
Das Kreuz mit dem Kreuz...
Die Debatte ist alt und doch ein medialer Dauerbrenner: Die Frage nach der Präsenz von Religion und religiösen Zeichen in der Öffentlichkeit. In den letzten Wochen hat sie rund um die konkrete Frage nach Kreuzen in Klassenzimmern neuen Zündstoff erhalten. Eine Mutter setzte im Mai durch, dass in der Wiener Volksschulklasse ihres Kindes das Kreuz abgehängt werden muss, weil die Mehrheit der Schulklasse nicht christlich sei. Rechtliche Begründung: Laut Bestimmungen des Konkordates ist das Kreuz in Schulen erst aufzuhängen, wenn mehr als 50 Prozent der Schüler christlich seien. Regelungen für eine Abnahme sind hier freilich ebenso wenig festgehalten wie der Umgang mit anderen religiösen Symbolen.
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Im Hintergrund steht die Frage nach der Präsenz von Religion im öffentlichen Raum und das Verhältnis von neutralem Staat und Kirchen überhaupt; und genau an dieser Stelle setzt der Grazer Diözesanbischof Egon Kapellari an, wenn er die Präsenz von Kreuzen in Klassenzimmern in einem Interview mit der Zeitschrift "Fazit" verteidigt: "Eine Kleingruppe darf nicht eine Gesamtgesellschaft zwingen, mehrheitlich präsente Religion aus der Öffentlichkeit zu verdrängen". Würde man den aktuellen Fall in einer Wiener Volksschule weiterdenken, müsste man letztlich "alle religiösen Zeichen, die heute oder morgen irgendjemandem widerstreben, aus dem öffentlichen Raum verdrängen", so der Bischof.
Eine solche Intention, Religion aus der Öffentlichkeit in das bloß Private abzudrängen, ist für den Grazer Bischof "absurd". Schließlich erbringe die katholische Kirche und überhaupt die in Österreich anerkannten Religionsgemeinschaften eine gesamtgesellschaftliche, also dem Gemeinwohl und damit der breiten Öffentlichkeit zukommende Leistung. Dies hätten die Kirchen auch anlässlich des "Volksbegehrens gegen Kirchenprivilegien" erfolgreich ins Bewusstsein gerufen.
Religion gestaltet öffentlichen Raum
So sehr also Religiosität für Bischof Kapellari auf der einen Seite "zutiefst persönlich und individuell" sei, so wenig könne sie bloß privatistisch und damit einseitig ausgelegt werden: "Religion gestaltet immer auch die ganze Gesellschaft, den öffentlichen Raum". Dies mache besonders das soziale Engagement der Christenheit als "Großmacht der Barmherzigkeit", so Kapellari, deutlich.
Anstatt angesichts sinkender Gottesdienstbesucher in Selbstgerechtigkeit oder mutlose Resignation zu verfallen und daraus einen vermeintlichen Legitimationsverlust von Religion im öffentlichen Raum zu sehen, täte vielmehr eine "Blickumkehr" Not: So könnten und sollten sich Christen gerade als jene verstehen, die "stellvertretend auch für die anderen da sind und für sie beten". Das würde auch mit einem "neuen und ausstrahlenden Selbstbewusstsein" der christlichen Gemeinde einhergehen.
Fürnsinn: Alle religiösen Zeichen anbringen
Der Probst von Stift Herzogenburg, Maximilian Fürnsinn, geht mit seiner Stellungnahme für das Kreuz noch einen Schritt weiter: In Schulklassen sollte generell die bestehende religiöse Vielfalt sichtbar gemacht werden. Das heißt, anstatt das Kreuz abzunehmen, wenn es in einer Klasse (mehrheitlich) nichtchristliche Schüler gibt, sollten die "Zeichen aller Religionen, die es in einer Klasse gibt, vorhanden" sein, so der Vorsitzende der Superiorenkonferenz der Männerorden gegenüber dem "Kurier".
Durch die sichtbare Pluralität religiöser Symbole könnten sich die Schüler mit Zeichen des je eigenen und fremden Glaubens auseinandersetzen, so dass eine Kultur des "Einschließens und nicht des Ausschließens", des "respektvollen Umgangs und der Integration" befördert werden könne.
