Ein Gespräch des Chefredakteurs der Linzer Kirchenzeitung, Matthäus Fellinger, mit dem Moraltheologen und Bischofsvikar für Erwachsenenbildung in der Diözese Linz, Dr. Alfons Riedl.
Werden durch diese kirchliche Auszeichnung eines Verweigerers ehemalige Soldaten, die aus Pflichtbewusstsein die Härte des Krieges mitgemacht haben, ins Unrecht gesetzt?
Nein. Eine Seligsprechung richtet sich nie gegen andere, die nicht wie der betreffende Selige gehandelt haben. Jägerstätter selbst war tief betroffen vom Schicksal der Kriegsteilnehmer. Viele haben Schreckliches durchgemacht oder sind - wie mein Vater - zu Tode gekommen. Dies alles, nicht zuletzt die oft heldenmütige Kameradschaftlichkeit, ist bei Gott nicht vergessen. Im Grunde sind sie wie Jägerstätter Opfer eines politischen Regimes geworden, das in seiner Ablehnung von Glaube und Kirche auch vor der Würde des Menschen keine Achtung hatte. Nicht wenige ehemalige Soldaten empfinden inzwischen eine Solidarität mit Jägerstätter.
Auch viele Soldaten waren keine Nazis. Sie glaubten, ihre Pflicht tun zu müssen. Die Kirche hat das nicht in Abrede gestellt.
Jägerstätter war kein erklärter Pazifist. Das war für ihn nicht das Thema. Er hat die militärische Grundausbildung gemacht. Es wurde ihm in seinem Gewissen immer klarer: An diesem Krieg, der die Ausweitung der Nazi-Herrschaft zum Ziel hatte, wollte er sich nicht beteiligen. Vor dem Wehrdienst gedrückt hat er sich nicht.
Aber er hätte wenigstens Sanitätsdienst leisten können.
Dies wollte er auch; denn dabei konnte er viel Gutes tun. Aber diese Möglichkeit hat man ihm verweigert. Wären die Behörden nicht so „stur" gewesen, hätte die Armee einen Sanitäter mehr gehabt, und das Schicksal Jägerstätters wäre anders verlaufen. Nicht feindliche Mächte, sondern die „eigenen Leute" haben ihm das Leben genommen.
Muss man nicht oft mit seiner idealen Einstellung zurückhaltend sein, sich „klug" verhalten, Kompromisse eingehen?
Das haben die meisten getan. Auf diese Weise wollten sie ihrer doppelten Verantwortung gerecht werden. Im Grunde war dies auch die Haltung der Kirche: nicht mit dem Regime auf Konfrontation gehen - eine solche hätte sie verloren, und das um den Preis zahlloser Märtyrer -, sondern das eigene Überleben ermöglichen. Nachgeborene, die diese Spannung - Gott sei Dank! - nicht am eigenen Leib erlebt haben und erleben, sollten nicht in besserwisserischer Manier Vorwürfe erheben.
Hätte Jägerstätter nicht doch nachgeben sollen? Hat er es sich nicht irgendwie zu leicht gemacht? Er wusste doch, wie viel auf dem Spiel stand?
Leicht gemacht hat er es sich keineswegs. Er hat seine Fragen, Bedenken und Vorhaben immer wieder durchdacht, hat sich mit Angehörigen und Seelsorgern besprochen und sogar - damals sehr ungewöhnlich - das Gespräch mit dem Bischof gesucht. Ihm war durchaus klar, dass er mit seiner Gewissensüberzeugung auch innerhalb der Kirche ziemlich allein da stand. Dass er doch nicht der einzige war, hat sich erst später herausgestellt. Aber er war ebenso überzeugt, dass man Gott mehr gehorchen müsse als Menschen.
Und die Familie? Wie war es zu verantworten, eine Frau und drei kleine Kinder auf dem Bauernhof zurückzulassen?
Unter dieser furchtbaren Konsequenz hat Jägerstätter am meisten gelitten. Er liebte seine Familie, und doch gab es für ihn etwas noch Wichtigeres: den Willen Gottes zu erfüllen, wie er ihn in seinem Gewissen deutlich genug vernommen hatte. Jägerstätter hat seine Familie nicht verlassen, um sich etwa einer anderen Frau zuzuwenden. Er wäre auch als Soldat vielleicht - wie mein Vater - nicht mehr heimgekehrt. Zweifellos hätten es alle lieber gesehen, wenn er sich anders hätte entscheiden können; aber gegen sein Gewissen zu handeln, wollten sie ihn nicht drängen. Es spricht für Jägerstätter, dass er der letzten Konsequenz seiner Liebe zu Gott nicht ausgewichen ist.
Aber mit seiner Verweigerung hat er nichts erreicht. Er konnte den Krieg nicht abkürzen, das Regime nicht schwächen; sie hat nur Nachteile gebracht.
Dies ist richtig, und dessen war sich Jägerstätter auch bewusst. Bewirken konnte er nichts, wohl aber vor Gott und den Menschen ein Zeugnis dafür geben, dass für ihn als katholischen Christen dieses Regime und dieser Krieg ein Unrecht war. Er wollte nicht andere belehren oder motivieren, es ihm gleich zu tun. Die Frage: „Was bringt's?" ist nicht der alleinige Gesichtspunkt unserer Entscheidungen. kann oder nicht. Auch kann manches, das zunächst wirkungslos zu verpuffen scheint, später - wie bei Jägerstätter - eine ungeahnte Wirksamkeit entfalten.
Und doch wäre Jägerstätter beinahe vergessen worden. Auch die Kirche hat sich in den Jahren nach den Krieg nicht hinter ihn gestellt. Erst später, von Amerika her, ist er wieder in Erinnerung gerufen worden.
So ist es. Bei allem Respekt für seine persönliche Gewissenshaltung tat sich die Bistumsleitung zunächst schwer, ihm in der Sache Recht zu geben. Hier ist allerdings mit dem 2. Vatikanischen Konzil (1962-1965) einiges in Bewegung gekommen. Hinsichtlich „gerechter Krieg", Wehrdienstverweigerung und Gewissen hat die Kirche dazu gelernt.
Also tritt mit der Seligsprechung Jägerstätters die Kirche über ihren eigenen Schatten?
Ja, und darum hat diese Seligsprechung Bedeutung für die Kirche selbst. Indem sie sich ausdrücklich zu Jägerstätter bekennt, bekennt sie sich zur politischen Verantwortung aus dem Glauben, zur Problematik des Krieges und zur Würde des persönlichen Gewissens.
Hat demnach die Seligsprechung Jägerstätters mehr Bedeutung für die Kirche als für ihn selbst?
Die ewige Seligkeit Jägerstätters - übrigens auch so vieler christlicher Soldaten - wird durch diese Erklärung der Kirche nicht erhöht. Aber die Kirche formuliert damit eine für die Gläubigen unserer Zeit bedeutsame Botschaft. Sie verweist auf unsere Verantwortung und macht uns zugleich Mut: auf unser Gewissen zu hören und - notfalls auch „gegen den Strom" der allgemeinen Meinung - für Glauben, Gerechtigkeit, Frieden und Menschenwürde einzutreten.






