Kirche übt scharfe Kritik an Straches "Juden-Vergleich"
Theologie-Dekan Jäggle sieht Armutszeichen für politische Kultur in Österreich - Jugendseelsorger Jansen hält Ordensverleihung an FPÖ-Obmann angesichts dessen "Grenzverletzung" für "unangemessen"
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Der FPÖ-Chef 2009 bei einer Demonstration gegen den Ausbau eines islamischen Kulturzentrums in Wien-Brigittenau |
Wien, 31.01.12 (KAP) Scharfe Kritik aus den Reihen der katholischen Kirche hat der "Juden-Vergleich" von FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache ausgelöst. Der Dekan der Wiener katholisch-theologischen Fakultät, Martin Jäggle, bezeichnete die Äußerungen Strache am Ball des Wiener Korporationsringes als Armutszeichen für politische Kultur in Österreich, Jugendseelsorger Gregor Jansen stellte angesichts der "Grenzverletzung" des FPÖ-Politikers dessen Ehrung mit dem "Großen Goldenen Ehrenzeichen mit dem Stern" infrage.
Strache hatte auf dem Burschenschafter-Ball am vergangenen Freitag in Gegenwart eines von ihm nicht erkannten "Standard"-Journalisten gesagt, Angriffe auf Burschenschafter-Buden vor dem Ball seien "wie die Reichskristallnacht gewesen". Weiter zitierte der "Standard" Strache dann: "Wir sind die neuen Juden."
Für Jäggle, der auch Präsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit ist, sind diese Aussagen in zweifacher Hinsicht erschreckend, wie er am Dienstag gegenüber "Kathpress" sagte: So wie Strache würden auch etliche andere in Österreich denken, und hierzulande seien die kulturell-politischen Standards offenbar derart niedrig, dass derlei Vergleiche fallen, ohne dass Konsequenzen gezogen werden müssen. Dass sich ein Spitzenpolitiker öffentlich derart "schamlos" äußere, sei "nur in Österreich denkbar" und widerspreche ethischen Standards, die in vergleichbaren westeuropäischen Demokratien gelten.
Laut Jäggle reiche es aber nicht, den Juden-Vergleich zu kritisieren. Es gehe vielmehr um die Frage, "was wir tun können, um den Standard zu heben und den schlampigen Umgang mit Geschichte in Österreich zu ändern". Dringend notwendig sind nach den Worten des Wiener Religionspädagogen politische Bildung, Geschichtsbildung, Erinnerungslernen und Mitleidensfähigkeit mit den tatsächlichen Opfern. Gelinge dies nicht, würde sich in Österreich eine Politik etablieren, die mit Exklusion operiert, und ein "Klima, das gegen Menschen gerichtet ist".
"Stilisierung als verfolgte Minderheit"
Gregor Jansen, für die Jugendkirche Wien zuständiger Seelsorger, kritisierte "die Stilisierung der vereinten Rechten als verfolgte Minderheit" und die "Unglaublichkeit, am Holocaust-Gedenktag zu behaupten, die 'neuen Juden' zu sein". Dass Strache dies offenbar abseits medialer Öffentlichkeit zu sagen meinte, mache die Sache nicht besser, so Jansen. Jedenfalls habe der FPÖ-Politiker mit Sicherheit gewusst, dass er seine Vergleiche am Gedenktag des millionenfachen Mordes an Juden zog, so der Priester gegenüber "Kathpress".
Jansen nannte die Strache-Äußerungen Grund genug, dessen geplante Auszeichnung für Verdienste um die Republik Österreich "als unangemessen zu betrachten". Selbst wenn es eine "Usance" sei, solche Dekorationen automatisch zu verleihen - "bisher war es auch ein allgemeiner Konsens, gewisse Grenzverletzungen nicht zu begehen", so Jansen.
Strache zeigte sich am Dienstag trotz geharnischter Kritik aus allen politischen Lagern uneinsichtig: Auf seiner Facebook-Seite wandte er sich gegen "bewusste Verdrehungen", "gezielte Verleumdungen und Manipulationen" seiner Gegner. FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky hatte tags zuvor die "künstliche und lächerliche Empörung" über die Strache-Aussagen zurückgewiesen und sich über die "Stasi-Spitzel-Manier" des unerkannten Journalisten empört.
Fischer verweigert Strache Orden
Bundespräsident Heinz Fischer hat beschlossen, den Vorschlag der Bundesregierung, Heinz-Christian Strache (wie auch anderen Politikern) das Große Goldene Ehrenzeichen zu verleihen, zurückzustellen. Wie die Präsidentschaftskanzlei am Dienstag in einer Aussendung mitteilte, reagiere Fischer damit auf Aussagen des FPÖ-Chefs, "in denen er die Demonstrationen gegen den WKR-Ball - in welchem Zusammenhang auch immer - mit dem verbrecherischen und zahlreiche Todesopfer fordernden November-Pogrom der Nationalsozialisten in Zusammenhang gebracht" habe.