Dienstag 30. Mai 2017
Glauben | erklärt

Das Gebet

Hilft es überhaupt, wenn ich zu Gott bete? Handelt er, wenn ich ihn bitte? Warum Beten, wenn ich doch auch so mit Gott sprechen kann?

"Wir können nur beten, wie wir leben, und wir können nur leben, wie wir beten." Wenn ein Mensch betet, geht es um die ganze Wirklichkeit seines Lebens. Hier hat alles Platz: Freude, Begeisterung, Verliebt-Sein, die Suche nach der richtigen Entscheidung, Fragen, Sorgen, Probleme, Leid, Hoffnung und Verzweiflung, Trauer, Neubeginn, Bitten, Danken, einfach Dasein, Schreien, sogar Fluchen und Schweigen. Im Gebet kann der Mensch ganz er selbst sein. Er braucht, ja er kann niemandem etwas vormachen, nicht einmal sich selbst. Und Gott hat Zeit, er ist geduldig. Nichts ist zu groß oder zu klein für ihn. Alles können wir zu ihm bringen.

 

"Wahres Beten ist keine Spielerei.

Gebet ist ein Ringen.

Im Gebet wird der Mensch geübt,

die Probleme seines Lebens offen

anzuschauen und sie anzunehmen.

Denn der Mensch hat oft Angst,

sich selbst gegenüberzutreten.

Wahres Gebet ist Ehrlichkeit

gegenüber dem Anruf des Lebens."

(Carlo Martini)

 

Miteinander reden

 

Im Leben ist es normal, miteinander zu reden. Es ist kaum zu ertragen, wenn Menschen, die miteinander leben, sich nichts zu sagen haben. Andererseits müssen Menschen, die sich gern haben, nicht dauernd miteinander sprechen.

 

Liebende können einander auch ohne Worte "verstehen". Es genügt manchmal, wenn sie sich einander nahe wissen. Doch ein Gespräch, ein Verstehen ist nicht immer einfach. Es gibt die Erfahrung von Missverständnissen, (scheinbarer) Gleichgültigkeit, Oberflächlichkeit oder dass jemand eigentlich nur an sich selbst interessiert ist. Solche Störungen in der Kommunikation können sich auch - zeitweise - im Gebet ereignen. Selbst "große Beter" kennen Leere, Zweifel, sogar Verzweiflung. Es wäre wichtig, dies zugeben zu können und mit einem erfahrenen geistlichen Gesprächspartner darüber zu sprechen.

 

Gebet ist Beziehung

 

Wichtiger als Worte ist das Interesse aneinander, die Aufmerksamkeit und Offenheit füreinander. Das gilt auch für die Beziehung zwischen Gott und Mensch. Worte sind nicht das Entscheidende. Manche sagen: "Ich kann nicht beten; ich weiß nicht, was ich sagen soll." Aber man kann mit Gott im Gebet verbunden sein, auch wenn man keine Worte findet, sogar wenn man "einfach da ist" vor Gott. Auch das ist Gebet.

 

Meditation

 

Meditation hilft, eine - letztlich befreiende - Wahrheit tiefer zu erkennen. In einer Haltung innerer Ruhe lässt man Worte, Bilder, Musik, Farben, Gegenstände usw. auf sich wirken, um in eine Art inneres Schweigen und einen offenen "Dialog" einzutreten. Eindrücke, die einen dabei berühren, sind für eine positive und realistische (Selbst-)Erkenntnis hilfreich. Eine christliche Meditation konzentriert sich dabei auf Gott. Ihm wird Raum gegeben, damit er sich im Inneren eines Menschen ausdrücken kann.

 

Gott hat das erste Wort

  

 

Im Gebet eröffnet Gott das Gespräch. Gott hat das erste Wort. Antworten ist dann leichter. Gott spricht zu Menschen nicht nur in den Worten der Bibel, sondern in allem, was uns begegnet: in den Ereignissen des Tages, in den Menschen, mit denen wir zusammentreffen - in den Kleinigkeiten des Alltags. All das kann eine An-Frage, eine An-Rede und ein An-Spruch Gottes sein, auf die ich antworten und reagieren darf. Der Glaube an Gott macht den Menschen bereit, in allem mehr zu hören und mehr zu sehen, als der "erste Blick" erkennen lässt. Der Betende lässt das Leben um sich herum - Menschen und Ereignisse, Dinge und Gedanken - in sich einsinken. Er schaut tiefer. So kann die Welt und das Leben durchsichtig auf Gott werden.

  

Gebet ist antwortender Glaube

 

Darum ist es gut, wenn am Anfang des Gebetes das Schweigen steht. In der Stille wird das Hören leichter. So werden die Themen - von Gott - durch unsere Erlebnisse vorgegeben. Darum geht der Stoff nie aus. Immer wieder bietet sich Anlass für Dank und Lob, für das Bitten, aber auch für Fragen an Gott. Schließlich ist es das Leben, das im Gebet vor Gott "hingestellt" wird. Das Bittgebet scheint uns leichter zu fallen, aber das Dank- und Lobgebet macht vielleicht noch mehr Freude. Im Gebet geht es nicht vorrangig darum, dass der Mensch Gott an seine Not erinnern müsste. Gott weiß, was wir brauchen. Vielmehr ist es wichtig, dass der Mensch sich daran erinnert, dass er Gott braucht, dass er ihm dankt, dass er sich vergewissert: Gott ist da.

  

Erhört Gott Gebete?

  

Die Erhörung des Gebetes kann ganz anders ausfallen, als Menschen es sich wünschen. Oft geschieht etwas anderes, als man sich zunächst erhofft und vorgestellt hat. Schnell meint man dann: Gott hat mich nicht erhört. Und man kann übersehen, dass gerade dieses (ungewollte) Ereignis etwas Gutes entdecken lässt oder zu einer größeren Liebe herausfordert. Es ist eine gute Regel, jedes Bittgebet und jede Klage mit dem Wort Jesu zu beenden: "Vater, nicht mein Wille, sondern Dein Wille geschehe!" Gott weiß am besten, was gut für Gott weiß am besten, was gut für uns ist.

 

Das wichtigste Gebet der Christen ist das "Vater Unser", das Jesus selbst uns zu beten gelehrt hat:

 

                   

Vater unser im Himmel,
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot
gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben
unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich
und die Kraft und Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.

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