
Grünwidl fordert "judentumssensible" Verkündigung
Die jüdische Identität Jesu muss nach Ansicht des Wiener Erzbischofs Josef Grünwidl stärker in Verkündigung und Liturgie berücksichtigt werden. Angesichts eines wieder zunehmenden Antisemitismus brauche es einen "judentumssensiblen Umgang mit biblischen Texten" und eine kritische Prüfung der Bilder, die Christen vom Judentum und von jüdischen Menschen mit sich tragen, sagte Grünwidl am Dienstag beim Theologischen Tag der Erzdiözese Wien im Wiener Kardinal König Haus. Die Auseinandersetzung mit der jüdischen Identität Jesu könne dabei nicht nur helfen, antijüdische Vorstellungen zu überwinden, sondern auch, "den eigenen Glauben zu vertiefen".
Grünwidl nannte als Beispiel das Gleichnis von den bösen Winzern. Die Aussage, der Weinberg werde den bisherigen Winzern genommen, habe in der Wirkungsgeschichte des Textes christlichen Antijudaismus begünstigt. Solche Passagen müssten daher aufmerksam gelesen und in ihrem historischen und theologischen Zusammenhang erklärt werden, so der Wiener Erzbischof. Auch der Umgang mit der Matthäuspassion in der Osterliturgie zeige, dass die Frage nach einer verantwortungsvollen Auslegung immer wieder neu gestellt werden müsse.
Positiv strich Grünwidl die lange Geschichte des christlich-jüdischen Dialogs in Wien hervor. Der von Kardinal Franz König und dem Judaisten Kurt Schubert 1956 gegründete Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit sei bereits vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil entstanden. Heute gehe es darum, Verbundenheit und Unterschiede gleichermaßen wahrzunehmen. An die Teilnehmenden appellierte Grünwidl, offen für andere Perspektiven zu bleiben und Freude an der Auseinandersetzung zu haben. Die respektvolle Begegnung mit anderen gehöre zum Leben aus dem Evangelium. Dazu zähle wesentlich auch die Beschäftigung mit der jüdischen Identität Jesu.
Rabbiner: Nähe von Neuem Testament und Judentum
Im Zentrum des Theologischen Tages mit dem Titel "Den Glauben vertiefen - die Kirche erneuern" stand die Beschäftigung mit jüdischen Auslegungen der Bibel. Der Rabbiner Yuval Katz-Wilfing und die Wiener Pastoraltheologin Regina Polak stellten dabei die Frage, wie die jüdische Tradition auf den Schabbat - den wöchentlichen jüdischen Feiertag - blickt, und welche Parallelen sich zu den Diskussionen im Neuen Testament finden.
Der Religionswissenschaftler Katz-Wilfing erklärte die zahlreichen Auseinandersetzungen Jesu über den Schabbat als innerjüdische Debatten. Das gelte etwa für die Frage, was am Schabbat erlaubt oder verboten ist. Jesu Aussage, der Schabbat sei für den Menschen da und nicht der Mensch für den Schabbat, finde Entsprechungen in rabbinischen Überlegungen, so der jüdische Gelehrte. Auch die Rettung von Leben am Schabbat oder Jesu Argumentation mit der am Schabbat erlaubten Beschneidung im Johannesevangelium zeigten, wie eng die neutestamentlichen Texte mit jüdischen Auslegungstraditionen verbunden seien.
"Viele Auseinandersetzungen Jesu sind zunächst ein innerjüdischer Diskurs. Wer sie als Gegensatz zwischen Jesus und dem Judentum liest, verfehlt das Gemeinte - der erhellende Zusammenhang geht verloren", so das Fazit des Geschäftsführers des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit.
Polak: Jüdische Perspektive hilft eigenem christlichen Verständnis
Die gemeinsame Talmudlektüre macht nach Einschätzung der Pastoraltheologin Polak deutlich, wie wenig das Bild des Judentums als starrer "Gesetzesreligion" der jüdischen Tradition des Fragens, Diskutierens und Auslegens gerecht werde. Die Auseinandersetzung habe zudem direkte Bedeutung für die Kirche, so die Koordinierungsausschuss-Präsidentin. Wer verstehen wolle, was es bedeutet, Christ zu sein, müsse sich mit Jesus als Jude, dem Judentum und auch mit dem heutigen jüdischen Leben in seiner Vielfalt auseinandersetzen. Jüdische Perspektiven könnten helfen, vertraute biblische Texte genauer zu lesen und die christliche Sprache zu überprüfen. Polak verwies zudem auf die jüngst veröffentlichte vatikanische Note "Ein Weg der Hoffnung" hin; diese hält fest: "Jesus ist Jude und er ist es für immer".
Weiters gehe es auch um konkrete Bilder und Formulierungen, so Polak. Antijüdische Darstellungen in Kirchen, etwa in Kreuzwegen oder Kalvarienbergen, müssten erkannt und erklärt werden. Auch Vorstellungen, wonach die Kirche Israel ersetzt habe, könnten in der Sprache fortwirken, ohne ausdrücklich als Substitutionstheologie benannt zu werden. Angesichts judenfeindlicher Inhalte in sozialen Medien sei die Auseinandersetzung mit dem christlichen Erbe zugleich eine aktuelle gesellschaftliche Aufgabe, betonte die Wiener Pastoraltheologin.
Quelle: kathpress