Die Stimmen der Evangelikalen führte George W. Bush 2004 in seine zweite Präsidentschaftsperiode, heute haben auch die Demokraten die Bedeutung des Faktors Religion im Wahlkampf erkannt - Ein katholisch.at-Hintergrundbericht
Bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen spielt die Religion eine entscheidende Rolle. Das mag medial oftmals unterbelichtet sein, von europäischen Beobachtern gar belächelt werden, jedoch sprechen die Daten eine andere Sprache. Einer Gallup-Umfrage im Jahr 2004 zu Folge ist für insgesamt 64 Prozent der Amerikaner die Religion ein wahlentscheidendes Kriterium, und daran hat sich bis heute nicht viel verändert.
Die religiöse Landschaft der USA erweist sich bei genauem Hinsehen als äußert vielfältig, wobei die Anteile der verschiedenen Konfessionen an der Gesamtbevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten relativ konstant geblieben sind.
Insgesamt bezeichnen sich mehr als 80 Prozent der Amerikaner als Christen. Die Protestanten stellen mit mehr als 100 Millionen Gläubigen die größte Denomination dar, wobei die Gruppe der Evangelikalen mit rund 25 Prozent zur stärksten Gruppe innerhalb der Protestanten angewachsen ist. Zur römisch-katholischen Kirche bekennen sich 67 Millionen Amerikaner (21 Prozent). Jeweils 6 Millionen Gläubige zählen Judentum und Islam. Die größte einzelne Konfession bildet daher nach wie vor die römisch-katholische Kirche, gefolgt von der Southern Baptist Convention, der United Methodist Church und den Mormonen.
"Religiöse Frage" entscheidet
Aus diesen Daten sowie aus der absoluten Zahl von rund 40 Millionen "evangelikalen Christen" (rund 25 Prozent der registrierten Wähler), die insbesondere für die Republikaner eine treue Wählerbasis darstellen, lässt sich ablesen, dass die Präsidentschaftskandidaten den Kirchen und Religionsgemeinschaften wesentliches Gewicht beimessen müssen und eine Vernachlässigung der "religiösen Frage" über Sieg oder Niederlage entscheiden kann.
Wie sich dieses Wählerpotential aktivieren lässt, hat insbesondere der amtierende Präsident George W. Bush in seinem Wahlkampf 2004 vorgemacht. So erhöhte er den Wähleranteil unter den weißen Evangelikalen von 71 Prozent im Jahr 2000 auf 76 Prozent bei seiner Wiederwahl im Jahr 2004. Auch konnte er den Stimmenanteil unter den katholischen Wählern auf 52 Prozent erhöhen.
Obama: "Engagierter Christ"
Der demokratische Kandidat Barack Obama ließ bereits während der Vorwahlen keinen Zweifel über seine Gesinnung aufkommen. So bekannte er bei einer Wahlkampfveranstaltung, er sei "seit fast 20 Jahren in der gleichen Kirche - der gleichen christlichen Kirche". Gleichzeitig wehrt er sich gegen massenhaft gestreute E-Mails, in denen er als Muslim oder gar als versteckter Terrorist bezeichnet worden war.
Weiterhin wird Obama vorgeworfen, er habe im Senat seinen Eid auf den Koran geleistet und der amerikanischen Flagge dabei bewusst den Rücken zugewendet. Den Nährboden solcher Spekulationen bilden wenige Fakten: Die Mutter des dunkelhäutigen Senators aus Illinois ist Amerikanerin, der Vater Kenianer. Der Vater und der indonesische Stiefvater waren Muslime, Obama selbst verbrachte mehrere Jahre seiner Kindheit im islamisch geprägten Indonesien, besuchte aber nur öffentliche und katholische Schulen.
Obama ging seinerseits in die Offensive gegen diese Gerüchte: "Ich habe meinen Eid mit der Hand auf der Familienbibel abgelegt". Wann immer er im Senat sei, schwöre er der Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika die Treue, sagte Obama. "Wenn Sie also irgendwelche dummen Mails bekommen, schicken Sie sie zurück und sagen Sie denen, die sie verschickt haben, dass das alles Unsinn ist".
Auch sein Wahlkampfteam wendet sich verstärkt dem Thema Religion zu und verteilt u.a. Fotos eines betenden Obama mit dem Titel "Engagierter Christ". Ein zweites Flugblatt zeigt Obama mit seiner ganzen Familie vor seiner Heimatkirche. Schon als junger Mann habe er den Ruf des Heiligen Geistes vernommen und Jesus Christus in sein Leben gelassen, heißt es darauf.
