
NÖ Wissenschaftspreis würdigt Projekt zur Charakterbildung an Schulen
Ehrlichkeit, Urteilsvermögen, Selbstvertrauen und Resilienz: Sowohl Eltern als auch Lehrkräfte in Europa wünschen sich von der Schule nicht nur Wissensvermittlung, sondern auch einen Beitrag zur Persönlichkeitsbildung. Das zeigt das internationale Forschungsprojekt TEPACE ("Teachers' and Parents' Perspectives on Character Education in Europe"), das von Bildungswissenschaftler Roland Bernhard (45) von der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule (KPH) Wien/Niederösterreich geleitet wird. Am Dienstagabend erhielt das damit befasste Forschungs- und Transferprogramm der 2022 gestarteten "Charakterinitiative" den mit 6.000 Euro dotierten Anerkennungspreis 2026 des Landes Niederösterreich. Überreicht wurde dieser in Tulln von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner und Landesrat Stephan Pernkopf.
Ausgehend von einer regionalen Erhebung unter Lehrkräften in Wien und Niederösterreich hatte sich von 2023 bis 2026 unter Bernhards Federführung eine Forschungsinitiative mit über 40 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus zwölf Ländern entwickelt, welche die Zugänge zu Persönlichkeitsbildung untersuchte. In die erste vergleichende Auswertung flossen die Angaben von 8.155 Eltern und 2.754 Lehrkräften aus acht Ländern ein. Die Ergebnisse waren erstaunlich einheitlich: Mehr als 93 Prozent der Befragten in beiden Gruppen bezeichneten Persönlichkeitsbildung in der Schule als "sehr wichtig", rund 90 Prozent erwarteten davon auch bessere schulische Leistungen. Für Eltern sind die Werte, die eine Schule vertritt, zweitwichtigstes Kriterium ihrer Schulwahl, direkt nach der Unterrichtsqualität.
Voraussetzungen für "gelingendes Leben"
"Beide Gruppen wollen dasselbe, wissen es aber nicht voneinander", berichtete Bernhard im Interview mit der Nachrichtenagentur Kathpress über ein von seiner Studie aufgezeigtes Missverständnis: Mehr als die Hälfte der Lehrkräfte glaubte, Eltern gehe es bei Schule vor allem um Noten, was laut Befragung jedoch nur auf neun Prozent der Eltern zutraf. Bei den Tugenden, die sich beide Gruppen besonders von der Schule wünschten, nannten Eltern vor allem Selbstvertrauen, Urteilsvermögen und Ehrlichkeit, bei Lehrkräften lautete die Reihung Ehrlichkeit, Höflichkeit und Urteilsvermögen. Wenig Unterstützung fand der "Dienst an anderen", den nur 13 Prozent der Lehrkräfte als wichtig bezeichneten; auch bei den Eltern rangierte "Neugier" weiter hinten.
Bernhard selbst sieht die Ergebnisse als Puzzlestein für die Frage, was junge Menschen können und sein sollen, wenn sie die Schule verlassen - "ob sie Fähigkeiten erworben haben, die ihnen helfen, ein gelingendes Leben zu führen und Verantwortung für andere zu übernehmen". Kurz gesagt, gehe es um Charakterbildung - "um die bewusste Entwicklung von Tugenden und Charakterstärken, wie Ehrlichkeit, Mut, Dankbarkeit, Selbstregulierung, Urteilsvermögen, Mitgefühl, Gemeinsinn und Leistungsbereitschaft", wie der Professor für Schulentwicklung, Leadership und Führungskultur erklärte.
Mit den Befunden befassen sich derzeit Entscheidungsträger auf europäischer wie nationaler Ebene; in der Slowakei etwa unterstützen sie bereits die Umsetzung der Charakterbildungsstandards des neuen nationalen Lehrplans.
