Wien, 19.10.07 (KAP) Im Blick auf seine moralische Integrität und den klaren Blick, mit dem er den Militärdienst in einem "menschenverachtenden Regime" abgelehnt hat, kann Franz Jägerstätter auch für heutige Soldaten ein Vorbild sein. Dies betonte der Leiter des Instituts für Religion und Frieden, Bischofsvikar Msgr. Werner Freistetter, bei einem Pressegespräch in Wien. Indem Jägerstätter "in einer der dunkelsten Zeiten der europäischen Geschichte seinem christlich gebildeten Gewissen gefolgt ist", erinnere er auch heute die Soldaten daran, dass sie in einer konkreten Verantwortungssituation stehen.
Gerade wo die Frage der Legitimität militärischer Operationen wie im Fall des Irak-Kriegs stark umstritten ist, erlange Jägerstätter für Soldaten eine "neue Relevanz". Die Gestalt des Märtyrers motiviere zu einem "klaren und nüchternen Blick" und zu einem "moralischen Bewusstsein". Jägerstätter dürfe daher "nicht einfach als Wehrdienstverweigerer bezeichnet werden", so Freistetter, sondern müsse als jemand gesehen werden, der den Dienst in einem "menschenverachtenden und antichristlichen Regime" und den Einsatz in einem "ganz speziellen Raub- und Eroberungsfeldzug in Russland" verweigert habe, so Freistetter. Das prinzipielle militärische Verteidigungsrecht habe Jägerstätter damit nicht in Frage gestellt.
Dass es bereits seit längerem eine intensive Beschäftigung in militärischen Kreisen mit Jägerstätter gebe, werde daraus ersichtlich, dass unter Militärbischof Alfred Kostelecky bereits Anfang der neunziger Jahre eine Jägerstätter-Ausstellung im Ehrensaal der Militärpfarre Wien stattfand, betonte der Leiter des Instituts für Religion und Frieden.
Enquete über "Soldaten der Zukunft"
Das Pressegespräch fand zum Abschluss einer internationalen Enquete zum Thema "Der Soldat der Zukunft - Ein Kämpfer ohne Seele?" in der Wiener Landesverteidigungsakademie statt. Auf Einladung von Militärbischof Christian Werner und des Instituts für Religion und Frieden waren Militärseelsorger aus 16 Ländern Europas und Nordamerikas in Wien zusammengekommen, um darüber zu diskutieren, welche Auswirkungen die Ausweitung der militärischen Einsatzbereiche auf das Selbstbild und -verständnis der Soldaten habe. Diese Frage werde derzeit in nahezu allen Armeen diskutiert, so Freistetter, da Soldaten zunehmend mit "asymmetrischen Konflikten" konfrontiert seien, in denen "viele Regeln des humanitären Völkerrechts schwer anzuwenden" seien - so z.B. wenn sich terroristische Kämpfer unter die Zivilbevölkerung mischten.
Dem gerade im Rahmen der Terrorbekämpfung immer wieder laut werdenden Ruf, der Soldat müsse wieder stärker als "archaischer Kämpfer" situiert werden, wurde im Rahmen der Enquete eine deutliche Absage erteilt. Es gehe vielmehr darum, dass vorhandene Wertbewusstsein jedes Soldaten zu bilden und zu sensibilisieren und an "gültigen moralischen Werten auszurichten".
Besonders belastend sei für Soldaten weiterhin die Erfahrung eigener Machtlosigkeit bei Gewaltakten gegen die zivile Bevölkerung. Ein Beispiel hierfür stelle das Massaker von Srebrenica dar, wo niederländische UN-Soldaten aufgrund eines fehlenden Mandats tatenlos zusehen mussten. Seelische Belastungen dieser Art gehörten zum Aufgabenbereich des Militärseelsorgers. Trotz aller Säkularisierungstendenzen erfreue sich die Militärseelsorge unter den Soldaten noch immer eines großen Vertrauensvorschusses, so Freistetter. Besonders schätzen die Soldaten an den Militärseelsorgern laut Freistetter ein "Ethos, das über den Bereich des bloß Militärischen hinausreicht".
Konkrete gefordert sei angesichts dieser Herausforderung eine Verstärkung der moralischen Bildungsarbeit unter den Soldaten, so Freistetter. Diese dürfe jedoch nicht bei der untersten Befehlsebene stehen bleiben, sondern müsse alle Befehlsebenen umfassen. Angedacht seien beispielsweise Rollenspiele und praktische Übungseinheiten, bei denen moralische Verhaltensweisen in Kampfeinsätzen eingeübt und reflektiert werden sollen.
Zum Einsatz österreichischer Soldaten in der afrikanischen Republique du Tschad sagte Freistätter, dass er noch nicht wisse, ob es einen eigenen Militärseelsorger für diesen Einsatz geben werde. Dies hänge vor allem von der Größe des Kontingents sowie von der Länge des Einsatzes ab. Bei einem Kontingent unter 100 Soldaten werde die seelsorgliche Betreuung voraussichtlich durch vereinzelte Besuche an Ort und Stelle gewährleistet.
EU: Abstimmung nationaler Interessen gefordert
Im Blick auf die Frage einer einheitlichen europäischen Sicherheitspolitik sagte Freistetter, dass es auf diesem Gebiet vor allem einer "besseren Abstimmung der nationalen sicherheitspolitischen Interessen" bedarf. Zwar seien die Armeen weiterhin nationalstaatlich organisiert und folgten nationalen Anliegen, jedoch komme es zu einer starken Ausweitung internationaler und gemeinsamer Einsätze, die über diesen engen nationalstaatlichen Rahmen hinausgehen. So sei ein "verwirrendes Geflecht von Zuständigkeiten, Institutionen und Bürokratien" entstanden, in denen die Gefahr bestehe, dass "der konkrete Soldat als Mensch auf der Strecke bleibt".
Die Enquete stand in einer jährlichen Veranstaltungsreihe, zu der Militärbischof Christian Werner im Zweijahresrhythmus jeweils die Militärbischöfe und die Militärseelsorger nach Wien einlädt. Die Veranstaltungsreihe geht auf den einhellig geäußerten Wunsch der europäischen Militärbischöfe zurück, durch regelmäßige Treffen die Zusammenarbeit weiter zu stärken.






