Freitag 20. Januar 2017
Glauben | erklärt

Spuren Gottes

Wo erfahre ich in meinem alltäglichen Leben Spuren und Zeichen der Nähe Gottes? In welchen Weisen erschließt sich Gott mir im Alltag?

Wussten Sie, dass der Alltag wie ein spannendes Buch sein kann? Wenn wir genau hinsehen und zwischen den Zeilen lesen, können wir viel Weises, Humorvolles, Erhellendes usw. entdecken. Nehmen wir z.B. die Tätigkeit des Schauens. Tagtäglich beginnen wir den Morgen mit dem Blick auf den Wecker, aus dem Fenster, in den Spiegel.

 

Im Lauf des Tages sehen wir Personen, schauen in den Fernseher, auf den Straßenverkehr usw. Ist ihnen schon einmal aufgefallen, dass es verschiedene Arten von Blicken gibt: den Fernblick, den Weitblick, den Augenblick und den Blick aufs Leben? Wie blicke ich auf die Dinge? Wie sehe ich mein Leben? In Bezug auf diese Lebenssicht gibt es wiederum verschiedene Blickarten: den pessimistischen, den optimistischen, den ideologisch-gefärbten Blick usw.

  

Der christliche Blick auf das Leben ist geprägt durch eine entscheidende Entdeckung: Gott ist uns Menschen nahe - er ist da, wo wir sind! Die Erfahrung dieser Nähe verbindet uns mit Mose, mit David, mit Petrus, mit allen gläubigen Menschen. Wie sehr diese Entdeckung das Leben befreien, weiten und vertiefen kann, sehen wir in Jesus von Nazaret. Doch wie zeigt sich diese Nähe Gottes? Welche konkreten Erfahrungen gibt es?

  

Gotteserfahrungen

  

Die Geschichte zwischen Gott und den Menschen ist spannend und dynamisch:

 

» Weite

 

Immer wieder erleben Menschen Gott als einen Gott, der Hoffnungslosigkeit und Mutlosigkeit aufbricht, von Pessimismus, Fixierungen und Schuld befreit. Oft entdecken Menschen nach Jahren, wie sehr die Beziehung zu Gott das eigene Leben wandelt und weitet. In der Bibel geben davon die Psalmen ein eindrucksvolles Zeugnis. Und noch etwas zeigen die verschiedenen Erfahrungen mit Gott: Alles, was einengt, unfrei hält und abhängig macht, widerspricht Gott! Ein großes Beispiel dafür ist die Befreiung Israels aus dem "Arbeitslager" der Ägypter im 13. Jahrhundert v.Chr.

 

 

» Bewegung

 

Eine weitere Gotteserfahrung ist, dass Menschen, die von Gott angetan sind, nicht mehr von ihm loslassen wollen. So bricht Abraham - von einer göttlichen Verheißung getrieben - aus einer "gesicherten Existenz" ins Ungewisse auf. Der Prophet Jeremia ist von Gott fasziniert. Auch als die Botschaft, die er im Auftrag Gottes ausrichtet, für ihn gefährlich wird, kann er von Gott nicht lassen. Und schließlich Jesus von Nazaret: Die innige Beziehung zu diesem Gott, den er vertrauensvoll "Vater" nennt, prägt ihn wie keinen anderen. Die Menschen in seiner Umgebung werden von dieser "Gottesnähe" angesteckt und bekommen einen neuen, überraschenden Zugang zu Gott. Frauen und Männer, die von Gott "bewegt" sind, strahlen Lebendigkeit und Hoffnung aus. Ihre Gottebeziehung trägt sie, auch wenn sie dabei - wie wahrscheinlich jeder Mensch - durch "Krisen" hindurch gehen müssen.

  

 

» Überraschende Größe

 

Immer wieder gibt es Zeiten, in denen sich Menschen einem fragwürdigen System, einer gefährlichen Ideologie oder einem verhängnisvollen Führer anschließen - mit unfassbaren Folgen. Wie reagiert Gott in solchen Situationen: Ist er von den Menschen enttäuscht? Zieht er sich im Zorn zurück? Im Buch des Propheten Hosea (Hos 11,7-9) erfahren wir, wie Gott dann mit sich selbst ringt. Eigentlich hat er "die Schnauze voll" von den Menschen. Er, der sich für sein Volk leidenschaftlich engagiert, erfährt Ablehnung und Ignoranz. Ja, sein Volk "versetzt" ihn und wendet sich jemandem anderen zu.

  

Wie groß muss die "Enttäuschung" Gottes sein, wie groß seine Verbitterung? Menschlich gedacht wäre hier Zorn und Scheidung nur zu verständlich. Doch selbst dort, wo wir nach menschlichem Ermessen nicht mehr vergeben können, reagiert Gott "menschlich" in einem ganz anderen Sinn: "Wie könnte ich dich preisgeben, wie dich aufgeben, Israel? Mein Herz wendet sich gegen mich, mein Mitleid lodert auf. Ich will meinen glühenden Zorn nicht vollstrecken. Denn ich bin Gott, nicht ein Mensch." Gott überrascht und sprengt mit seiner "Menschlichkeit" unsere Erwartungen. Gott ist anders.   

 

 

» Glück & Unglück

 

Immer wieder erahnen Menschen Gott im Augenblick des Glücks. Besonders deutlich ist das z.B. bei der Geburt eines Kindes oder wenn wider Erwarten die Heilung einer Krankheit eintritt. Jeder, der solche Erfahrungen macht, weiß, wie viel Dankbarkeit hier hochkommen kann. Aber auch in leidvollen Stunden finden Menschen Gott. Sie erfahren, wie seine Nähe tröstet, stärkt und ermutigt. So weiß Ijob gerade im größten Leid Gott an seiner Seite - und das hilft ihm, das "Dunkle" zu ertragen und nicht zu verbittern.

 

 

» Schweigen

 

Zu den Gotteserfahrungen zählt auch, dass Gott schweigt. Menschen sehnen sich danach, Gott zu spüren, ihn zu hören, seine Nähe zu erleben - und bekommen keine Antwort. So betet ein Mensch im Psalm 42: "Meine Seele dürstet nach Gott. Warum hast du mich vegessen?" Warum muss ich trauernd umhergehen? Jesus selbst scheint bei seinem Tod Gott als unendlich fern zu erleben. Aber diese Gottesferne ist trotz ihrer Hoffnungslosigkeit nicht das Letzte. Derselbe Psalm 42 endet mit der Zuversicht: "Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, meinem Gott und Retter." Diese Zuversicht bestätigt Gott letztlich mit der Auferweckung Jesu von den Toten.

 

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