
Polak: "Antisemitismus durchzieht heute alle Gesellschaftsschichten"
"Antisemitismus durchzieht heute alle Gesellschaftsschichten, sei es in rechts-autoritären Milieus, unter Musliminnen und Muslimen oder im linken politischen Spektrum." - Diesen Befund zieht die Präsidentin des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit (KooA), Prof. Regina Polak, im Interview mit der Wochenzeitung "Die Furche" (aktuelle Ausgabe, 8. Oktober). Für sie persönlich besonders erschreckend sei, "dass der israelbezogene Antisemitismus, der von einer notwendigen Kritik an der Politik Israels zu unterscheiden ist, in mir nahen progressiven kirchlichen und politischen Milieus auftaucht". Polak ist Professorin für Praktische Theologie und Interreligiösen Dialog an der Universität Wien und seit rund einem Jahr Präsidentin des Koordinierungsausschusses.
Nach dem Terroranschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 habe es in Wien in einigen Bezirken Freudenrufe gegeben, erinnert Polak: "Das hat mich schockiert, und ich war eine Zeit lang wirklich sprachlos." Es sei anzunehmen, "dass der Antisemitismus, der seit Jahrhunderten in der kulturellen Matrix Europas wirkt und global exportiert wurde, nicht in zwei, drei Generationen verschwindet", aber: "Das Ausmaß, die Aggressivität, die Empathielosigkeit, das hätte ich so nicht für möglich gehalten."
"Was glaubt Österreich?"
Polak verwies einmal mehr auf die Studie "Was glaubt Österreich?". Darin sehe man, dass Antisemitismus in den unterschiedlichsten Spielarten quer durch die Gesellschaft anzutreffen ist: "Ich glaube, dass viele Menschen nicht wissen, was Antisemitismus ist. Sie halten ihn für ein Vorurteil gegenüber Juden. Aber dass es sich dabei um ein Welterklärungssystem handelt, mit dem man seit jeher in Krisenzeiten das Böse in der Welt erklärt hat und das chamäleonartig seine Formen verändert, ist oft nicht bewusst."
Darauf angesprochen, dass sich rechte Parteien seit einigen Jahren als Freunde Israels und des Judentums generieren, sagt die Theologin: "Politisch vermute ich hier enge Verbindungen mit dem Neo-Autoritarismus der israelischen Regierung." Ebenso könne man diese "Israelphilie" als Mittel benützen, um die eigene Muslim- und Islamfeindlichkeit zu begründen. Empirisch lasse sich feststellen, "dass Menschen mit autoritären Einstellungen sowohl juden- als auch muslimfeindliche Einstellungen aufweisen".
Die aktuellen Polykrisen führten bei vielen Menschen zu Ohnmachtsgefühlen. Und das jahrhundertealte Narrativ, dass in Krisenzeiten "an allem die Juden schuld sind", stehe dann als "Erklärung" zur Verfügung, so Polak: "Ob Krieg, Klima oder Covid - ein Teil der Bevölkerung greift dann auf antijüdische Verschwörungsmythen zurück."
Auffällig sei etwa, dass in Ländern mit Kolonialgeschichte die Solidarität mit den Palästinensern besonders ausgeprägt ist. Statt sich mit der eigenen Kolonialgeschichte auseinanderzusetzen, werfe man Israel vor, ein postkoloniales Regime zu haben. Dabei seien Begriffe wie "post kolonial", "Apartheid", oder "Genozid" durchaus sinnvolle Diagnoseinstrumente, aber sie seien zu einem "ahistorischen, moralischen Vokabular" mutiert.
Notwendig wäre auch, so Polak, die Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen von anderen Minderheiten öffentlich anzuerkennen. Solange dies nicht geschieht, bleibe Palästina eine Projektionsfläche zur Identifikation.
Zur Frage, ob sie Hoffnung habe, dass sich diese Entwicklung in näherer Zukunft auf irgendeine Weise wieder ändern könnte, meint die KooA-Präsidentin: "Wenn ich diese Hoffnung nicht hätte, würde ich mich nicht engagieren, aber ich bin nicht sehr zuversichtlich." Eines sei sicher: "Vor uns liegt harte Arbeit."
Festakt zu 70 Jahre Koordinierungsausschuss
Der österreichische Koordinierungsausschuss für christlich jüdische Zusammenarbeit (KooA) begeht heuer sein 70-Jahr-Jubiläum. Höhepunkt ist am 19. Oktober ein Festakt im Wiener Rathaus. Die Veranstaltung steht unter dem Motto: "Hören. Erinnern. Handeln". KooA-Präsidentin Prof. Regina Polak wird dazu als Redner unter anderem Oberrabbiner Jaron Engelmayer, die katholischen Bischöfe Ägidius Zsifkovics und Manfred Scheuer, den armenisch-apostolischen Bischof und Vorsitzenden des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), Tiran Petrosyan, und den reformierten Landessuperintendenten Ralf Stoffers begrüßen.
Vonseiten der Politik werden Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Wiens Bürgermeister Michael Ludwig, Ministerin Claudia Bauer und Staatssekretär Alexander Pröll das Wort ergreifen. Der Koordinierungsausschuss gilt als ältestes Forum des christlich-jüdischen Dialogs in Österreich und bemüht sich um gute Beziehungen zwischen den beiden Religionen.
(Website KooA: www.christenundjuden.org)
Quelle: kathpress