
Kardinal Schönborn: "Europa ist das Museum der Welt"
Das europäische Christentum ist noch lange nicht am Ende, es muss aber bereit sein, von anderen zu lernen. Das hat Kardinal Christoph Schönborn im Interview mit der Wochenzeitung "Die Tagespost" (Donnerstag) betont. Der emeritierte Wiener Erzbischof bezeichnete Europa als "Museum der Welt", in dem es aber nach wie vor auch einen lebendigen Glauben gebe. "Die Kraft der Kirche liegt im Glauben. Und der ist in Europa nicht gestorben", sagte Schönborn, der zugleich unterstrich, dass es allein mit Strukturreformen keine Kirchenerneuerung geben könne. Den deutschen "Synodalen Weg" ortet der Kardinal in einer Sackgasse.
Die demografische Entwicklung beschrieb Schönborn in aller Nüchternheit: "Die Europäer stellen in wenigen Jahren nur noch vier Prozent der Weltbevölkerung." Es sei aber auch positiv, "dass Europa nicht mehr die Welt beherrscht, denn so glorreich war das nicht. Dass die Hegemonie Europas zu Ende ist, ist eine Gerechtigkeit der Geschichte."
Auch weltkirchlich hätten sich die Gewichte verschoben, so der Kardinal, der an seine Erfahrungen bei den letzten Synoden-Vollversammlungen in Rom mit Kirchenvertretern aus aller Welt erinnerte: "Bei den Synoden 2023 und 2024 machte Europa eine schwache Figur." Natürlich habe Europa auch immens viel zu geben: "spirituell und religiös". Es müsse aber lernen, zu empfangen, so Schönborn: "Ich habe während dieser Synode eine unliebsame Innenschau erlebt, weil ich - zwar nicht in Herz und Kopf, aber in meinem Unterbewusstsein - immer noch das Gefälle Europas gegenüber den anderen in mir trage. Selbst in der Art, wie ich mit den anderen freundlich bin. Das hat mich am meisten erschüttert: über mich selbst."
Das Evangelium habe die Kraft, den eigenen Blick zu verändern, und das sei die Voraussetzung dafür, "dass Europa noch etwas geben kann", sagte Schönborn: "Es hat nun einmal die große Geschichte der Heiligen und der großen Theologen. Das ist alles nicht vorbei. Thomas von Aquin wird heute außerhalb Europas mehr gelesen als in Europa. Heute ist Europa das Museum der Welt. Man kommt aus der ganzen Welt, um Europa zu bewundern, aber es gibt in diesem Museum nach wie vor einen lebendigen Glauben. Die Kraft, aus der Europa seine großen Leistungen und seine Kultur hervorgebracht hat, ist das Evangelium."
Niedergang und Erneuerung
Es habe in der Kirche letztlich kein Jahrhundert gegeben, in dem es nicht Niedergang und Erneuerung gab: "Das ist ein Grundmuster." Aus 30 Jahren Erfahrung als Erzbischof könne er sagen: "Es ist nie monokausal. Im Garten Gottes blühen viele Blumen, aber man muss auch immer wieder jäten, weil Unkraut wächst. Es gibt nicht einfach das eine Rezept." Er habe die neuen Gemeinschaften in seiner Amtszeit gefördert, so wie seine Vorgänger auch. Zur Lebendigkeit der Kirche gehörten die traditionellen Orden wie die neuen Bewegungen oder die Katholische Aktion mit ihren Höhen und Tiefen, aber auch viele Menschen, die ihr tägliches Leben unter schwierigen Umständen glaubwürdig leben. Alle Aufbrüche hätten freilich auch immer wieder Krisen erlebt.
Er sei ein großer Verfechter des Kirchenrechts, so der Kardinal weiter, "weil die Kirche auch eine Gemeinschaft des Rechts und der Gerechtigkeit ist. Die Gläubigen haben Pflichten und Rechte, und das muss auch geordnet werden." Aber zu glauben, dass durch Strukturreformen allein Erneuerung bewirkt werden könne, sei eine Illusion. "Die eigentliche Kraft kommt aus dem gelebten Glauben, aus den Sakramenten."
Deutscher Synodaler Weg in der Sackgasse
Konkret zum "Synodalen Weg" der katholischen Kirche in Deutschland befragt, erinnerte Kardinal Schönborn an den Brief von Papst Franziskus (2013-2025) an die Kirche in Deutschland aus dem Jahr 2019. Wenn dieser Brief damals das Leitmotiv des "Synodalen Wegs" geworden wäre, "dann wären wir nicht in den Sackgassen, in denen sich dieser 'Synodale Weg' zurzeit befindet", sagte der Kardinal. Nachsatz: "Aber es ist ja noch nicht zu spät."
Von wem etwa Europa lernen könne? - Schönborn: "Die Priester, aber auch die Flüchtlinge und Migranten, die zu uns kommen, sehen wir oft nicht auf Augenhöhe als Brüder und Schwestern. Es gibt aber auch Pfarrgemeinden, wo europäische Migranten, Filipinos, Afrikaner und Eingesessene unter einem Dach wirken und eine wirklich lebendige Gemeinschaft bilden, wie es vom Evangelium her möglich ist."
