
Polak: Vatikan-Dokument stärkt christlich-jüdischen Dialog
Viel Lob für das neue Vatikan-Dokument "Ein Weg der Hoffnung" kommt von der Präsidentin des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit (KooA), Prof. Regina Polak. Das Schreiben fordere dazu auf, sich intensiv mit dem jüdischen Erbe des Christentums auseinanderzusetzen und biete biete "unverzichtbare" Grundlagen für die Förderung und Stärkung des interreligiösen und insbesondere des christlich-jüdischen Dialogs in der Kirche Österreichs, sagte die Wiener Pastoraltheologin gegenüber Kathpress. Zugleich sehe sie angesichts von Antisemitismus und antiislamischen Ressentiments auch unter Katholikinnen und Katholiken dringenden Handlungsbedarf.
"Der interreligiöse Dialog und insbesondere die Beziehung zum Judentum gehören zu den unverzichtbaren Aufgaben der Gläubigen", betonte Polak. Das Christentum könne sein eigenes theologisches Erbe nicht ohne die jüdischen Wurzeln verstehen. Denn: "Das, was Jesus an jüdischem Erbe in das Christentum eingebracht hat, ist Teil der theologischen Struktur des Christentums", so die KooA-Präsidentin.
Polak verwies auf ihre Studie "Was glaubt Österreich?", in der nur 2,5 Prozent der Befragten angeben, an interreligiösen Initiativen beteiligt zu sein. Zudem: Antisemitismus sowie anti-islamische Ressentiments seien auch unter Katholikinnen und Katholiken anzutreffen. Polaks Fazit: Es bestehe dringend Handlungsbedarf.
Das Vatikan-Dokument bestärke zugleich bestehende Initiativen in Österreich - etwa in Pfarren und Gemeinden, Bildungseinrichtungen und an den katholischen theologischen Fakultäten. Auch die Arbeit des KooA werde darin bestätigt, sagte Polak. Der Koordinierungsausschuss feiert am 19. Oktober sein 70-jähriges Bestehen und unterstützt Gemeinden und Pfarren bei Initiativen des christlich-jüdischen Dialogs.
Ein Papst und drei Kurienkardinäle
Die am 16. September veröffentlichte Note "Ein Weg der Hoffnung. 60 Jahre Dialog und interreligiöse Geschwisterlichkeit im Licht der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils Nostra Aetate" zieht laut Polak Bilanz über die Weiterentwicklung der Konzilserklärung "Nostra Aetate" und der kirchlichen Positionen zum Judentum und zu anderen Religionen. Auch wenn es sich nicht um ein dogmatisches Dokument handle, sei darin eine theologisch, religionsgeschichtlich und praxisbezogen "bemerkenswerte Weiterentwicklung" erkennbar.
Das knapp 30-seitige Schreiben wurde gemeinsam von den Dikasterien für die Glaubenslehre, für die Förderung der Einheit der Christen und für den interreligiösen Dialog erarbeitet. Es ist mit 22. Juni 2026 datiert und von Papst Leo XIV. sowie den drei zuständigen Präfekten, Kardinal Víctor Manuel Fernández, Kardinal Kurt Koch und Kardinal George Jacob Koovakad, unterzeichnet. Die gemeinsame Unterzeichnung durch Papst und Kurienpräfekten unterstreiche aus Polaks Sicht die Verbindlichkeit der Aussagen.
"Bemerkenswerte Weiterentwicklung"
Die "Hoffnungs-Note" gibt laut Prof. Polak einen gelungenen Überblick über die Weiterentwicklung des Konzilsdokuments entlang zentraler Aussagen aller seither amtierenden Päpste und markiere damit - auch wenn es sich nicht um ein dogmatisches Dokument handele - eine theologisch, religionsgeschichtlich und praxisbezogen "bemerkenswerte Weiterentwicklung". Es enthalte Aussagen und Praxishinweise, die pastoral - von den Gemeinden, Ordensgemeinschaften, Bewegungen und kirchlichen Institutionen - unbedingt rezipiert und in die Jahresplanungen einbezogen werden sollten, so die KooA-Präsidentin.
Besonders wichtig sei, dass die Note eine Haltung der Abschottung gegenüber anderen Religionen klar ablehne. Sie rufe Christinnen und Christen dazu auf, sich in einer von Krisen und Konflikten geprägten Welt für das Zusammenleben mit Angehörigen anderer Religionen einzusetzen - auf Grundlage von gegenseitiger Anerkennung, Respekt, Gastfreundschaft und gemeinsamer Verantwortung.
Der Einsatz für Dialog und Geschwisterlichkeit sei angesichts von Säkularisierung, ökologischen und sozialen Krisen dem Schreiben zufolge eine "moralische, geistliche soziale Notwendigkeit". Der Dialog mit dem Judentum sei dabei keine "Nebensache" und erschöpfe sich auch nicht in Kennenlernen, diplomatischen Beziehungen oder Freundschaft, betonte Polak. Er sei vielmehr notwendig, um sich der eigenen christlichen Identität "voll und ganz bewusst zu werden". Das Dokument betone ausdrücklich die bleibende jüdische Identität Jesu - "und er ist es für immer".
Dazu wird der evangelische Theologe Karl Barth zitiert, demzufolge "das Wort jüdisches Fleisch war", das gekommen ist, um unter uns zu wohnen. - Diese Aussagen, so Polak, könnte in der Vorbereitung auf die Weihnachtszeit Gegenstand der Reflexion in der pastoralen Arbeit sein.
Verachtung des Talmud beendet
Als bemerkenswert bezeichnete Polak auch, dass das Dokument nicht mehr vom "Alten Testament", sondern vom "Ersten Testament" spricht. Zudem werde die Bedeutung des nachbiblischen Judentums und seiner Glaubenspraxis für das Christentum ausdrücklich anerkannt. Damit werde aus ihrer Sicht auch die jahrhundertelange christliche Abwertung des Talmud überwunden.
Ausdrücklich bekennt sich die Note zum Kampf gegen Antisemitismus und zur Erinnerung an die Schoah. Auch die Konflikte im Nahen Osten würden angesprochen. Trotz bestehender Konflikte müsse der Dialog fortgesetzt werden, betonte Polak.
"Pädagogik des Dialogs" gefordert
Positiv hob die Wiener Pastoraltheologin zudem die Ausführungen zur Islamfeindlichkeit hervor. Das Dokument mahne dazu, zwischen Fundamentalismus und Gewalt einerseits und dem friedlichen Leben muslimischer Gläubiger andererseits zu unterscheiden. Zugleich benenne es Einschränkungen der Religionsfreiheit von Christen und fordere Religionsfreiheit auch dort ein, wo Christen in der Minderheit sind.
Ziel müsse es sein, die religiöse Sprachfähigkeit der Gläubigen sowie ihre Kompetenz in kulturellen und geopolitischen Fragen zu stärken und einen entsprechenden Mentalitätswandel zu fördern. Die im Dokument formulierte Aufforderung, "Brückenbauer statt Mauerbauer" zu werden, sei auch im Zusammenhang mit dem weltweiten synodalen Prozess relevant, in dem der interreligiöse Dialog ausdrücklich eine Rolle spiele.
Dokument "Ein Weg der Hoffnung"
Quelle: Kathpress