
Schreibend aus der Krise: 10 Jahre Chatberatung Telefonseelsorge OÖ
Einsamkeit wurde lange vor allem mit älteren Menschen in Verbindung gebracht. Zunehmend sind jedoch auch Jugendliche und junge Erwachsene davon betroffen: 16 Prozent der unter 30-Jährigen in Österreich geben an, sich meist oder immer einsam zu fühlen. Die TelefonSeelsorge OÖ reagiert darauf neben Telefon-, Mail- und seit Kurzem auch Messengerberatung seit zehn Jahren mit einer Chatberatung, die gerade für junge Menschen einen niederschwelligen Zugang zu Hilfe in Krisen bietet. Bei einer Pressekonferenz am Montag in Linz anlässlich des Jubiläums betonten Experten die Bedeutung solcher Angebote. "Es braucht seriöse und professionelle Angebote im Netz, dort, wo junge Menschen ohnehin kommunizieren", sagte Onlineberaterin Petra Risau.
Das Kommunikationsverhalten, insbesondere junger Menschen, habe sich verändert, weshalb sich auch Beratungsangebote weiterentwickeln müssten, sagte Risau, systemische Beraterin und Lehrende für Online-Beratung. Sich jemandem anzuvertrauen, sei oft nicht selbstverständlich: "Manchmal fehlen die Worte, manchmal sind Angst oder Scham zu groß." Gerade darin liege eine Stärke der schriftbasierten Beratung: "Distanz kann Nähe ermöglichen." Schreiben, Anonymität und die Möglichkeit, selbst zu bestimmen, was man preisgibt, senkten für viele die Hemmschwelle, sich zu öffnen. Gerade Themen wie selbstverletzendes Verhalten oder suizidale Gedanken würden im Chat häufig erstmals angesprochen. Schon das Aufschreiben belastender Gedanken könne entlasten und helfen, das eigene Erleben zu ordnen, so Risau.
"Es klingt paradox: Junge Erwachsene sind nahezu rund um die Uhr weltweit vernetzt und dennoch sozial isoliert. Ihr Leben findet fast ausschließlich auf sozialen Medien statt", betonte auch Barbara Lanzerstorfer-Holzner, Referentin der TelefonSeelsorge OÖ - Notruf 142. Der eigene Alltag werde inszeniert, mit Filtern versehen und möglichst optimal dargestellt, "während echte Verbundenheit und persönliche Nähe Mangelware bleiben", so die Psychotherapeutin.
Gefährdete Gruppen
Besonders betroffen von Einsamkeit seien heute Jugendliche und junge Erwachsene - und hier speziell Mädchen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren, erklärte Lanzerstorfer-Holzner. Gefährdet seien auch Jugendliche mit niedrigem Familienwohlstand, Migrationshintergrund oder queerer sexueller Orientierung. In einzelnen Gruppen liege der Anteil sogar noch deutlich höher: etwa bei jungen Menschen, die psychische Gewalt erfahren haben, bei Alleinlebenden oder bei jenen, die über zwei Stunden täglich soziale Medien nutzen. Zudem hätten viele häufig keine Ansprechpersonen für ihre Sorgen und Nöte, weshalb die Beratung der TelefonSeelsorge so wichtig sei.
Auch im Kriseninterventionszentrum Wien zeigt sich der hohe Unterstützungsbedarf junger Menschen: Mehr als ein Fünftel der 2025 persönlich betreuten Klienten war 27 Jahre oder jünger, berichtete der Psychiater und Psychotherapeut Konstantinos Papageorgiou. Gerade die Übergangsphase ins Erwachsenenleben sei von beruflicher und privater Orientierungssuche geprägt. Menschen in dieser Lebensphase seien daher krisenanfälliger, so der Psychiater.
Folgen der Pandemie weiter spürbar
Zudem wären die Folgen der Corona-Pandemie weiterhin spürbar. Die psychosozialen Angebote für Kinder und Jugendliche seien "erfreulicherweise" seit Ausbruch der Pandemie ausgebaut worden. Wichtig sei jedoch, die Kinder und Jugendlichen von damals, die nun 18 bis 28 Jahre alt seien, nicht aus dem Blick zu verlieren, betont der Experte. Seit der Pandemie sei ein Anstieg der Suizidalität bei Kindern und Jugendlichen zu beobachten: "Immerhin ist in der Altersgruppe der 15- bis 34-Jährigen Suizid die zweithäufigste Todesursache in Österreich", so Papageorgiou.
Zugleich zeige Suizidprävention Wirkung: Seit Mitte der 1980er-Jahre sei die Zahl der Suizide in Österreich um mehr als 50 Prozent zurückgegangen. Das rasch verfügbare Angebot der Krisenintervention soll insbesondere dazu beitragen, "Gefahren wie Chronifizierung, Suizidalität, Gewalt, Einsamkeit, Entwicklung von psychischen Erkrankungen, anhaltende Beschämung, Tabuisierung, Wohnungslosigkeit, soziale Ausgrenzung und Armut zu verhindern", erläuterte der Experte.
Notruf 142
Die TelefonSeelsorge leiste mit Telefon-, Mail-, Chat- und Messengerberatung niederschwellige und vielfältige Zugänge zu Unterstützung. Der amtliche, psychosoziale Notruf ist rund um die Uhr unter der kostenlosen Nummer 142 erreichbar. Wer lieber schreibt, kann täglich von 16 bis 23 Uhr die kostenlose Chatberatung nutzen (https://onlineberatung-telefonseelsorge.at) oder rund um die Uhr eine Anfrage an die Messenger-Beratung (0660 / 142 0 142) senden.
Quelle: kathpress