"Kanäle der Gnade"
Der Wiener Kardinal betonte im "Tagespost"-Interview mehrmals die Kraft der Sakramente und bezeichnete sie als "Kanäle der Gnade". Man könne erleben, "wie die Gnade objektiv wirkt", so Schönborn: "Dieses objektive Wirken der Kirche ist eine ungeheure Kraft. Auf allen Kontinenten wird täglich die Eucharistie gefeiert. Der Kern unseres Glaubens, dass Christus für alle Menschen gestorben und auferstanden ist, wird überall auf der Welt gefeiert. Wir brauchen ein viel größeres Vertrauen auf die objektive Kraft des Wirkens Gottes durch das Siebengestirn der Sakramente."
Der Kardinal und die Päpste
Schönborn kam auch auf seine sehr engen Beziehungen zu den drei Päpsten Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus zu sprechen: "Papst Johannes Paul hat mich in einer sehr dramatischen Krisensituation zum Erzbischof von Wien ernannt. Dahinter stand sicher, dass ich immer wieder die Gelegenheit hatte, ihm zu begegnen, sodass er mich kannte."
Keinen Papst habe er aber so gut gekannt wie Benedikt XVI. "Die Verbindung reicht in meine Studienzeit zurück, als er mein Theologieprofessor war. Von 1972 bis zu seiner Emeritierung durfte ich mit ihm zusammenarbeiten."
Bei Franziskus sei der Kontakt über die "Gemeinschaft vom Lamm" entstanden, mit der er - Schönborn - sehr verbunden sei und die Papst Franziskus noch zu seiner Zeit in Argentinien sehr gefördert hatte. "Dort habe ich ihn auch kennengelernt. In Buenos Aires durfte ich dem Weihbischof Jorge Bergoglio konzelebrieren." Es sei auch kein Zufall gewesen, dass Bergoglio seine erste Audienz als neu gewählter Papst den Brüdern und Schwestern der "Gemeinschaft vom Lamm" gegeben hatte. "Er wollte sie unbedingt sehen, und ich durfte dabei sein."
Dazu kam, dass er dem Papst durch seine Arbeit am Katechismus und seine theologischen Publikationen "nicht unbekannt" war, so Schönborn: "So war schnell eine Sympathie da, die sich durch die Familiensynode verstärkt hat. Er hat mich beauftragt, den Festvortrag zum 50-Jahr-Jubiläum der Bischofssynode zu halten. In der Frage, wie mit Lebensbrüchen und Scheitern umzugehen ist, hat er mir vertraut. Darum hat er mir den Auftrag gegeben, sein Schreiben 'Amoris laetitia' der Weltpresse vorzustellen."
"Ich beurteile kein Pontifikat"
Die Frage, wie er das bisherige Pontifikat von Papst Leo XIV. beurteile, wies der Kardinal zurück: "Ich beurteile überhaupt kein Pontifikat! Wer bin ich, den Päpsten Noten zu geben? Ich bin froh, wenn ich keine allzu schlechten Noten von ihnen bekomme."
Er habe den jetzigen Papst jedenfalls schon als Präfekten im Vatikan kennen- und schätzen gelernt, sagte Schönborn. Nachsatz: "Natürlich beurteilt die Geschichte auch die Fehler und Schwächen von Päpsten, aber das Geheimnis des Petrusamtes ist viel stärker. Zeigen Sie mir eine Institution der Welt, die vom 1. bis zum 267. Oberhaupt durchgehend als Institution besteht und sich durch allen Wandel der Geschichte hält! Der Papst ist immer der Papst!"
"Dramatische Geschichte des kirchlichen Ostens"
Aktuelle Entwicklungen in der Orthodoxie kommentierte der Wiener Kardinal auf Anfrage sehr kritisch und sprach von einer "dramatischen Geschichte des kirchlichen Ostens". Konstantinopel habe keine politische Bedeutung mehr, aber Moskau sehe sich als "drittes Rom". Damit sei "eine messianische Sicht der russischen Orthodoxie" verbunden, die der Realität zwar nicht standhalte, "aber nach wie vor ein mentaler Hintergrund der russischen Politik ist".
Die Orthodoxie tue sich schwer, katholisch im Sinne von "allumfassend" zu sein, "weil sie schon in der Frühzeit eine Leib-Seele-Theorie von Kirche und Staat entfaltete: Dieser Sicht zufolge ist der Staat der Leib und die Kirche die Seele. Das ist die Crux der Orthodoxie, weil sie dadurch fast dazu verurteilt ist, Nationalkirche zu sein." Das sei aber mit dem Wesen der Kirche unvereinbar, betonte Schönborn.
Parallelen zur Situation der Juden
Darauf angesprochen, dass im Nahen Osten, der Herkunftsregion des Christentums, dieses immer mehr ausdünne, sagte der Kardinal: "Die Situation der Christen in mehrheitlich islamischen Ländern ist seit 1.400 Jahren durchaus vergleichbar mit der Situation der Juden im christlichen Europa. Es tut ganz gut, hier einmal Parallelen zu zeichnen: Die Situation der Christen im Nahen Osten erinnert mich sehr an die zusätzlichen Steuern, Kleidungsvorschriften, Pogrome und Massenvertreibungen von Juden in Europa durch Jahrhunderte."
Das werfe die Frage auf, wie mit der Absolutheit der Religion umzugehen sei. Da stoße man an Grenzen, die die Religion insgesamt infrage stellen, so Schönborn: "Warum gibt es in Sri Lanka einen aggressiven Buddhismus, der sich gegen Muslime und Christen wendet? Wie ist es in Indien mit dem hinduistischen Nationalismus? Da ist das Phänomen Religion selbst kritisch anzufragen." Es liege letztlich an den Menschen. Den Religionen Gewaltlatenz anzulasten, sei unsinnig.
Quelle: kathpress