Wien (KAP) Die Unabhängige Opferschutzkommission unter Waltraud Klasnic hat am Freitag in Wien ein konkretes finanzielles Entschädigungsmodell für Opfer sexuellen Missbrauchs und Gewalt im kirchlichen Bereich präsentiert. Das in einer Stellungnahme gegenüber Journalisten nach der fünften Kommissionssitzung in Wien präsentierte Modell sieht vier Stufen der finanziellen Abgeltung vor. Dabei handle es sich jedoch um "Richtwerte", die Skala sei nach oben hin offen, wie die Kommission betonte.
Für "leichte Fälle des Missbrauchs ohne überschießende Gewaltanwendung" sieht das Modell 5.000 Euro vor. Für "mehrfache Übergriffe über einen längeren Zeitraum oder geringe Zahl an schwerwiegenden Übergriffen unter Gewalteinwirkung" wie etwa Vergewaltigung werden 15.000 Euro veranschlagt. Den Betrag von 25.000 Euro sieht die Kommission für Fälle "von über mehrere Jahre hinweg fortgesetzten Missbrauch mit Verletzungsfolgen und/oder fortdauernden seelischen Schmerzen" vor. In "besonders extremen Einzelfällen" seien auch darüber hinaus gehende Entschädigungen möglich, räumte die Kommission ein. Zahlen wurden für diese vierte Kategorie nicht genannt.
Die Kommission unterstrich, sich mit diesem Modell an die österreichische Judikatur angelehnt zu haben. Zugleich betonte die Kommission jedoch, dass die freiwilligen Entschädigungsleistungen der Kirche "über den durchschnittlichen staatlichen Sätzen" liegen.
Wie die Kommission weiters mitteilte, hätten sich bislang rund 200 Opfer bei ihr gemeldet.
Auszahlungen könnten im Herbst beginnen
"Es ist eine freiwillige, aber eine in Verantwortung vorbereitete Leistung, die wir in diesem Sinne beschließen wollen und die von der Kirche mit ihrem Fonds abgedeckt wird", berichtete Klasnic bei der Präsentation des Modells. Klasnic ortete "ein großes Vertrauen" der Bischofskonferenz in die Kommission und ging davon aus, dass die "gründlich erarbeiteten" Vorschläge seitens der von der Kirche angekündigten Stiftung auch gedeckt werden.
Eine Aufteilung der bisher bekannten, "gut über 200 Fälle" auf die vier Modellkategorien sei indes noch nicht möglich, so Klasnic. Die Kommission rechne jedoch damit, dass man bereits im Herbst mit den Auszahlungen beginnen könne.
Die Obergrenze der Entschädigungsleistungen sollen sich laut Kommission nach dem Einzelfall richten: "Berechnungen von Obersummen oder Obergrenzen gibt es nicht", so Klasnic. Die präsentierten Beträge seien "Richtwerte für reine Schmerzensgeldzahlungen. Wir werden Therapiekosten, die auch ein Mehrfaches ausmachen können, gesondert abgelten", ergänzte die Richterin, Mitbegründerin des "Forums gegen Sexuellen Missbrauch" und Kommissionsmitglied, Caroline List.
"Der Weg zu unserer Kommission verhindert nicht andere juristische Schritte", man fordere auch keine Verzichtserklärung, führte der frühere Wiener Stadtschulratspräsident und Kommissionsmitglied Kurt Scholz aus. Er betonte, dass dies keinesfalls eine Form der Wiedergutmachung darstellen solle: "Wiedergutmachung kann es nicht geben. Es sind Gesten."
Die Kommission erklärte auch, dass man "von Anfang an" Gesprächsbereitschaft mit allen Opferplattformen und Opferanwälten bekundet habe und zu Gesprächen geladen habe. Das Modell sei auch dem Opferanwalt Georg Zanger präsentiert worden, der die Einladung zu zwei Sitzungen der Kommission angenommen hatte. Opferanwalt Werner Schostal habe keinen der Termine wahrgenommen - man erneuere jedoch das Gesprächsangebot, so die Kommission.
Die Präsidentin des Berufsverbandes Österreichischer Psychologinnen und Psychologen, Ulla Konrad, erneuerte den Appell, dass sich mögliche weitere Opfer bald bei der Kommission melden sollten.
Insgesamt acht Kommissionsmitglieder
Insgesamt zählt die Opferschutzkommission acht Mitglieder. Neben List, Scholz und Konrad gehören weiters die Vizepräsidentin des Verfassungsgerichtshofes, Brigitte Bierlein, der Präsident der Opferhilfsorganisation "Weißer Ring", Udo Jesionek, der Psychiater und Neurologe Reinhard Haller an. Auch der Leiter der Abteilung für Jugendpsychiatrie der Landesnervenklinik in Linz, Werner Leixnering und der Publizist und frühere Vorsitzende der Plattform "Wir sind Kirche", Hubert Feichtlbauer, sind in der Kommission vertreten.