Caritas-Experte Vitillo: Kürzungen internationaler Hilfsgelder bedeuten für viele Aidskranke den Tod - Kirchliche Referenten bei der Konferenz unterrepräsentiert
Wien, 23.07.10 (KAP) Es hätte mehr kirchliche Referenten bei der Welt-Aids-Konferenz geben sollen: Das haben Vertreter aus den kirchlichen Reihen am Freitag im Hinblick auf die im Bereich HIV bzw. Aids geleistete Arbeit kritisiert. "Wir hatten zwar eine gute Präsenz von Kirchen und Glaubensgemeinschaften, weil Repräsentanten an vielen Vorträgen und Workshops teilgenommen haben. Aber man hätte mehr Vertreter als Sprecher und Vortragende einladen können: Wir haben viel Erfahrung in der Behandlung von Betroffenen", erklärte Robert Vitillo, Aidsexperte der Caritas Internationalis, im Gespräch mit "Kathpress".
"In manchen Punkten bin ich sehr beunruhigt von der Welt-Aids-Konferenz", zog Vitillo Bilanz. "Während der Konferenz ist herausgekommen, dass viele Regierungen ihre Hilfe für Entwicklungsländer kürzen. Das wäre ein Problem für HIV-Betroffene, weil sie dann nicht die Hilfe haben, Medikamente zu erhalten, die sie zum Überleben brauchen." Vitillo befürchtete durch die Kürzungen von Geldern eine Situation wie in den 1980er Jahren, "als der Großteil der Aids-Kranken sehr schnell gestorben ist. Deshalb hoffe ich, dass die internationale Gemeinschaft das als großes Problem erkennt und Druck auf Regierungen der reicheren Länder macht."
Als einen Grund für die in den Raum gestellten finanziellen Kürzungen hätten viele Länder die Wirtschaftskrise genannt: "Aber wir fahren ja auch fort, viel Geld für andere Dinge auszugeben, und so denke ich, dass Regierungen ihre Prioritäten abgleichen und Gesundheit, vor allem für HIV-Betroffene, als eine Hauptpriorität ansehen müssen", so Vitillo. Weiters kritisierte der Aidsexperte, dass im Zuge der Konferenz zu wenig über betroffene Kinder gesprochen worden sei: "Kinder sind nicht in der Lage, für sich selbst zu sprechen. Deshalb sollte das ein weiteres Hauptanliegen der Welt sein."
Zwischen Unwissen und Wertschätzung
"Angesichts dessen, dass rund ein Viertel der weltweiten Hilfe für HIV- bzw. Aids-Kranke von katholischen Einrichtungen und Initiativen getragen wird, waren sie zu schwach repräsentiert", stieß auch Christoph Petrik-Schweifer, Auslandschef der Caritas Österreich, gegenüber "Kathpress" ins gleiche Horn. Andererseits sei aber auch wahrzunehmen gewesen, dass Repräsentanten verschiedenster Organisationen der kirchlichen Arbeit hohe Wertschätzung zukommen ließen.
Die Konferenz in Wien sei wichtig gewesen: "Wir haben viele Partner von der Caritas und katholischen Organisationen aus Osteuropa hier gehabt. Die haben teilweise ihre Regierungsvertreter erst hier kennengelernt", so Petrik-Schweifer. "Viele der Regierungsvertreter haben bisher nichts über Arbeit von NGOs und auch Caritas in ihren Ländern gewusst."
"Der Kampf ist noch nicht gewonnen", betonte Petrik-Schweifer. "Wir haben in der Versorgung mit anti-retroviralen Medikamenten einen Versorgungsgrad von 30 Prozent, eigentliches Ziel war hundert Prozent." Angedrohte finanzielle Kürzungen würden auch Kürzungen im Bereich Forschung und Entwicklung von kindgerechten Medikamenten nach sich ziehen - und somit genau auf einem Gebiet, das "jetzt schon zu schwach ausgestattet war".