Ähnlich argumentiert auch die Journalistin und Religionswissenschaftlerin Ursula Baatz in einem "Standard"-Kommentar (13. Mai) zur Kreuz-Debatte: "Religionsfreiheit bedeutet nicht, das eine Mehrheit bestimmt, was z.B. in einer Schule als Religion oder Weltanschauung auftreten darf". Die religiös-weltanschauliche Neutralität des Staates heiße nicht Verbannung religiöser Lebensäußerungen aus der Öffentlichkeit. Vielmehr müsse es religiösen Bürgern freistehen, sich in der Öffentlichkeit auch religiös darzustellen und zu artikulieren, verwies Baatz auf eine Prämisse des "Urvaters" der Diskursethik, Jürgen Habermas.
Kreuzabnahme folgt "totalitärem Denken"
Die "Bravo-Rufe für die schulische Kreuzabnahme" würden vielmehr einem "totalitären Denkmuster" folgen, dem "das Menschenrecht auf Religionsfreiheit fremd ist". Dies sei auch das "Ergebnis von 500 Jahre Zwangskonfessionalität" in Österreich. Um dem entgegenzuwirken und das "junge Pflänzlein" Religionsfreiheit gedeihen zu lassen, plädiert mit Probst Fürnsinn auch Baatz für sichtbaren religiösen Pluralismus. Schule wäre ein "spannender Ort", um dessen Möglichkeiten zu erkunden.
"Bravo-Rufe" für das Abhängen von Kreuzen gab es hingegen seitens der Initiative "Religion ist Privatsache", die das Schulkreuz als Symbol für die Unterwanderung der Trennung von Kirche und Staat sieht. Vorstandsmitglied Eytan Reif griff dazu im "Profil" die Debatte auf, um den Religionsunterricht als solchen als (versteckte) Missionierung zu kritisieren. Der Staat würde die Kirche dadurch "am Leben halten". Im Blick auf das Kreuz widerspricht Religionsrechtlerin Brigitte Schinkele ebenfalls im "Profil" deutlich: "Das Kreuz stellt ein sinnvariierendes Symbol dar, dem nicht schlechthin ein appellativer oder missionarischer Charakter zugesprochen werden kann".
Kirchen: Herausforderung zur Legitimation
In seiner Kolumne im "Standard" (14. Mai) hinterfragte Hans Rauscher nicht nur das "militante Ausleben persönlicher Phobien" und die bei der aktuellen Kreuz-Abnahme zum Ausdruck gekommene fehlende "Toleranz gegenüber einer Minderheit, die in diesem Fall eben eine christliche war". Er sieht die Debatte vor allem als Herausforderung für Kirchen und Religionsgemeinschaften, ihre symbolisch-öffentliche Präsenz zeitgemäß zu argumentieren und zu legitimieren. Das Kreuz als christliches Symbol sei keine Selbstverständlichkeit mehr. "Wer ein Symbol für die Stellung der Kirchen im öffentlichen Raum will, muss es neu legitimieren", so Rauscher.
Aufreger für Minderheit
Für mehr Nüchternheit in der Debatte plädiert indes die Leiterin des interdiözesanen Schulamtes, Christine Mann. "Diejenigen, die sich da aufregen, bilden eine kleine Minderheit. Der Durchschnittsösterreicher sieht die Vorteile, die die Kooperation zwischen Staat und Kirche für das Land bringt", so Mann gegenüber dem "Profil". Dies gelte im übrigen auch für Schulgebete, die "keine schlechte Übung" seien, um zum Tagesbeginn "kurz innezuhalten".
Den Religionsunterricht bezeichnete Mann als ein notwendiges "Gegengewicht zur einseitigen modernen Denke, die sich nur auf Messbares stützt". Wer solle schließlich jenes "Vakuum, das ohne Religion in den Schulen und in der Gesellschaft entstünde, füllen", fragte sie. "Der Ökonomismus? Der Kommunismus? Dieses krankhafte Immer-Mehr? Daran mag ich gar nicht denken."
Quelle: Kathpress-Info-Dienst