Papst Benedikt XVI. stellte die Menschenrechte in den Mittelpunkt seines Besuches im Hauptquartier der Vereinten Nationen - "Kathpress"-Korrespondentenbericht von Johannes Schidelko
New York, 19.4.08 (KAP) Mit seiner großen Rede im New Yorker "Glaspalast" der UNO hat Papst Benedikt XVI. die Weltgemeinschaft auf die vollständige und ungeteilte Beachtung der universalen Menschenrechte eingeschworen. Diese Rechte seien Voraussetzung für die Schaffung von Gerechtigkeit und Frieden in der Welt; sie dürften nicht aufgeweicht oder irgendwelchen Eigeninteressen untergeordnet werden, sagte er am Freitag am East River. Zugleich erteilte der Papst nationalen Alleingängen in der Weltpolitik eine Absage. Für die globalen Probleme sei die UNO die Ordnungsinstanz - und die Religionen wichtige Partner im Dialog über die Zukunft der Menschheit.
Die Aufmerksamkeit für die Rolle der Kirche wurde spürbar, als Benedikt XVI. unter dem Applaus von mehr als 3.000 UN-Diplomaten an der Seite von UNO-Generalsekretär Ban Ki-Moon - einem "konfessionell nicht gebundenen Christen" - den Plenarsaal betrat. Der Besuch bei den Vereinten Nationen war Höhepunkt der achten Auslandsreise Benedikts XVI. und hatte als Anlass den 60. Jahrestag der Proklamation der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Nach seinem Eintreffen im "Glaspalast" hatte der Papst zunächst mit Ban in einer 20-minütigen Tour d'horizon über die Weltlage gesprochen. Ins Goldene Buch der UNO trug er sich mit einem Satz des Propheten Jesaja ein: "Das Werk der Gerechtigkeit wird der Frieden". Und diesen Vers wiederholte er am Ende seiner einstündigen Rede in den sechs Hauptsprachen der UNO: auf Englisch, Französisch, Spanisch, Arabisch, Chinesisch und Russisch. Nach der Rede besuchte der Papst den Meditationsraum des UNO-Hauptquartiers. Der interkonfessionelle "Raum der Stille" war 1952 unter UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld (1905-1961) eingerichtet worden.
In seiner Rede vor dem Plenum betonte der Papst unmissverständlich, dass die Solidarität mit den Armen und mit allen, die die negativen Auswirkungen der Globalisierung spüren, zu den Verpflichtungen der Staatengemeinschaft gehört. Zu den Verpflichtungen gehöre aber auch das Recht auf Intervention für Menschen und Völker, die sich selbst nicht wehren können. Weiter zählte Benedikt XVI. dazu die Religionsfreiheit, die den Gläubigen nicht nur freie Kultausübung, sondern auch gesellschaftliches Handeln erlauben muss.
Mit Nachdruck forderte Benedikt XVI. einen "ethischen Imperativ" für medizinische und technische Forschung und verurteilte Angriffe auf Leben und Familie. Manche angeblichen Errungenschaften erwiesen sich als Gewalt gegen die Schöpfungsordnung, unterstrich er.
Anders als vermutet ging Benedikt XVI. in seiner mit Spannung erwarteten Rede weder auf Notsituationen oder Katastrophen noch auf einzelne Krisenherde der Welt von Tibet über den Irak bis zum Kosovo ein. Der "Professoren-Papst" nutzte seinen Besuch vor dem Weltforum, um Grundlagen und Prinzipien für das friedliche Zusammenleben der Menschheit aufzuzeigen und Richtungen zu weisen: eine zeitlose Rede über die natürlichen Rechte des nach dem Ebenbild Gottes geschaffenen Menschen, die über den Tag hinaus ihre Aktualität behalten soll. Eine Ansprache auch, auf der man nach Erwartung des Vatikans künftig bei der Suche nach gemeinsamen Lösungen internationaler Herausforderungen und Konflikte aufbauen könne.
Benedikt XVI. betonte die Verankerung der Menschenrechte im Naturrecht und in der Würde der Person als Geschöpf Gottes: "Die Menschenrechte aus diesem Kontext zu lösen, hieße ihre Reichweite beschränken und einer relativistischen Konzeption nachgeben", so der Papst wörtlich.
Insgesamt bekundete der der Papst der oft vielgeschmähten UNO seine hohe Wertschätzung. Die Kirche betrachte die UNO als "privilegiertes Forum". Die Kirche wolle dort jene Erfahrungen in "Sachen des Menschen" einbringen, die sie im Laufe der Jahrhunderte als multikulturelle und multiethnische Organisation gesammelt habe. Der Papst verlangte mehr Gewicht für die UNO, die nicht vom Votum einzelner Staaten dominiert werden dürfe - ein unverkennbarer Seitenhieb auf die US-Außenpolitik.
Mit seiner Rede hat Benedikt XVI. der UNO die Kirche erneut als Gesprächspartnerin über prinzipielle und zeitlose Fragen der Menschheit empfohlen. Sein Besuch hat auch den Vatikan-Diplomaten Rückenstärkung gegeben, die als Ständige Beobachter in New York wie an den anderen Standorten der Weltorganisation im Auftrag der Kirche für die "Sache des Menschen" eintreten. Zum Abschluss gab es für den sichtlich gerührten Papst noch ein besonderes Geschenk: Ein internationaler Kinderchor trug ein deutsches Lied vor: "Weißt du, wieviel Sternlein stehen?"






