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In einem gemeinsamen "Brief der katholischen Bischöfe der Türkei an alle Katholiken des Landes" rufen die türkischen Bischöfe dazu auf, den Apostel Paulus als beispielhaft für ein bewusstes christliches Leben in Offenheit und Dialogbereitschaft gegenüber einer überwiegend nicht-christlichen Umgebung zu sehen.
Der Brief trägt den Titel "Paulus, Zeuge und Apostel der christlichen Identität". Lesen Sie hier Auszüge des Briefes:
Liebe Brüder und Schwestern,
Gnade und Friede von Gott unserem Vater und von unserem Herrn Jesus Christus. Wir grüßen euch mit demselben Wunsch, den der Apostel Paulus bei der Begrüßung der Christen der Kirche von Rom verwendete.
Wie Sie wissen, kündigte unser Heiliger Vater Benedikt XVI. an, dass die katholische Kirche vom 28. Juni 2008 bis zum 29. Juni 2009 das zweite Jahrtausend seit der Geburt des heiligen Paulus feiern wird.
Das ist ein Ereignis für alle christlichen Gemeinschaften, da Paulus ein Lehrer für alle Jünger Christi ist. Dieser Jahrestag ist aber auch von besonderer Bedeutung für uns, die wir in der Türkei leben. Der Apostel der Heiden ist ein Sohn dieses Landes und hier hat er den Großteil seines Amtes ausgeübt. Hier legte er in weniger als 30 Jahren die meisten der 10.000 Meilen seiner Reisen zurück. Vor allem aber hat er hier auch Feindschaft, tödliche Gefahr, Gefängnis, Schläge und Entbehrungen aller Art erfahren, weil er Jesus Christus und sein Evangelium verkündete.
Nachdem er ein Glied der Kirche von Antiochien wurde, brach er aus dieser Gemeinschaft zu seinen Missionsreisen auf, die ihn die Länge und Breite der heutigen Türkei bereisen ließen: Seleucia, Iconium, Lystra, Derbe, Antiochien in Pisidien, Ephesus, Milet, Antalya, Perge, Troas um nur einige der Orte in der Türkei zur nennen, wohin er als Zeuge Christi ging. Und wir wissen, dass viele andere Orte in unserem Land den Eifer dieses Apostels kennengelernt haben. Wohin er nicht persönlich reisen konnte, sandte er seine Briefe. Der Brief an die Christen von Galatien, der an die Gemeinde von Ephesus, der an die Kolosser, ebenso wie der Brief an den Christen Philemon von Kolossae berichten uns von einer Aktivität, die nicht nur auf eine mündliche Verkündigung beschränkt war, sondern auch schriftliche Ermahnungen einschloss. Paulus tut alles, was in seiner Macht steht, und wird so selbst alles für alle (1 Kor 9,22), damit "Christus verkündet wird" (Phil 1,18). Aus der Stadt Ephesus, wo der Apostel etwa drei Jahre lang lebte, verfasste er die Briefe an die Galater, an die Philipper und den ersten Brief an die Korinther. (...)
In der Apostelgeschichte zeichnet der Evangelist Lukas die Reisen auf, in denen Paulus wiederholt unser Land, die heutige Türkei, bis hin nach Griechenland durchreiste. Es wäre sehr empfehlenswert, wenn jeder von Ihnen diesen Text zur Hand nehmen würde, um die Mühen des Apostels zur Verkündigung des Evangeliums zu betrachten. (...)
"Paulus erinnert uns an unsere Identität"
Liebe Brüder und Schwestern der Türkei! Paulus ist ein Erbe für alle Jünger Christi, besonders für uns, die wir Kinder dieses Landes sind, das seine Geburt gesehen hat, seine unermüdliche Verkündigung Christi und das ihn in so vielen Mühen erlebt hat. Und doch wäre dieser unser zutreffender Stolz unfruchtbar, wenn er nicht in die größere Verpflichtung der Nachfolge umgewandelt wird. Schauen wir auf den Verfolger, der ein Bote des Evangeliums wurde; so werden wir verstehen, dass Gott auch uns umgestalten kann, wenn wir dies wollen. Mit seinem Leben als Christ erinnert uns Paulus daran, dass Gott nichts vollbringen kann, wenn wir nicht mit seiner Gnade mitarbeiten. (...)
Was ist dann heute die Botschaft, die der Apostel uns Christen in der Türkei gibt?
