
Die Krebserkrankung verändert für Papst Leo XIV. die Perspektiven
Als "Blitz aus heiterem Himmel" bezeichnete Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin die Nachricht über die Krebserkrankung von Leo XIV. Er selbst gehörte zu den ganz wenigen im Vatikan, die der Papst vorab informierte, bevor er am Sonntagmittag seine Erkrankung selbst bekannt gab - freilich noch ohne die ganze Dramatik eines bösartigen Lungentumors zu enthüllen.
Wie bedrohlich die Lage war, ist nun seit den entsprechenden Mitteilungen aus dem Gemelli-Spital vom Dienstagabend bekannt. Einer von fünf Lungenlappen musste entfernt werden, um sicherzustellen, dass kein bedrohliches Gewebe im Körper des Papstes verblieb. Doch ob es Streuungen gab und wenn ja, in welchem Stadium, kann vorerst kein Mediziner mit Sicherheit sagen.
Ein Schatten auf dem Pontifikat
Auch aus diesem Grund ist das bislang ungetrübt wirkende Pontifikat des sportlich-dynamischen Papstes aus Chicago plötzlich überschattet. Derzeit konzentrieren sich Medien und Gläubige noch darauf, zu fragen, ob und in welchem Umfang der frisch operierte 71-Jährige seine geplante Südamerikareise absolvieren kann.
Schon jetzt gilt es als unwahrscheinlich, dass er die geplante Anzahl von 50 Auftritten und 36 Ansprachen in drei Ländern innerhalb von zwölf Tagen tatsächlich absolvieren kann. Erste Spekulationen über eine mögliche Verkürzung oder Verschiebung der Reise machten bald nach der Operation die Runde.
Papst lässt sich punktuell vertreten
Am Mittwochvormittag führte der vom Papst gerade noch rechtzeitig als Dekan des Kardinalskollegiums bestätigte Kurienkardinal Luis Tagle den im Vatikan versammelten Bischöfen vor, was demnächst vielleicht wieder öfter geschehen könnte: Er verlas beim Gottesdienst auf dem Petersplatz eine Predigt des erkrankten Papstes. Und Tagle vollzog in dessen Auftrag öffentlich den symbolisch wichtigen Akt der Zusage der Kirchengemeinschaft an einen ostkirchlichen Patriarchen.
Dennoch weiß im Vatikan jeder, dass im "Kerngeschäft" des Papstamtes nichts "delegiert" werden kann: Der Stellvertreter Christi auf Erden hat selbst keinen Stellvertreter. Deshalb konzentrieren sich jetzt alle öffentlichen Reden und Gebete darauf, dass der an Lungenkrebs erkrankte Papst möglichst bald und möglichst vollständig wieder gesund wird.
Der Papst als Krebspatient
Doch Krebs ist heimtückisch - vor allem deshalb, weil man erst etliche Jahre nach einer Tumorentfernung einigermaßen sicher weiß, ob er besiegt wurde. Wenn der Krebspatient der Papst ist, bedeutet das: Er muss sich entscheiden, ob und in welchen Abständen er das jeweils neueste Untersuchungsergebnis zu seinem Gesundheitszustand veröffentlichen lässt.
Doch auch das wird nicht verhindern können, dass etwa seine Reisepläne bis auf Weiteres als Zusagen "unter Vorbehalt" wahrgenommen werden. Für die Kommunikationsstrategie des Vatikans, die demnächst unter neuer, US-amerikanischer Leitung in Gestalt von Montserrat Alvarado (39) steht, ist das eine echte Herausforderung.
Bislang konnte der Papst als Person - schon allein wegen seines nicht sehr hohen Alters und seiner körperlichen Fitness - mit jedem seiner strahlenden Auftritte die Botschaft vermitteln, dass er im Vatikan das Heft in der Hand hat. Und bislang schien es gesetzt, dass er in einem absehbar langen Pontifikat Sach- und Personalentscheidungen mit Weitblick würde planen und durchziehen können.
Für die Kardinäle, die beim Konklave in ihn die Hoffnung setzten, dass er die innerkirchlichen Konflikte befrieden möge, war diese lange Perspektive ein wichtiges Element. Dies alles steht nun erst einmal in Frage - zumindest solange die behandelnden Ärzte noch nicht den Sieg über die heimtückische Krankheit ausrufen können.
Krankheit kann positive Effekte haben
Doch für die Haltung des vatikanischen Regierungsapparats, der Bischöfe in aller Welt sowie der einfachen Gläubigen zum Papst muss sich der derzeit angeschlagene Gesundheitszustand des Papstes keineswegs negativ auswirken. Es kann auch ganz andere, positive Effekte geben.
Der italienische Kurienkardinal Marcello Semeraro (78) brachte die Gefühle vieler Menschen in Rom auf den Punkt, als er der Zeitung "Repubblica" nach der Mitteilung des Papstes über seine Erkrankung sagte: "Ich habe das wie die Worte eines Vaters aufgenommen, der den Kindern und der Familie sagt, was los ist, und dass er ins Krankenhaus gehen muss." Die beste Reaktion darauf sei jene, die auch in einer Familie in einer solchen Situation angesagt wäre: wechselseitiges Vertrauen.
Quelle: kathpress