Freitag 23. Juni 2017
Glauben | erklärt

Orientierungen

Zum Glauben brauche ich doch keine Verbote und Gebote! - Warum also sollte ich mich nach den 10 Geboten richten? Und welchen Leitfaden bildet dabei das Gewissen?

Von weither kamen (und kommen) Menschen, um zu hören, was Jesus sagt. Sie bringen ihre Sorgen, ihre Freuden, ihr Leid, ihre Begeisterung und ihre Fragen mit:

  • Wem kann ich glauben?
  • Worauf kann ich hoffen?
  • Wie soll ich leben?
  • Was soll ich tun?
  • Wofür bin ich verantwortlich?
  • Was ist Glück?
  • Hat das Leid einen Sinn?
  • Wer ist mein Nächster?
  • Wo finde ich Gott?
  • Was ist das für eine Liebe, die Gott und Menschen verbindet?

 

Das Beispiel Jesu

 

Jesus antwortet: "Der Nächste ist der, der Hilfe braucht. Der Nächste ist der, der Hilfe gibt. Gott begegnet im Mitmenschen. Was Menschen einander tun, das tun sie mir." Die Liebe ist - so verkündet Jesus - die stärkste und beste Kraft zur Gestaltung des persönlichen und gemeinschaftlichen Lebens. Dieses Handeln aus der Liebe lebt Jesus seinen Jüngern und Jüngerinnen vor. Die Freunde Jesu sehen, wie gut das geht, wie viel Freude man verbreiten und selbst erleben kann.

 

Sie ahmen - jeder auf seine Weise - Jesu Art nach, den Menschen zu begegnen. Mit ihrem Leben buchstabieren sie nun die Liebe Jesu nach. "Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!" (Mt 7,12) "Wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt. Denn die Gebote: Du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren!, und alle anderen Gebote sind in dem einen Satz zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes." (Röm 13, 8-10)

 

Jesus fordert die Eigenverantwortung der Menschen heraus. Das äußere Handeln und die innere Haltung entscheiden vor Gott über den Wert des Tuns. Menschen sind nicht nur zum Mitlaufen bestimmt, sondern zu einem eigenständigen, verantwortlichen Handeln, das letztlich in Liebe wurzelt.

 

Der Sinn von Geboten

 

Jesus weist auf die "Zehn Gebote" des Alten Testaments hin, auf dieses einzigartige kulturelle Erbe der Menschheit im Dienst des menschlichen Zusammenlebens. Die Orientierung an den - von Jesus für weiterhin gültig erklärten - Geboten bewahrt vor Selbsttäuschung und Willkür. Sie bieten zentrale Lebensperspektiven. Diese Gebote sind nicht aus Angst vor Strafe einzuhalten, sondern aus Achtung und Liebe gegenüber den anderen. Wenn Menschen sich daran orientieren, bekräftigen sie zugleich den Bund mit Gott, dem sie vertrauen. In einer Gemeinschaft, die nach diesen Vorgaben lebt, weiß sich jeder gut aufgehoben. Die Rechte und die Würde jedes Menschen werden geachtet.

 

"Dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten. Wenn du auf die Gebote des Herrn, deines Gottes, auf die ich dich heute verpflichte, hörst, indem du den Herrn, deinen Gott, liebst, auf seinen Wegen gehst und auf seine Gebote, Gesetze und Rechtsvorschriften achtest, dann wirst du leben und zahlreich werden, und der Herr, dein Gott, wird dich in dem Land, in das du hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen, segnen." (Vgl. Dtn 30, 11-16)

 

Orientierungshilfen

  

 

In Geboten, Verboten, Weisungen und Normen verdichten sich wichtige Erfahrungen. Ihr Sinn ist nicht, die persönliche Freiheit einzuengen, sondern die Augen für Bedürfnisse, Rechte und Ansprüche der Mitmenschen zu öffnen. Sie schützen Menschen vor der Macht und Willkür anderer. Sie sind gleichsam ein Rahmen, ein Sicherheitsnetz für das menschliche Leben in Frieden und Sicherheit. Sie weisen auf das hin, was gut ist für mich selbst und meinen Nächsten - und damit für alle. Normen haben das Ziel, Wertvolles zu schützen, und haben von da her ihren Sinn.