Wir Bischöfe glauben, dass einige Elemente aus der Fundgrube seiner Briefe besonders wertvoll sein könnten für Gemeinschaften, die in der Situation einer religiösen Minderheit leben. Wir sind völlig umgeben von einer muslimischen Welt, in der der Glaube an Gott sehr gegenwärtig ist, sowohl in den traditionellen Ansichten als auch in den Ansichten neuer islamischer religiöser Organisationen. Genau diese Situation, die in einigen Aspekten der Lebensform der ersten Gemeinschaften, die in der Diaspora lebten, gleicht, fordert von uns ein klares Wissen unserer eigenen Identität. Paulus erinnert uns an das grundsätzliche Element unserer christlichen Identität.
Dieses grundsätzliche Element betrifft nicht den Glauben an Gott, den wir gemeinsam mit unseren muslimischen Brüdern und mit so vielen anderen Menschen haben, sondern den Glauben an Jesus als den "Herrn" (1 Kor 12,3), den "Gott von den Toten erweckt hat" (Röm 10,9). Im Brief an die Kolosser schreibt der Apostel auch ausdrücklich, dass "in Christus ... die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt" (Kol 2,9). Der Ausdruck ist eindeutig und erinnert uns daran, dass wir Gott nur durch Christus treffen können. Er ist das Tor und die Brücke zwischen dem Vater und uns. Wir lesen im ersten Brief an Timotheus (Tim 2,5): "Einer ist Gott und einer ist Mittler zwischen Gott und dem Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst als Lösegeld für alle hingegeben hat."
Paulus hat uns all die Schwierigkeiten aufgezeigt, die sich für ihn ergaben, als er Christus, den Gott-Menschen, verkündete, der uns durch seine Menschwerdung und seinen Tod am Kreuz erlöst. Das ist auch heute noch ein wahres, enges Tor, von dem das Evangelium spricht. Das enge Tor besteht weder in der Annahme von Moralvorschriften der Kirche noch im menschlichen Gewicht ihrer Strukturen. Es ist vielmehr der Skandal des Kreuzes, der auch heute Nichtchristen als "Torheit und Ärgernis" erscheint. Aber genau das verkündet uns Paulus als wesentliches und unabdingbares Element des christlichen Glaubens, ja sogar als Ausdruck der Kraft Gottes (1 Kor 1,18). (...)
"Mann des Dialogs"
Und dennoch ist der Apostel, der unsere christliche Identität mit einem Beispiel und seinen Worten bekräftigt, auch ein Mann des Dialogs. Da Paulus es gewohnt war, Menschen verschiedener religiöser Traditionen und ethnischer Gruppen zu treffen, verstand er auch, dass der Geist Christi nicht nur in der Kirche anwesend ist, sondern ihr vorausgeht und auch außerhalb von ihr wirkt. Das bestätigte er in Athen: "Er hat aus einem einzigen Menschen das ganze Menschengeschlecht erschaffen, damit es die ganze Erde bewohne. ... Sie sollten Gott suchen, ob sie ihn ertasten und finden könnten; denn keinem von uns ist er fern." (Apg 17,26-27).
Auf dieser Ebene sind wir eingeladen, unseren Dialog mit der muslimischen Welt zu vertiefen: Dialog des Lebens, wo wir miteinander leben und unser Leben teilen; Dialog des Handelns, wo Christen und Muslime zusammen arbeiten "im Hinblick auf die integrale Entwicklung und Befreiung der Menschen"; Dialog der religiösen Erfahrung, wo wir miteinander unseren spirituellen Reichtum teilen, zum Beispiel "im Hinblick auf Gebet und Meditation, Glauben und die Wege, nach Gott dem Unendlichen zu suchen" (Päpstlicher Rat für den Interreligiösen Dialog, Dialog und Verkündigung, 19. Mai 1991, 42). Letztendlich gibt es auch den Dialog des theologischen Austauschs, in dem Spezialisten sich bemühen, das Erbe des jeweils anderen religiösen Glaubens zu verstehen und die gegenseitigen spirituellen Werte hoch zu schätzen.
Dieser Dialog bedeutet nicht, dass wir unsere eigenen religiösen Überzeugungen zur Seite schieben. Dialog geschieht nur dann wirklich, wenn wir selbst bleiben und unsere eigenes Glaubensidentität intakt halten und auch nie aus irgendeinem Grund verschweigen, so schwer zu verstehen das für einen sein mag, der nicht Christ ist. (...)
