Pfarrerinitiative bleibt "zu defizitorientiert"
Wiener Dogmatiker in Stellungnahme zu neuerlichem Protestkatalog der Pfarrerinitiative: Warum wird nicht stärker auf potenzielle Ressourcen z.B. der Laien hingewiesen? - Aber: Bischöfe sollten "Ruf nicht einfach übergehen" - Schüller veröffentlicht fünffaches Nein dagegen, pastoralen "Mangel zum Gesetzgeber zu erheben"
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Wien, 03.02.2012 (KAP) Der am Freitag veröffentlichte neuerliche Protestkatalog der Pfarrerinitiative bleibt "zu defizitorientiert" und versäumt es, stärker auf potenzielle Ressourcen z.B. der Laien in der Kirche hinzuweisen. Das hat der Wiener Dogmatikprofessor Jan-Heiner Tück am fünffachen Nein der Pfarrerinitiative zum "gegenwärtigen Aushungern der Gemeinden und der Seelsorge unter dem Druck des Priestermangels und der Überalterung des Klerus" bemängelt.
In einer Stellungnahme gegenüber "Kathpress" würdigte Tück zugleich, dass die "provokante Rhetorik des 'Ungehorsams'" fallengelassen und ersetzt wurde durch einen "Protest für eine glaubwürdige Kirche" - so der Titel der Presseaussendung der Pfarrerinitiative. Das Wort Protest werde dabei - "durchaus originell" - von seinem lateinischen Ursprung her als "Zeugnis ablegen für" verstanden. Auffällig sei allerdings, dass sich das Zeugnis der Pfarrerinitiative vor allem gegen Missstände richte und "nicht für konstruktive Maßnahmen zur Überwindung der Kirchenkrise wirbt". Die tiefer liegende Krise des Glaubens werde nicht weiter ausgeleuchtet, so der Einwand Tücks.
Nicht nur die Kirche, auch andere Institutionen wie Parteien, Verbände und Vereine hätten heute rückläufige Mitgliederzahlen. Zunehmende Individualisierung, Pluralisierung und Urbanisierung spiele dabei ebenso eine Rolle wie - im Fall der Kirche - der Trend zur Säkularisierung. Kirchen stünden "wie entlaubte Bäume in der postmodernen Landschaft", zitierte Tück den deutschen "Vater der politischen Theologie", Johann Baptist Metz. Das könne aber "nicht primär der Kirchenleitung und ihrer 'Verweigerungshaltung' angelastet werden".
Statt nur auf Mängel im Umgang mit der Krise hinzuweisen wäre es laut Tück beispielsweise "hilfreich" gewesen, hätte die Pfarrerinitiative aufgezeigt, "wie gläubige Laien und Priester besser zusammenwirken können, um lebendige Keimzellen der Glaubensweitergabe zu schaffen". Eine "Pastoral der Nähe" habe schon der Wiener Theologe Heinrich Svoboda 1909 befürwortet und sei auch heute "sicher zu begrüßen". Tück warnte jedoch vor dem Modell einer "klerikerzentrierten Versorgungspastoral". Auch und gerade die Laien seien mit ihren Begabungen und Kompetenzen gefragt. "Hier liegt ein noch unausgeschöpftes Potenzial des II. Vatikanischen Konzils", meinte der Theologe.
Tück nannte er "das gute Recht" der Pfarrer, auf Sorgen und Nöte in der Seelsorge hinzuweisen und vor einer "Dauer-Überforderung" zu warnen. "Die Bischöfe sollten diesen Ruf nicht einfach übergehen", riet er. Die "ars celebrandi" (Kunst des Feierns) in der Liturgie, aber auch das persönliche Näheverhältnis in der Seelsorge seien zweifelsohne wichtige Anliegen.
Gegen "Aushungern von Gemeinden und Seelsorge"
Die Pfarrerinitiative nimmt in ihrer Aussendung vor allem die neuralgischen Punkte der pastoralen Umstrukturierung in den Blick. "Wir sagen Nein, wenn wir zusätzlich immer weitere Pfarren übernehmen sollen, weil uns das zu reisenden Zelebranten und Sakramentenspendern macht, denen die eigentliche Seelsorge entgleitet", heißt es darin. Der Trend, "an vielen Orten flüchtig anwesend zu sein", erschwere es Priestern, "spirituelle und emotionale Heimat zu finden und anzubieten".
Ebenso eine Absage erteilen die Pfarrer einer Häufung von Eucharistiefeiern am Wochenende. Sie würden sonst "zu oberflächlichem Ritual" werden, "während Begegnung, Gespräch und Seelsorge verkümmern". Kurz vor der Messe anzukommen und gleich danach weiterzufahren, "macht unseren Dienst zur hohlen Routine", warnen die Pfarrer.
Nein sagt die Pfarrerinitiative auch zur Zusammenlegung oder Auflösung von Pfarren, wenn sich keine Pfarrer mehr finden. "Hier wird der Mangel zum Gesetzgeber erhoben, statt dem Mangel durch die Änderung unbiblischer Kirchengesetze abzuhelfen." Das Gesetz sei für den Menschen da, und nicht umgekehrt, erinnern die Pfarrer an einen biblischen Grundsatz.
Abgelehnt werden schließlich auch die Überforderung der Pfarrer, "deren Zeit und Kraft für ein geistliches Leben wegadministriert wird" und Härten des Kirchenrechtes gegenüber wiederverheiratet Geschiedenen, gleichgeschlechtlich Liebende und Priester, die am Zölibat scheitern. Hier gebe es oft "ein allzu hartes und unbarmherziges Urteil".
Seit ihrem "Aufruf zum Ungehorsam" habe die Pfarrerinitiative - wie sie mitteilt - aus dem In- und Ausland Zustimmung und Ermutigung, "von bischöflicher Seite jedoch vorwiegend Zurückhaltung, bisweilen auch heftige Ablehnung", erfahren. Dennoch hielten die Pfarrer an ihrem "Pro-test" ("Zeugnis für") fest, "weil wir unsere Verantwortung als Priester und Seelsorger wahrnehmen wollen". Angestrebt werde ein "Zeugnis für" eine Kirchenreform, "für die Menschen, deren Seelsorger wir sein wollen, und für unsere Kirche". Die "Freudlosigkeit des heutigen Kirchenbetriebs" sei kein gutes Zeugnis für die "frohe Botschaft". Die Mitglieder der Pfarrerinitiative wollen - wie sie mit Verweis auf Paulus betonen - "nicht über den Glauben herrschen, sondern der Freude dienen".