
Jüdisches Museum Wien: Ausstellung "Heimatlos" über jüdisches Exil
Briefe, Pässe, Fotografien, Möbel und persönliche Erinnerungsstücke stehen im Mittelpunkt der neuen Sonderausstellung "Heimatlos. Wiener Juden im Exil" im Jüdischen Museum Wien (JMW). Die Schau, die am Mittwoch am Standort Judenplatz startet und bis 4. April 2027 zu sehen ist, zeichnet anhand solcher Objekte die Flucht- und Exilgeschichten Wiener Jüdinnen und Juden nach, die nach dem "Anschluss" Österreichs 1938 aus ihrer Heimat vertrieben wurden.
Bis 12. März 1938 war Wien die drittgrößte jüdische Gemeinde Europas, die dann aber durch Emigration, Deportation und Ermordung infolge der nationalsozialistischen Entrechtung, Enteignung und Vertreibung nahezu ausgelöscht wurde. Wer fliehen konnte, verlor neben Wohnung, Beruf und Eigentum auch sein soziales Umfeld und seine Heimat. Die Vertriebenen fanden Zuflucht unter anderem in europäischen Ländern, Nord- und Südamerika, Afrika, dem Nahen Osten, Asien und Australien.
Der Blick der Ausstellung richtet sich vor allem auf die individuellen Lebensgeschichten. "Ich möchte das Individuum wieder ins Rampenlicht holen", erklärte Kuratorin Caitlin Gura bei einer Präsentation am Montag. Zu sehen sind unter anderem behördliche Dokumente wie Vermögensverzeichnisse, Kündigungsbescheide und Pässe mit dem roten "J", aber auch Briefe, Fotografien, Haushaltsgegenstände und religiöse Objekte. Viele Exponate stammen aus privaten Familienarchiven und werden erstmals öffentlich gezeigt.
Die Objekte dokumentieren auch die oft langwierigen und bürokratischen Wege ins Exil. Visa mussten beschafft, Vermögen offengelegt und Ausreisegenehmigungen eingeholt werden. Manche der Geflüchteten mussten nach Verfolgung oder Internierung mehrfach den Aufenthaltsort wechseln. Zu den in der Ausstellung erzählten Geschichten gehören etwa jene von Familien, die nach London, New York, Shanghai oder Australien gelangten.
Leihgaben und Erinnerungen
Auch das Leben nach der Flucht wird thematisiert. Ohne vertraute Sprache, berufliche Perspektiven und soziale Netzwerke mussten sich die Vertriebenen neue Existenzen aufbauen. Die meisten kehrten nicht dauerhaft nach Wien zurück. Persönliche Gegenstände wie eine Lederhose und ein Dirndl, ein Kochbuch mit einem Sachertorten-Rezept der Familie Arnold Schönbergs oder Möbel der Familie Glück verweisen auf die unterschiedlichen Formen, in denen Erinnerungen an die verlorene Heimat bewahrt wurden.
Zahlreiche Leihgaben stammen von Nachkommen der Geflüchteten, darunter von Randy Schoenberg, Jane Kallir und der Familie von Marion Wiesel. Auch ein Notizheft von Stefan Zweig aus dessen Emigration ist zu sehen. Die Ausstellung wird von einer App des Unternehmens Cuseum begleitet, die zusätzliche Exilgeschichten und Materialien zugänglich macht. Zudem ist im Czernin Verlag ein 192-seitiger Ausstellungskatalog erschienen.
"Die Allermeisten kehrten niemals nach Wien zurück. Die Stadt, die sie vertrieben hatte, war nicht mehr ihre Heimat", heißt es in der Ankündigung der Ausstellung. Verwiesen wird jedoch auch auf § 58c des österreichischen Staatsbürgerschaftsgesetzes, wonach Nachkommen von während der NS-Zeit verfolgten österreichischen Staatsbürgern die österreichische Staatsbürgerschaft wiedererlangen können. Einige Leihgeber der Ausstellung besäßen inzwischen wieder einen österreichischen Pass, so das Jüdische Museum Wien. (Infos: www.jmw.at)
Quelle: kathpress