Charakter braucht Übung
Charakterbildung geschehe an der Schule immer und ganz unweigerlich, unabhängig davon, ob sie diesen Auftrag ausdrücklich wahrnehme, "denn jede Regel, jedes Lob und jeder Umgangston prägt", unterstrich Bernhard. Entscheidend sei jedoch, ob diese Prägung reflektiert oder eher zufällig geschehe. Ein eigenes, zusätzliches Schulfach sei dabei nicht der Ansatz; vielmehr sollte Persönlichkeitsbildung in allen Fächern und in der gesamten Schulkultur stattfinden, erläuterte der Experte seinen Zugang, der sich auch mit den Rückmeldungen der Lehrkräfte deckt. Statt nur über Mut, Dankbarkeit oder Ehrlichkeit zu sprechen, sollten besser im Unterricht Situationen geschaffen werden, in denen junge Menschen solche Eigenschaften tatsächlich einüben und über ihr Handeln nachdenken können.
Mit der Umsetzung in der Praxis sind der Wissenschaftler und die Charakterinitiative der KPH Wien/NÖ längst intensiv beschäftigt: Kostenlose Onlinekurse, Unterrichtsmaterialien zu Charakterstärken wie Mut, Dankbarkeit, Ehrlichkeit und Selbstregulierung sowie Arbeitsmaterialien für Schulleitungen wurden bereits erarbeitet, um die Studienergebnisse in die Praxis des Schulalltags zu übersetzen. Mehr als 3.000 Lehrkräfte sind bereits in die Kurse eingeschrieben. Charakter werde "durch Vorbilder und die Schulkultur aufgefangen, im Unterricht bewusst gelehrt und von den Schülern selbst gesucht", so Bernhard.
Stärkung psychischer Gesundheit
Nicht von ungefähr kommt, dass zudem ab Februar 2027 an der KPH Wien/NÖ ein Hochschullehrgang zur "Schulischen Persönlichkeitsbildung für psychische Gesundheit" startet: "Charakterbildung stärkt auch die psychische Gesundheit, da Stärken wie Dankbarkeit, Hoffnung und Selbstregulierung als Schutzfaktoren gelten", erklärte Bernhard. Dankbarkeit, Mut und Freundlichkeit seien auch für die Bildung tragfähiger Beziehungen und für das gesellschaftliche Miteinander zentral. Der "neo-aristotelische" Ansatz der Persönlichkeitsbildung stelle einen "unideologischen Zugang" dar, betonte der Forscher gegenüber Kathpress, er sei "nicht konfessionell gebunden" und damit "an öffentlichen ebenso wie an kirchlichen Schulen anschlussfähig".
Gestützt sieht der aus der Steiermark stammende Bildungswissenschaftler den Charakter-Fokus auch durch internationale Forschungsansätze, unter anderem an Universitäten wie Oxford, Harvard und Birmingham, sowie durch das OECD-Rahmenkonzept 2025 für "Education for Human Flourishing", das den Bildungsbegriff über die reine Vermittlung kognitiver Leistungen hinaus erweitert. Auch bei der TEPACE-Studie hatten 90 Prozent der befragten Eltern und Lehrkräfte von mehr Persönlichkeitsbildung auch bessere schulische Leistungen erwartet.
Niederösterreich als Vorreiter
In Niederösterreich hat das Thema derzeit besonderen Stellenwert. Die Bildungsdirektion hat "Leadership und Charakterbildung" zum Jahresthema 2026/27 gemacht. Den Schulen soll dabei laut Bernhard kein fertiges Programm vorgegeben werden. Vielmehr gehe es darum, dass jede Schule bewusst überlege, "welche Charakterstärken sie bei Kindern wie Erwachsenen fördern will und wie". Langfristig plädiert Bernhard für eine stärkere Verankerung der Persönlichkeitsbildung in Lehrplänen und Qualitätsrahmen, eine entsprechende Berücksichtigung in der Lehrkräftebildung und mehr empirische Forschung im deutschsprachigen Raum. "Weil Schule nicht nicht Persönlichkeit bilden kann, ist es viel besser, das bewusst zu tun", so das Credo des KPH-Professors.
Quelle: kathpress