Clinton: Sammelbewegung der "religiösen Linken"
Auch die zweite demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton bekennt sich als Methodistin offen zu ihrem christlichen Glauben - von den Spin-Doctoren mit Fotos einer im Gospelchor singenden Hillary Clinton unterstützt. Bereits im Jahr 2005 überraschte sie ihre Anhänger, als sie Abtreibung eine "traurige, ja sogar tragische Entscheidung für viele, viele Frauen" nannte und bekannte, immer schon gebetet zu haben. Und im Frühjahr 2006, also lange vor ihrer offiziellen Bewerbung für das Präsidentenamt, hatte Clinton bereits gegen einen von Republikanern formulierten Gesetzesvorschlags gegen illegale Immigranten und ihre US-Helfer formuliert: "Es ist nicht im Einklang meines Verständnisses der Heiligen Schrift, weil dieses Gesetz den guten Samariter kriminalisieren würde, ja, sogar Jesus selbst, der den Bedürftigen hilft".
Dass sich die Demokraten in besonderer Weise des Themas Klimaschutz und Klimaerwärmung angenommen haben, dürfte auch kein Zufall sein, sind es doch insbesondere die evangelikalen Kreise, die aus der Schöpfungstheologie unmittelbare politische Anforderungen zum Klimaschutz ableiten wollen. Die Vernachlässigung der Klimaschutzpolitik durch die Republikaner lässt nun die Demokraten Hoffnung schöpfen, in diesem Politikfeld Wählerstimmen unter den evangelikalen Christen zu sammeln.
Medienberichten zu Folge sammelt sich um die Demokraten herum derzeit die "Religious Left", eine religiöse Linke, zu der sich laut einer Studie der University of Akron rund 27 Prozent der US-Bevölkerung zählt. Damit ist diese Gruppe zwar deutlich kleiner als die religiöse Rechte (38 Prozent), jedoch wiederum größer als der Anteil überzeugter Atheisten oder gemäßigter Säkularer (21 Prozent). Das Themenspektrum der "Religious Left" unterscheidet sich dabei deutlich von jenem der religiösen Rechten. Setzt diese auf die Reizthemen Abtreibung, gleichgeschlechtliche Ehe und Evolutionslehre, so arbeitet sich die religiöse Linke stärker an sozialpolitischen Themen wie Armut, Irakkrieg und Umweltschutz ab.
Demokraten werben um katholische Wähler
Dass Hillary Clinton auch in der Gunst der katholischen Wähler im Lande steht, zeigt eine Auswertung der Vorwahlen in insgesamt 24 amerikanischen Bundesstaaten. Demnach votierten die katholischen Wähler mehrheitlich für Clinton oder den republikanischen Bewerber und bekennenden Anglikaner John McCain. Verantwortlich dafür sei das besondere Engagement der Demokraten für die rund 50 Millionen Menschen zählende Gruppe der mehrheitlich katholischen Latinos und Hispanics in den Vereinigten Staaten. Dass diese Gruppe Gewicht hat, zeigen unter anderem die Wahlergebnisse der Vorwahlen in Florida und Kalifornien: Dort waren es die Stimmen der kubanischen Migranten und der Latinos, die Clinton jeweils zum Sieg verhalfen.
Beim Thema Abtreibung bleibt Clinton auf einem vergleichsweise liberalen Kurs: So befürwortet sie zwar ein Recht auf Abtreibung, spricht sich jedoch gegen Spätabtreibungen aus. Der republikanische Spitzenkandidat John McCain ist da konsequenter: Er will als Präsident das Recht auf Abtreibung ganz abschaffen. Zugleich vertritt er eine im konservativen Lager eher untypische, tolerante Haltung gegenüber illegalen Migranten. Das zusammen dürfte ihn in den Augen mancher katholischer Wähler attraktiver erscheinen lassen als die demokratische Mitbewerberin Clinton.
"Mormonen haben Image-Problem"
Dem US-Meinungsforscher Peter Hart zu Folge ist das Bekenntnis zur Glaubensgemeinschaft der Mormonen ein wesentlicher Faktor des Scheiterns des mittlerweile ausgestiegenen US-Präsidentschaftsbewerbers Mitt Romney gewesen. Seine Kampagne habe religiös motivierten Gegenwind erhalten, sagte Hart dem "Wall Street Journal". Obwohl Romney nicht direkt zugegeben habe, dass er wegen allgemeiner Ablehnung des Mormonentums aus dem Rennen ums Weiße Haus aussteige, habe dies bei dem republikanischen Politiker deutlich mitgeschwungen, ist sich der Meinungsforscher sicher.
Eine Umfrage des "Wall Street Journal" und des Fernsehsenders NBC hatte ergeben, dass 50 Prozent der US-Amerikaner Vorbehalte gegenüber einem Mormonen als Präsidenten hätten und sich damit "sehr unwohl" fühlen würden. Seit Romney ins Rampenlicht trat, sei die "Jagd auf Mormonen eröffnet" gewesen, zitierte das "Wall Street Journal" ein Mitglied der Glaubensgemeinschaft.