Kondomfrage keine Frage
Eine "Aufbruchsstimmung" ortete Heinz Hödl vom lokalen Organisationskomitee der "Multi-Faith Pre-Conference" und Leiter der Koordinierungsstelle der Österreichischen Bischofskonferenz für Entwicklung und Mission (KOO): "Weil es auch Hoffnung gibt durch Medikamente und es nicht mehr von vorneherein ein Todesurteil ist, wenn man HIV-positiv ist." Diesbezüglich müsse aber ein universeller Zugang für alle Menschen zu Behandlung und Therapie sichergestellt werden, wie ihn im Vorfeld der Konferenz auch die österreichischen Bischöfe in einer entsprechenden Erklärung gefordert hätten.
Es gebe auch Sorgen, die beim Treffen nicht ausgeräumt worden seien, "nämlich die Sorge, dass die Mittel für den 'Global Fund' in nächster Zeit zurückgehen werden", so Hödl. "Zehn Millionen Todesfälle und eine Million Neuinfektionen könnten in den nächsten Jahren verhindert werden, wenn genügend Geld für Betreuung und Medikamente da wäre."
Als Vertreter der katholischen Kirche habe es ihn "fast schon überrascht", dass sich Kritik an der Kirche betreffend der Kondomfrage "sehr in Grenzen" gehalten habe, merkte Hödl an. Die offensive Informationsstrategie der katholischen Kirche habe sich hier als positiv herausgesellt: "Mittlerweile ist vielen klar, dass es um einen verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität und um die Stärkung der Rolle der Frau geht." Eine Senkung von Infektionen werde dort erreicht, wo "die Zahl der Sexualpartner gesenkt und erste sexuelle Kontakte erst später erfolgen". Evident sei, dass Enthaltsamkeit und Treue eine wichtige Rolle spielten.
Im Hinblick auf die von Kirchen und Religionen im Bereich HIV und Aids geleisteten Arbeit betont Hödl, es sei vielen deutlich geworden, dass Kirchen und Religionen soziale Bewegungen und Entwicklungen "nicht nur mit spiritueller Kraft versehen können".
Hödl meinte ebenfalls, es hätte mehr kirchliche Sprecher bei der Welt-Aids-Konferenz geben können: "Aber die Konferenz war eine der Wissenschaft und Forschung. Da sind wir naturgemäß nicht so stark vertreten." Künftig müsse man sich diesbezüglich auch selber mehr engagieren: "Unser Erfolg im Kampf gegen Aids hängt von gemeinsamen Bemühungen von Staaten, Forschung, Wissenschaft, Kirchen und Religionen ab."
"Wahr machen, was lange versprochen ist"
"Es wäre wichtig, dass wir das ernst nehmen, was bei der Konferenz herausgekommen ist", betonte der Wiener Aids-Seelsorger Trinitarierpater Clemens Kriz im "Kathpress"-Gespräch. "Die Grundbotschaft ist, dass es uns bewusst ist, dass es Aids gibt und dass die Zahlen nicht rückgängig sondern teils steigend sind." Es gelte, endlich "Hirn und Herz einzuschalten". Und die, "die an den Schalthebeln der Welt sitzen, müssen endlich wahr machen, was sie schon lange versprochen haben: Dass alle Menschen Zugang zu Medikamenten, Therapie und Betreuung haben." In dieser Hinsicht dürfe es keinen Unterschiede machen, an welchem Ort der Welt ein Aidskranker leben.
Er sei positiv überrascht von der Zahl der kirchlichen Konferenz-Teilnehmer. In den Kirche sei inzwischen "allen bewusst: Die Kirchen müssen mittun und sie tun auch mit", hob Kriz hervor. Vielen außerhalb der Kirchen hätten aber noch zu wenig mitbekommen, "dass die Kirchen sehr viel tun", so der Eindruck des Wiener Aids-Seelsorgers.






