Sonntag 19. Februar 2017

Tag des Judentums

Das Alte Testament dient im gesellschaftlichen und kirchlichen Alltag zu oft als eine Art Negativfolie des Neuen Testamentes, ja es wird sogar ein Gegensatz zwischen dem Testament des Gesetzes und dem Testament der Liebe konstruiert, und als "alttestamentarisch" werden besondere Unmenschlichkeiten, Grausamkeiten und Grauslichkeiten bezeichnet.

 

Dabei sind das Gebot der Nächstenliebe und die Sorge um die Feinde im Alten Testament fest verankert, das Neue Testament erinnert daran. Und "Aug um Aug" war keine Strafformel, sondern eine Regelung für den zu leistenden Schadenersatz und das Schmerzensgeld, usw. Das negative Vorzeichen, mit dem das Alte Testament versehen ist, fördert, ja festigt die Ablehnung des Judentums. Zu bedenken, wie das Christentum mit seinem Antijudaismus die Shoa vorbreitet und ermöglicht hat, würde die Rede vom christlichen Europa mit jener Scham verbinden, die zur Reinigung des Gedächtnisses und zur Erneuerung christlichen Glaubens führt.

 

   
   

Prof. Martin Jäggle, Religionspädagoge,

Präsident des "Koordinierungsausschusses

für christlich-jüdische Zusammenarbeit"

"Die jüdische Religion ist für uns nicht etwas 'Äußerliches', sondern gehört in gewisser Weise zum 'Inneren' unserer Religion. Ihr seid unsere bevorzugten Brüder, und, so könnte man gewissermaßen sagen, unsere älteren Brüder", betonte schon Johannes Paul II. Es geht darum, das Judentum als Teil der christlichen Identität wertzuschätzen, es aber dennoch in seiner Andersheit wahrzunehmen und nicht für die christliche Selbstfindung zu vereinnahmen. In dieser Spannung stehen wir.

 

Das auszubalancieren ist eine Aufgabe des christlich-jüdischen Dialogs. Papst Franziskus schrieb in 'Evangelii gaudium': "Als Christen können wir das Judentum nicht als eine fremde Religion ansehen, noch rechnen wir die Juden zu denen, die berufen sind, sich von den Götzen abzuwenden und sich zum wahren Gott zu bekehren." Und schon in seinem offenen Brief an Scalfari sagte er: "Gott ist dem Bund mit Israel immer treu geblieben, und die Juden haben trotz aller furchtbaren Geschehnisse dieser Jahrhunderte ihren Glauben an Gott bewahrt. Dafür werden wir ihnen als Kirche, aber auch als Menschheit, niemals genug danken können."

 

Jesus hat sein ganzes Leben als Jude gelebt, er hat das Gesetz erfüllt, er ist als gläubiger, thoratreuer Jude gestorben. Müsste der Satz "Gott ist Mensch geworden" da nicht konkreter formuliert werden? Etwa: "Gott ist Jude geworden?"

 

Das Christentum gewinnt sein Eigenes, indem es sich der Bedeutung seiner jüdischen Quellen bewusst wird und sich die spirituelle Bedeutung des Judesein Jesu erschließt. Jesus ist in eine einfache, thoratreue jüdische Familie in Galiläa hineingeboren worden. Deshalb war er mit der heiligen Schrift und mit dem damaligen religiösen Leben seines Volkes so vertraut: Er selbst war beschnitten, die Psalmen waren sein Gebetbuch, der Sabbat war ihm heilig, die großen Feste hat er gefeiert.

 

Seine Botschaft vom Reich Gottes, das nahe gekommen ist, hat Parallelen im so wichtigen Kadisch-Gebet, das er, wie Juden nicht nur seiner Zeit oftmals am Tag gesprochen hat. Dort heißt es: "…sein Reich erstehe in eurem Leben in euren Tagen und im Leben des ganzen Hauses Israel, schnell und in nächster Zeit, sprecht: Amen! ..."

 

Jesus hat sein ganzes Leben als Jude gelebt, er hat das Gesetz erfüllt, er ist als gläubiger, thoratreuer Jude gestorben. Müsste der Satz "Gott ist Mensch geworden" da nicht konkreter formuliert werden? Etwa: "Gott ist Jude geworden?"

 

Als Katholik weiß ich um meine Wurzeln im Judentum. Jesus selbst war praktizierender Jude und viele Traditionen und Gebete stammen von unseren jüdischen Müttern und Vätern. Ohne das Judentum hätte das Christentum niemals entstehen können.

 

Alle haben die Möglichkeit und Verpflichtung, sich die Bedeutung des bleibenden Judeseins Jesu auch persönlich, existentiell anzueignen. Dies vertieft den christlichen Glauben, schafft einen fruchtbaren Boden für die Freundschaft mit dem jüdischen Volk heute und macht immun gegenüber den teuflischen Versuchungen jeglichen Antisemitismus und der Judenfeindschaft.

 

Vielleicht wird dann eines Tages die Antwort nicht mehr so außergewöhnlich sein, die mir ein junger Theologiestudent vor drei Tagen auf die Frage geschrieben hat: "Was bedeutet für Sie katholisch sein?" Er begann seine Antwort nämlich folgendermaßen:

 

"Als Katholik weiß ich um meine Wurzeln im Judentum. Jesus selbst war praktizierender Jude und viele Traditionen und Gebete stammen von unseren jüdischen Müttern und Vätern. Ohne das Judentum hätte das Christentum niemals entstehen können. Gleichzeitig bin ich dankbar für die jüdische Tradition und Philosophie, weil ich aus ihr für meinen Glauben wertvolle Impulse annehmen darf. Ich bin den Psalmen – der herausragenden jüdischen Gebetsliteratur sehr verbunden. Sehr bereichernd erfahre ich auch die jüdische Tradition des Sabbats. Ein bewusstes Heraustreten aus der Zeit und Hineingehen in Gottes Ewigkeit. Ewigkeit als immerwährender Augenblick. Eine Einübung im Sabbat. Oder wie es Rabbi Heschel beschreibt: 'Ein Siebentel seines Lebens verbringt der gläubige Jude im Paradies.'"

 

Dass dies vielen Christinnen und Christen möglich wird, ist mein Wunsch am Tag des Judentums.

 

 

Prof. Martin Jäggle


lehrte Religionspädagogik an der Universität Wien

Präsident des "Koordinierungsausschusses

für christlich-jüdische Zusammenarbeit"

 

 

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