschwitz zusätzlich zum Tag der Befreiung des KZ Mauthausen am 5. Mai in Österreich als offiziellen Gedenktag zu begehen.
"Viele Katholiken haben Schuld"
Auch die Kirche und viele Katholiken hätten "in den bitteren Entscheidungsjahren des 20. Jahrhunderts teilweise versagt und Schuld auf sich geladen", betonte KA-Präsidentin Derschmidt: "Auch wenn viele aus ihrer Glaubensüberzeugung heraus Widerstand geleistet haben, so hat die Mehrheit mitgetan oder nichts wissen wollen, sie haben weggeschaut und geschwiegen."
Insgesamt habe Österreich sein "Schuldigwerden und die Mitwirkung in der damaligen Zeit viel zu spät und viel zu wenig gründlich aufgearbeitet", kritisierte Derschmidt. "Das Totschweigen grundlegender Themen zieht den Geist des Vergangenen wie eine Schleppe hinter uns her und dieser Geist wird - oft auch unterschwellig und unbedacht - weitergegeben und ist immer noch präsent, auch wenn er mit teilweise veränderten Gesichtern auftritt: als latenter Antisemitismus, als Ausländerfeindlichkeit, als Diskriminierung von Minderheiten."
Das Holocaust-Gedenken auf dem Heldenplatz war Teil einer "Gedenk- und Aktionswoche gegen Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus", zu der ein breites Aktionsbündnis aufgerufen hatte. Diesem gehörten u.a. die Evangelische Kirche A.u.H.B., die Evangelisch-Theologische sowie die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Wien, der Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit, die Katholische Aktion, das Mauthausen Komitee Österreich, die Israelitische Kultusgemeinde und die Initiative Liberaler Muslime an.