
"Goldabbau zerstört ein Paradies, das Millionen Jahre alt ist"
"Kein wirtschaftlicher Gewinn rechtfertigt die Zerstörung von Ökosystemen und der menschlichen Gesundheit": Mit diesem Appell an Politik und Wirtschaft warnen südamerikanische Experten vor Folgen des Goldabbaus im Amazonasgebiet. Der Umwelt- und Menschenrechtsexperte Oscar Campanini Gonzales und der Toxikologe Jesús Olivero-Verbel haben bei einem Besuch in Rom Papst Leo XIV. einen Bericht über die Umwelt- und Gesundheitskrise durch Quecksilber beim Goldabbau übergeben und am Mittwoch ihre Anliegen bei einem Kathpress-Interview in Wien dargelegt. Sie fordern strengere Kontrollen des Quecksilberhandels, bessere Rückverfolgbarkeit von Gold und mehr Schutz für indigene Gemeinschaften. Auch europäische Abnehmer und Finanzmärkte müssten Verantwortung übernehmen.
Quecksilber wird in der Amazonas-Region im Goldabbau eingesetzt, um Goldpartikel aus Gestein oder Sediment zu binden. Durch Erhitzen verdampft das Schwermetall, während das Gold zurückbleibt. Dabei gelangt Quecksilber in die Luft, in Böden und Gewässer. Über die Nahrungskette, insbesondere durch belastete Fische, nimmt auch die Bevölkerung das Gift auf.
"Quecksilber ist ein sehr starkes Gift", warnte Olivero-Verbel, Professor an der Universidad de Cartagena in Kolumbien. Es könne das zentrale Nervensystem schädigen und die geistige und motorische Entwicklung von Kindern beeinträchtigen. Auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Nierenschäden seien mögliche Folgen. Besonders gefährdet seien Schwangere und Kinder, deren Gehirnentwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Als historisches Beispiel für die möglichen Folgen verwies der Toxikologe auf die Quecksilberkatastrophe im japanischen Minamata, bei der die Aufnahme des Gifts über belastete Fische schwere neurologische Schäden verursachte.
Auch in indigenen Gemeinden Boliviens seien alarmierende Fälle dokumentiert, berichtete Campanini, Direktor des Centro de Documentación e Información Bolivia (CEDIB). Bei drei untersuchten Kindern seien schwere motorische und neurologische Beeinträchtigungen festgestellt worden, darunter ein zwölfjähriges Kind, das nicht gehen kann. Manche Familien hätten aus Angst vor Ausgrenzung lange geschwiegen. "Das sind nicht einfach Einzelfälle, sondern ein strukturelles Problem", betonte Campanini. Die betroffenen Gemeinschaften seien Opfer eines Systems, das Goldabbau ermögliche, während die gesundheitlichen Folgen weitgehend bei ihnen blieben.
Goldnachfrage befeuert illegalen Abbau
Eine zentrale Rolle spielt der internationale Goldmarkt. Hohe Preise machten auch den kleingewerblichen und häufig illegalen Abbau lukrativ, dessen Akteure im Unterschied zu den großen Abbaukonzernen in der Branche ihre Förderkapazitäten rasch vervielfachen könnten und dies in den vergangenen Jahren auch getan hätten, so Campanini. Zugleich benötigen die Minen Quecksilber, das in Teilen Südamerikas über schwer kontrollierbare Handelswege beschafft wird. Bolivien zählte in vergangenen Jahren zu den weltweit größten Quecksilberimporteuren, laut dem bolivianischen Aktivisten seien dort seit 2015 jährlich rund 120 Tonnen eingeführt worden. Ein großer Teil davon werde in Nachbarländer weitergeschmuggelt und versorge dort den Goldabbau.
Die Probleme enden nicht in den Abbaugebieten. Gold aus fragwürdigen Förderbedingungen könne über Zwischenhändler und Raffinerien in den legalen Welthandel gelangen. Campanini verwies auf rund 28 Tonnen Gold, die der bolivianische Staat nach seinen Angaben angekauft und weitervermarktet habe, ohne dass die Herkunft lückenlos nachvollziehbar gewesen sei. Auch über Raffinerien in Dubai und andere internationale Handelsplätze könne problematisches Gold "gewaschen" werden und in reguläre Finanzmärkte gelangen. "Das ganze System ist krank", kritisierte der Experte.
Olivero-Verbel sah deshalb auch Konsumenten, Schmuckindustrie, Banken und Händler in der Pflicht. Es sei schwierig, die Herkunft von Gold über sämtliche Handelsstufen hinweg zweifelsfrei nachzuweisen. Gerade deshalb brauche es strengere Kontrollen und eine kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Konsum. Gold werde nicht nur für Schmuck, sondern auch für technische Anwendungen verwendet; ein großer Teil diene jedoch als Anlage in den Tresoren von Banken und Finanzinstitutionen.
