
Dialog mit dem Judentum: Scheuer würdigt Koordinierungsausschuss
Die unverzichtbare Aufgabe des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit hat der Linzer Bischof Manfred Scheuer gewürdigt. Der Koordinierungsausschuss begeht am Montag mit einem Festakt im Wiener Rathaus sein 70-Jahr-Jubiläum. In einem Grußwort in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Dialog" (Oktober 2026), die von KooA herausgegeben wird, fasst Scheuer die Hauptaufgaben des KooA zusammen: "Der Koordinierungsausschuss erinnert an die Schoa, tritt Antisemitismus und christlicher Judenfeindschaft entgegen, fördert die sachliche Kenntnis des Judentums und schafft Räume für Begegnung, Bildung und gemeinsames Lernen."
Gerade in einer Zeit, in der Antisemitismus wieder offen zutage tritt und die gesellschaftliche Polarisierung zunimmt, brauche es solche Orte des Austausches und der Verständigung, so Bischof Scheuer. Der Einsatz des Koordinierungsausschusses und seiner vielen engagierten Mitglieder und Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter bleibe deshalb unverzichtbar. Bischof Scheuer war bis vor Kurzem in der Österreichischen Bischofskonferenz für den Dialog mit dem Judentum zuständig.
In die gleiche Kerbe wie Scheuer schlägt auch der reformierte Landessuperintendent Ralf Stoffers. Er betont in seinem Grußwort die Notwendigkeit einer offenen und ehrlichen Kommunikation, um das Verständnis und die Zusammenarbeit zwischen den Menschen verschiedener Religionen und Nationen zu fördern. Wer in einen Dialog eintritt, "schätzt die Vielfalt der Perspektiven und weiß, dass Dialog bedeutet, voneinander zu lernen und miteinander zu wachsen". - Zum Dialog gibt es für Stoffers schlicht keine Alternative, wie er schreibt. Stoffers ist Beauftragter der Evangelischen Kirche A.u.H.B. in Österreich für das christlich-jüdische Gespräch.
Die Anfänge des Dialogs
An die Anfänge des Koordinierungsausschusses vor 70 Jahren hat die aktuelle KooA-Präsidentin Regina Polak im Interview mit der Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag" erinnert. Nach Kriegsende habe es in den christlichen Kirchen wenig Interesse gegeben, sich mit der eigenen Verstrickung in die Schoa sowie den christlichen Wurzeln des Antisemitismus auseinanderzusetzen oder den Dialog mit dem Judentum zu suchen. Am Anfang des Koordinierungsausschusses seien deshalb einzelne Personen gestanden, denen dies ein Anliegen war: allen voran Professor Kurt Schubert, der 1956 als erster Präsident den Verein gründete, in dem katholische und evangelische Christen gemeinsam mit Juden gleichberechtigt zusammenfanden.
Von besonderer Bedeutung sei seit 25 Jahren der von den Kirchen immer am 17. Jänner begangene "Tag des Judentums". Für sie persönlich, so Polak, symbolisiere dieser Tag vor allem "den Weg der Kirchen, den spirituellen und theologischen Reichtum des Judentums als Fundament unseres christlichen Glaubens neu und immer tiefer zu entdecken und Kirchen und Glauben zu erneuern".
Nach katholischem Selbstverständnis sei die kontinuierliche Gegenwart von Juden und Judentum in der Katechese und Predigt der Kirche unverzichtbar, "weil der christliche Glaube ohne seine Beziehung zum Judentum in Geschichte und Gegenwart gar nicht angemessen verstanden werden kann". Die christlich-jüdische Begegnung sei deshalb auch pastoral unabdingbar, so die KooA-Präsidentin: "Aus meiner Sicht wird das auch an der Basis dank des Engagements einzelner Pfarren und Personen mehr bewusst. Aber es ist auch noch sehr viel zu tun, den Fachdiskurs in die Gemeinden und Gemeinschaften zu bringen und die Gläubigen für diese Begegnung zu motivieren."
Es brauche Dialog, Bildung und spirituelle Vertiefung: "Der Dialog ist dabei auch ein innerkirchlicher: Es geht darum, aus dem Dialog mit dem Judentum Konsequenzen für alle Bereiche des Glaubens und kirchlichen Lebens - Verkündigung, Liturgie, Caritas - zu ziehen, ohne dabei das Judentum zu vereinnahmen." Die christliche Identität verändere sich dabei, "wird dialogisch, aber sie bleibt selbstverständlich christlich." Zugleich könne man gerade vom und mit dem Judentum lernen, wie man mit unauflösbaren Unterschieden umgeht: "Respekt, Aushalten von Mehrdeutigkeit und Distanz, kein Konsenszwang, Unterschiede als Anregung für Selbstkritik und Lernmöglichkeit erkennen."
Festakt im Wiener Rathaus
Am 19. Oktober lädt der KooA zu einem Festakt ins Wiener Rathaus. Die Veranstaltung steht unter dem Motto: "Hören. Erinnern. Handeln". KooA-Präsidentin Prof. Regina Polak wird dazu als Redner unter anderem Oberrabbiner Jaron Engelmayer, die katholischen Bischöfe Ägidius Zsifkovics und Manfred Scheuer, den armenisch-apostolischen Bischof und Vorsitzenden des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), Tiran Petrosyan, und den reformierten Landessuperintendenten Ralf Stoffers begrüßen.
Vonseiten der Politik werden Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Wiens Bürgermeister Michael Ludwig, Ministerin Claudia Bauer und Staatssekretär Alexander Pröll das Wort ergreifen. Der Koordinierungsausschuss gilt als ältestes Forum des christlich-jüdischen Dialogs in Österreich und bemüht sich seit 70 Jahren um gute Beziehungen zwischen den beiden Religionen.
(Website KooA: www.christenundjuden.org)
Quelle: kathpress