
Theologin: Glaube durchbricht Spirale von Gewalt und Gegengewalt
Der biblische Glaube führt nicht in eine immer neue und tiefere Spirale von Willkür, Gewalt und Gegengewalt, sondern er durchbricht sie gerade - und zwar von Anbeginn an: Darauf hat die Ethikerin Prof. Hille Haker bei einem Vortrag am Donnerstagabend an der Universität Wien hingewiesen. Ausgehend von der Brudermord-Erzählung (Gen 4) zeigte Haker auf, dass die Sorge um den Anderen - selbst um die Schuldigen, die Täter - zu den Anforderungen Gottes an den Menschen gehören: "In unserer Gegenwart sehen wir, wie Gewalt zu immer neuen Spiralen der Gegengewalt führt. Für die Erzähler von Genesis und, wie ich hoffe, auch für Theologinnen und Theologen, ist es keine Option zu sagen, wir seien nicht die Hüter unserer Brüder und Schwestern und aller Geschöpfe und der Erde als gemeinsamer Lebensort."
Haker, die eine Forschungsprofessur für Theologische Ethik an der Loyola University Chicago in den USA innehat, war Festrednerin beim heurigen "Dies facultatis", mit dem die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Wien am Donnerstag ins neue Semester startete. Ihr Vortrag stand unter dem Titel "Anerkennung und Verantwortung - Zur Dialektik moralischer Beziehungen". Diese Verantwortung wahrzunehmen bedeute etwa, im Blick auf sexuellen Missbrauch im Raum der Kirche den Opfern zuzuhören, sie als Opfer anzuerkennen und mit ihnen solidarisch zu sein, d.h. ihnen eine Stimme zu geben und "immer wieder, immer wieder Gerechtigkeit als möglichen Neuanfang einzufordern" und autoritäre Ordnungsstrukturen in der Kirche zu benennen und zu "ver-lernen", so Haker.
Die Bibel sei im Blick auf diese geforderte und inhärente Ethik der Verantwortung und Anerkennung im Übrigen nicht blauäugig, führte Haker aus: "Die Geschichte des Glaubens beinhaltet die Geschichte der Anerkennung und ihrem Scheitern, der Verkennung und der moralischen Missachtung, der Verantwortung und der Verweigerung von Verantwortung. Die Bibel idealisiert nichts: Sie erinnert die Geschichte gebrochener Versprechen und unbeantworteter Liebe Gottes von Seiten der Menschen genauso wie das Wiederaufstehen nach den Katastrophen. Sie bezeugt den leidenden, klagenden und trauernden Gott, der auf den Schmerz und die Trauer der leidenden Menschen antwortet, aber der sich eben auch der Gerechtigkeit ihnen gegenüber verpflichtet weiß."
Dekan Filipovic: Kooperation und Dialogoffenheit weiterentwickeln
In seinen Begrüßungsworten führte der neue Dekan, Prof. Alexander Filipovic, aus, wie sich die Fakultät angesichts anhaltender Säkularisierung und gleichzeitiger "explosiver Wiederkehr des Religiösen" künftig positionieren und ihr Profil schärfen wolle. Nicht Rückzug sei das Motto, sondern mehr Kooperation und die Pflege "akademischer Pluralität und intellektueller Offenheit". Dazu zähle nicht nur die Vereinigung von katholischer, orthodoxer und islamischer Theologie sowie der Religionswissenschaft unter einem Dach, sondern auch die Kooperation mit der Evangelisch-Theologischen Fakultät.
Bei allen Bemühungen um diese Öffnungen und die Weiterentwicklung in Richtung einer "Plattform für Katholische Theologie, Theologien, Philosophie und Religionsforschung" bleibe die "verfassungsrechtliche und staatskirchenrechtliche Verankerung unserer Fakultät" das "Rückgrat" und das "verlässliche Fundament" der Fakultät. Damit werde die Wiener Fakultät zu einem Modell, "das in Europa Zukunftsweisendes leistet", zeigte sich Filipovic überzeugt: Man verteidige damit nämlich nicht einen "Elfenbeinturm", sondern gestalte einen "pluralen akademischen Raum", der auch Orientierungswissen für demokratische Gesellschaften biete.
Vergeben wurden im Rahmen des "Dies facultatis" außerdem die Preise für herausragende wissenschaftliche Abschlussarbeiten und Dissertationen im Studienjahr 2025/26 sowie die "Teaching awards" - eine Auszeichnung für Lehrende der Fakultät. (Infos: https://ktf.univie.ac.at)
Quelle: kathpress