Noch unverstandenes Paradies
Neben den gesundheitlichen Folgen steht für die Experten die Zerstörung eines einzigartigen Ökosystems im Mittelpunkt. "Amazonien ist ein Spiegel des Paradieses", sagte Olivero-Verbel. Der Regenwald sei über Millionen Jahre entstanden, lange bevor Menschen die Region besiedelten. Seine Artenvielfalt berge ein Wissen, das die Menschheit erst in Bruchteilen verstanden habe. "Die Natur hat dort eine Bibliothek geschrieben, die wir noch nicht kennen", betonte der Experte die Bedeutung der biologischen Vielfalt. Mit jedem zerstörten Waldstück gingen Arten und biologische Prozesse für immer verloren.
Der Schutz Amazoniens sei deshalb nicht nur eine regionale Aufgabe. Was dort geschehe, habe Auswirkungen auf Klima, Artenvielfalt und Gesundheit weit über Südamerika hinaus, betonte Olivero-Verbel. Die Vorstellung, Umweltprobleme ließen sich geografisch voneinander trennen, sei falsch: "Was im Süden des Planeten passiert, betrifft auch den Norden - und umgekehrt."
Kirche als Verteidiger der Indigenen
Beide Experten sehen auch die katholische Kirche in einer wichtigen Rolle und begrüßten es, dass kirchliche Akteure die Umweltzerstörung im Amazonasgebiet und die ökologischen und gesundheitlichen Folgen des Goldabbaus öffentlich thematisieren. In Bolivien engagiere sich etwa Bischof Eugenio Coter als Apostolischer Vikar von Pando und Präsident der Caritas Bolivien für diese Anliegen, berichtete Campanini. Wichtig sei jedoch auch, dass die kirchlichen Stimmen international vernetzt seien und die Probleme der betroffenen Bevölkerung zur Sprache kämen.
Lob sprachen die beiden von der Dreikönigsaktion (DKA) der Katholischen Jungschar nach Wien geladenen Experten der Österreichischen Bischofskonferenz aus. Sie habe mit ihrer betonten Zurückhaltung gegenüber Goldinvestitionen - die für alle diözesanen Institutionen verbindlichen und auch für die Ordensgemeinschaften geltenden ethischen Richtlinien (FINANKO) schließen seit 2024 kirchliche Finanzanlagen das Edelmetall explizit aus - ein wichtiges Zeichen gesetzt, befand Campanini. Entscheidend sei, Vorsicht angesichts der nicht ausreichend nachvollziehbaren Lieferketten walten zu lassen und "Verantwortung nicht erst dann zu übernehmen, wenn die Schäden bereits eingetreten sind".
Hoffnung auf Papstreise
Unterstützung auf höchster Ebene suchten Campanini und Olivero-Verbel beim Papst, dem sie am 30. September im Vatikan begegneten und ihm dabei einen Bericht über die Folgen des Goldabbaus und der Quecksilberbelastung in Amazonien überreichten. Leo XIV. habe sich besorgt gezeigt und wenige Tage später in sozialen Medien die Verschmutzung und die besondere Betroffenheit der Ärmsten thematisiert. "Wir hoffen, dass er diese Sorge weiterverfolgt, als Papst und damit als wichtigste Stimme der Kirche", so Campanini.
Die für November geplante Lateinamerika-Reise von Leo XIV. mit einem Besuch im peruanischen Amazonasgebiet sehen die Experten als große Chance, den Schutz indigener Gemeinschaften und ihres Lebensraums stärker ins Bewusstsein zu rücken. Zugleich bleibt die Reise angesichts der Krebserkrankung des Papstes vorerst ungewiss. Olivero-Verbel hofft, dass der Besuch stattfinden kann, denn er sei "absolut strategisch": Der Papst könne dazu beitragen, einen Wandel im Umgang mit den Rohstoffen anzustoßen und den Schutz Amazoniens einzufordern.
Zu diesem Wandel gehöre auch mehr Forschung zur Artenvielfalt und eine stärkere Verankerung von Umweltfragen in Bildung und Spiritualität, so der kolumbianische Wissenschaftler. Der Schutz der Natur sei nicht bloß ein Anliegen einzelner Umweltorganisationen, sondern eine Frage der Zukunft der Menschheit. Es gehe darum, "dieses Paradies zu bewahren, das wir noch gar nicht wirklich verstanden haben".
(Informationen der Dreikönigsaktion zum Goldabbau in Amazonien: www.dka.at/gold; honorarfreie Fotos stehen unter www.kathpress.at/fotos zum Download bereit)
Quelle: kathpress