![]() |
"Kathpress": Frau Lipowicz, in diesem Jahr wird der zwanzigste Jahrestag der "Wende" gefeiert. Mit welchen Gefühlen verfolgen Sie diese Feiern als Polin?
Lipowicz: Auf der einen Seite spüre ich natürlich große Dankbarkeit für die geschichtliche Entwicklung, aber auch Dankbarkeit, damals bei der Solidarnosc dabei gewesen zu sein. In dieser Keimzelle freiheitlichen Denkens hat ja alles angefangen. Auf der anderen Seite blickt man als Polin entsprechend irritiert auf Deutschland: denn die öffentliche Wahrnehmung der "Wende" beschränkt sich fast nur auf den Mauerfall. Dabei wird leider die zehnjährige Vorgeschichte der "Wende", die in Polen ihren Ausgang nahm, gänzlich ausgeblendet.
Sie selbst waren - Sie sagten es - seit der Gründung der Solidarnosc 1980 aus einer Streikbewegung heraus mit am polnischen Umbruchsprozess beteiligt. Welche Rolle hatten Sie damals?
Ich stand nicht in der ersten politischen Reihe, ich gehörte zur Gruppe der intellektuellen Zuarbeiter. In der Zeit, in der die Solidarnosc verboten war und wir im Untergrund tätig waren, arbeiteten wir etwa in einer kleinen Gruppe, die sich "Untergrund-Gesetzgebungsrat" nannte, Gesetzestexte für eine Zeit nach einem möglichen Systemwechsel in Polen aus. Als dann Anfang 1989 der "Runde Tisch" aus Regierungs- und Solidarnosc-Mitglieder gebildet wurde, war ich als Rechtsberaterin tätig und habe in einer Verwaltungsreformgruppe ein Konzept zur Wiedereinführung der kommunalen Selbstverwaltung mitausgearbeitet.
Was war die Solidarnosc tatsächlich? Reine Gewerkschaft, politische Partei... ?
Die Solidarnosc war eine wunderbare Mischung: Sie war ein großes Versprechen für die Zukunft, zugleich war sie für uns geistige Heimat, bot sie uns einen Freiraum des Denkens. Natürlich gab es die Niederungen der politischen Alltagsarbeit, aber es war immer mehr, es war das ungewisse Versprechen von Erneuerung. Mit der "Wende" wurde Solidarnosc dann schließlich zur Partei, und wo zuvor links-laizistische bis hin zu streng religiös-konservative Politiker unter einem Dach den gemeinsamen Traum von Freiheit und Menschenrechten geträumt haben, kam es zur realpolitischen Ernüchterung. Für die Zeit des Widerstandes war Solidarnosc wunderbar, nach der Wende überwogen dann die politischen Spannungen.
War der Traum der Solidarnosc 1989 also ausgeträumt?
Nein, es kam nur zu einer Transformation des Politischen. Als intellektuelle Gruppierung eines neuen Denkens ist Solidarnosc auseinandergefallen - aber die damaligen Vordenker und Triebfedern sind noch immer da, gestalten noch immer die polnische Politik, wie etwa Donald Tusk oder - auf der anderen Seite - Lech Kaczynski.
Welche Rolle spielte die katholische Kirche in dieser Zeit?
Eine sehr große Rolle! Zum einen gab es - anders als in anderen osteuropäischen Staaten - mit Papst Johannes Paul II. und dem damaligen Warschauer Erzbischof Kardinal Stefan Wyszynski zwei charismatische Figuren, die es vermochten, Kirche und Politik untrennbar zu verbinden. Kirche und gesellschaftliche Verantwortung gehören zusammen. Zum anderen war die Kirche für uns damals eine Festung der Freiheit. Sie war ein Territorium, auf das die Staatsmacht nicht zugreifen konnte. Die Tore der Kirche standen dabei auch für Atheisten, Künstler, Politiker weit offen. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es ohne Papst Johannes Paul II. und ohne seinen Besuch in Polen 1979 nicht zur Gründung der Solidarnosc gekommen wäre. Beides hing unmittelbar zusammen.
Heute sprechen manche im Blick auf die Kirche in den Ländern Osteuropas vom Rückzug der Kirche aus der politischen Verantwortung, gar von einer "Selbstghettoisierung". Trifft das auch für Polen zu?
Nein, bei solchen Generalaussagen ist immer Vorsicht geboten. Die religiöse Landkarte sieht in jedem Land Osteuropas anders aus. Natürlich gab es auch für Polen die Prophezeiung des Niedergangs der Religion. Aber Polen war durch die gesamte Zeit des Kommunismus hindurch ein katholisches Land geblieben. Nach der Wende ist es dann gerade nicht - wie etwa in Ostdeutschland - zu einer weiteren Erosion religiöser Traditionsbestände gekommen. Im Gegenteil: Die letzten fünfzehn Jahre waren in Polen geradezu eine Zeit des Triumphes und der Anerkennung der Kirche.
Die Formel "Modernisierung und Globalisierung = Säkularisierung" gilt also für Polen nicht?
Zumindest wohl nicht in dem Maße wie sie in anderen Ländern eingetreten ist. Aber es ist durchaus denkbar, dass die Kirche in den nächsten Jahren Probleme bekommen wird, wenn sie sich tatsächlich aus der gesellschaftlichen Verantwortung zurückziehen und ihre neue Rolle in der Gesellschaft nicht finden sollte. Derzeit lebt sie noch sehr stark vom Vertrauensvorschuss aus der Zeit der Wende und davor.
Wie gedenkt man denn in Polen des Jahres 1989?
In Polen befinden wir uns derzeit mitten in einem Richtungsstreit um die Deutungshoheit der damaligen Ereignisse. So haben sich Anfang Februar zur Erinnerung an den "Runden Tisch" etwa die damaligen Teilnehmer nochmals im Parlament zu einer Debatte zusammengefunden. Präsident Kaczynski hingegen hat zeitgleich zu einer Art Gegenveranstaltung eingeladen. Er wirft einigen Mitgliedern der Solidarnosc bis heute vor, mit den damaligen Machthabern gemeinsame Sache gemacht zu haben. Auch der erste Staatspräsident Lech Walesa soll in dieser Kampagne diskreditiert werden. Aber die Mehrheit der Menschen in Polen lässt sich Gott sei Dank nicht auf diese Stimmungsmache ein.
Auszeichnung durch Österreich und Deutschland
Irena Lipowicz wurde 1953 im oberschlesischen Gliwice (Gleiwitz) geboren. In Katowice (Kattowitz) studierte sie Jus, wo sie sich nach ihrer Promotion 1992 habilitierte. Von Beginn an schloss sie sich der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc an, für die sie auch im Untergrund tätig war. 1991 wurde sie für die Demokratische Union von Tadeusz Masowiecki in den Sejm, das polnische Parlament, gewählt. Von 2000 bis 2004 war sie als polnische Botschafterin in Österreich tätig.
Seit 1998 hat sie den Lehrstuhl für Verwaltungsrecht an der Warschauer Kardinal-Wyszynski-Universität inne. Sie hat mehr als 40 wissenschaftliche Abhandlungen veröffentlicht und lehrte an den Universitäten Köln, Passau, Tübingen, Athen und Graz. Seit 2008 ist sie geschäftsführende Direktorin der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit. Lipowicz ist u.a. Trägerin des Großen Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich sowie Trägerin des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland.