  

Es kann deshalb Situationen geben, in denen nicht die Einhaltung, sondern die Überschreitung einer Norm mehr dem Gebot der Liebe entspricht: das Ziel der Norm wird dann "außerhalb der Norm" besser erreicht. Normen sind auch von ihrer jeweiligen Zeit abhängig. Sollten sie sich nicht mehr ihrem Sinn entsprechend bewähren, sind sie überholt und sollten verbessert oder aufgegeben werden. Situationen, in denen eine Norm außer Kraft tritt, gibt es immer wieder. Verkehrsregeln etwa sind absolut notwendig, damit auf den Straßen nicht Chaos und Anarchie herrschen. Sie sind einzuhalten. Gleichzeitig gibt es manchmal Gründe, die eine Überschreitung der Regel sinnvoll machen: etwa in Notfällen oder um ein größeres Übel zu vermeiden (Einsatzfahrzeuge sind sogar eine "geregelte Ausnahme").

  

Ein anderes Beispiel: Das Gebot "nicht zu stehlen" hat dort seine Grenzen, wo es um notwendige Existenzgrundlagen geht. Wer hungert und sich auf "rechtmäßige" Weise nichts zu essen beschaffen kann, der "darf" sich das Lebensnotwendige aneignen. Aber grundsätzlich ist festzuhalten, dass mit solchen Ausnahmen nicht leichtfertig umgegangen werden darf.

  

Das Gewissen

  

 

In konkreten Situationen hilft das eigene Gewissen zu entdecken, was gut und recht ist. Es wiegt ab und blickt auf die zu erwartenden Folgen. Das Gewissen fragt: Worum geht es eigentlich? "Nur" um eine Vorschrift oder um eine Grundregel des Zusammenlebens? Das Gewissen gleicht einer inneren Stimme, die sagt: Tu dies, meide jenes. Und es ist jene Lösung zu suchen, die der Würde des Menschen und dem Gebot der Liebe am besten entspricht. Das Gewissen ist wie ein inneres Gesetz, mit dem jeder Mensch zwischen Recht und Unrecht unterscheiden kann. Trotzdem kann das Gewissen irren, z.B. wenn der Mensch von falschen Voraussetzungen ausgeht, wichtige Umstände übersieht oder die eigenen Wünsche wichtiger nimmt als die Liebe zum Nächsten. Eine sorgsame Gewissensbildung ist eine wesentliche Aufgabe der Menschen von heute in den immer komplexeren und unübersichtlichen Zusammenhängen der Welt- und Lebensgestaltung.

 

Die zehn Gebote

 

Neben der Befreiung aus Ägypten prägt eine zweite zentrale Erfahrung das Volk Israel: der Bundesschluss mit Gott mit der Übergabe der "Zehn Gebote".   

  

Die Menschen erahnen, dass diese Gebote zutiefst Sinn haben und die Freiheit schützen. Man kann dieses Angebot Gottes so verstehen: Mensch, wenn du dich lieben lässt, wirst du selbst lieben. Du wirst dich in deiner ganzen Freiheit an diese Gebote halten, die dir jemand ans Herz gelegt hat, der dich liebt und der dir nur Gutes will. So bieten die Zehn Gebote auch heute eine klare, einprägsame Grundlage für eine verantwortungsvolle Lebensführung.

  

Ich bin dein Gott, der dich befreit hat:

Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.

Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen.

Du sollst den Tag des Herrn heiligen.

Du sollst Vater und Mutter ehren.

Du sollst nicht morden.

Du sollst nicht ehebrechen.

Du sollst nicht stehlen.

Du sollst nicht falsch aussagen gegen deinen Nächsten.

Du sollst nicht begehren die Frau deines Nächsten.

Du sollst nicht begehren das Gut deines Nächsten.

(Vgl. Ex 20)

 

Kann das gelingen?

  

Wer die Liebe Gottes in seinem Leben entdeckt, wird aus persönlicher Überzeugung - "wie selbstverständlich" - sein Leben im Sinn dieser Gebote gestalten, auch wenn es manchmal nicht leicht ist. Jeder wird seine Grenzen erfahren und an anderen "schuldig" werden. So vollkommen kann niemand sein, dass er immer und überall alle Gebote in Liebe erfüllt. In diesem Fall gibt es einen Weg der Selbsterkenntnis, des Bereuens, der "Umkehr", der Versöhnung und der Wiedergutmachung. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) zeigt, wie Gott dabei reagiert: Er nimmt den Menschen von neuem in seine Arme und schenkt - immer wieder - eine neue Chance.

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