Wiener Sozialethikerin Gabriel im "Kathpress"-Interview: Christliche Theologie leistet wichtigen Beitrag für eine "europäische Erinnerungskultur" - In postkommunistischen Ländern wird Erinnerung nationalistisch vereinnahmt
Wien, 7.12.09 (KAP) Auf den Beitrag der christlichen Theologie zur Herausbildung einer "europäischen Erinnerungskultur unter ethischen Vorzeichen" verweist die Wiener Sozialethikerin Prof. Ingeborg Gabriel. Gerade angesichts des derzeitigen Gedenkens an den Fall des "Eisernen Vorhangs" vor 20 Jahren müsse man die großen und oftmals miteinander unvereinbaren Brüche zwischen den jeweils nationalen Erinnerungskulturen in den Blick nehmen. "In den postkommunistischen Ländern findet gerade keine Aufarbeitung der Vergangenheit im Blick auf Schuld und Versöhnung statt, sondern Erinnerung wird nationalistisch vereinnahmt", so Prof. Gabriel im Gespräch mit "Kathpress".
Die christliche Theologie - und im Besonderen die christliche Sozialethik - könne wichtige Impulse liefern, diese Brüche zu überwinden, indem sie Erinnerung als Erinnerung an Opfer und Leiden ("Memoria passionis") in den Mittelpunkt rückt und so zu einem "Zusammenwachsen zu einer Erinnerungsgemeinschaft" beitrage, so Gabriel. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei die Erinnerungskultur, zu der auch die christliche Theologie wesentliche Impulse beigetragen habe, vom gemeinsamen und nationenübergreifenden Bekenntnis eines "Nie wieder!" bestimmt gewesen. Nach der "Wende" stehe ein solches gemeinsames Erinnerungsprojekt weiterhin aus. Defizite ortet Gabriel außerdem in der gesellschaftlichen Abstinenz der Theologie in den postkommunistischen Ländern. Es sei eine "Selbstghettoisierung" nicht nur der Kirchen sondern der Theologie festzustellen, so Gabriel. Diese zeige sich etwa in einem subtilen Rückzug der Theologie auf Positionen einer bloßen "Individualethik", die sich der Analyse gesellschaftlicher Entwicklungen zu entziehen versuche. Auf diese Weise jedoch verliere die Kirche gerade in Osteuropa "gesellschaftliche Relevanz, Glaubwürdigkeit und ihre Verkündigungskraft", so Gabriel. Im theologischen Diskurs sei es wichtig, nicht nur nach "Sinndefiziten" moderner Gesellschaften zu fragen oder Wertedebatte zu führen, sondern auch die alte Frage nach dem "Totalitarismus als barbarische Rückseite der Moderne" neu zu stellen. Die Chiffre "1989" bedeute einen Auftrag, sich nicht nur der Errungenschaften der Moderne wie Demokratie und Menschenrechte zu erinnern, sondern auch die negativen Entwicklungen wie die bleibende Gefahr der totalitären Versuchung in der Demokratie im Auge zu behalten. Tagung "Kommunismus im Rückblick" Thematisiert wurden die Fragen der Rolle der christlichen Theologie in Osteuropa jüngst bei der von Prof. Gabriel geleiteten internationalen Tagung "Kommunismus im Rückblick (1989-2009): Ökumenische Perspektiven aus Ost und West" in Wien. Dabei ging es laut Gabriel um die gezielte Thematisierung der "geistigen und moralischen Wunden, die die Epoche des totalitären Kommunismus hinterlassen hat". Unter den Referenten waren katholische, orthodoxe und protestantische Sozialethiker, Theologen und Historiker aus West-, Mittel- und Osteuropa, darunter etwa der ungarische katholische Theologe und Religionssoziologe Prof. Miklos Tomka, der orthodoxe Theologe Prof. Radu Preda sowie der evangelische Theologe Prof. Ulrich Körtner. Die Ausgangsfragen lauteten: Was bedeutet die Geschichte des kommunistischen Totalitarismus für die Theologie und Sozialethik? Wie beeinflusst sie ihre Bewertung der Moderne? Und: Wie gehen post-kommunistische Gesellschaften und die Kirchen dieser Länder mit der Erinnerung an die Systemschrecken- und das -unrecht um? Was bedeutet Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit und "Reinigung des Gedächtnisses" in diesem Zusammenhang? Veranstaltet wurde die Tagung gemeinsam vom Institut für Sozialethik der Katholisch-Theologischen Fakultät, der Hilfsorganisation Renovabis, der Stiftung "Pro Oriente" sowie der österreichischen Kommission "Iustitia et Pax".