Gemeinsamkeiten überragen die Unterschiede
Wenn in diesem Zusammentreffen mit der nicht-christlichen Welt der Apostel unser Lehrer ist, ist er auch Lehrer und Quell der Einheit für die Beziehungen zwischen den verschiedenen christlichen Gemeinschaften. Wie uns Benedikt XVI. bei seinem Aufruf zum Paulusjahr erinnert, "tat der Apostel der Nationen, der sich besonders verpflichtet fühlte, die Frohe Botschaft allen Völkern zu bringen, absolut alles, was in seiner Macht stand, für die Einheit und den Frieden unter allen Christen ...".
Er lädt auch heute uns alle ein, unseren Blick auf Christus zu richten, nicht nur möglichen Widerstand zu überwinden, sondern auch das Desinteresse zu überwinden für jene, die nicht zu unserer Kirche gehören. Der Apostel, der die Schwierigkeit der Verkündigung des Evangeliums, sogar von Seiten seiner Glaubensbrüder, erfuhr, erinnert uns, dass nur eines zählt, nämlich dass Christus "verkündigt wird" (Phil 1,18).
Er erinnert uns aber auch an unsere gemeinsame Verantwortung bezüglich all jener, die nicht Christen sind. Bevor wir Katholiken, Orthodoxe, Syrer, Armenier, Chaldäer, Protestanten sind, sind wir alle Christen. Unsere Pflicht zum Zeugnis geben ist auf dieser Grundlage begründet. Erlauben wir unseren Unterschieden nicht, Scheu voreinander zum Schaden der Einheit des Glaubens aufzubauen. Lassen wir auch nicht zu, dass ein Nichtchrist wegen unserer Spaltungen von Christus ferngehalten wird.
Als Tertullian über die Christen sprach, gewann er die Bewunderung einiger Heiden durch diese einfachen Worte: "Seht wie sie einander lieben" (Apologia 39). Kann die muslimische Welt um uns herum das von uns heute sagen? Sie werden es tun, wenn wir unser Wissen, dass wir "in einem Geiste auch alle zu einem Leibe getauft worden sind" (l Kor 12,13) in konkrete Taten umsetzen. Die Existenz dieser Grundlage kann auch bei aller Verschiedenheit von lokalen Organisationen und bei allen Unterschiedlichkeiten von theologischen lehrmäßigen Sprachweisen nicht in Frage gestellt werden.
Alle christlichen Gemeinschaften stehen von ihrer Grundlage her gemeinsam auf der "Grundmauer der Apostel und Propheten" und versammeln alle Mitglieder und Gruppen in einem Bauwerk, dessen Eckstein und Schlüssel das Antlitz Christi ist (Eph 2,20).
Aufruf zur Wiederentdeckung des paulinischen Erbes
Liebe Brüder und Schwestern, was wir hier geschrieben haben, ist wenig, verglichen mit der Fülle der Vorschläge und Räte, die wir aus den Briefen den Paulus aufgreifen können. Geschichtlich gesehen waren seine Briefe immer ein Anstoß wie auch eine Gewissenserforschung, wie man ein Christ sein sollte. Gegen die immer wieder auftretenden Versuche, den christlichen Glauben zu einem religiösen Phänomen zu erklären, das keine Bekehrung fordert, steht uns Paulus immer vor Augen und ermahnt uns, dass "wir nicht als Christen geboren werden, sondern zu Christen werden".
Und daher rufen wir Sie in Vorbereitung auf das Paulusjahr auf, seine Briefe persönlich zu lesen, Ihr Studium in unseren Pfarren zu vertiefen und ökumenische Initiativen zu pflegen. Von unserer Seite laden wir Sie ein, als Pilger die paulinischen Gedächtnisstätten zu besuchen, die wir in unserem Land aufweisen dürfen: Tarsus, Antiochien, Ephesus.
Die offizielle Eröffnung des Paulusjahres wird in Tarsus am Nachmittag des 21. Juni 2008 stattfinden und am 22. Juni wird eine Eucharistiefeier von seiner Eminenz Kardinal Walter Kasper geleitet werden, der als Vertreter des Heiligen Vaters kommt. Nach dieser feierlichen Eröffnung wird vom 22. bis 24. Juni ein Symposion über den Apostel in Tarsus/Iskenderun stattfinden.
Als katholische Kirche der Türkei werden wir eine nationale Pilgerfahrt nach Tarsus und Antiochien planen. Weitere Initiativen, über die wir gemeinsam mit unseren orthodoxen und protestantischen Brüdern nachdenken, werden Ihnen in den nächsten paar Monaten vorgestellt werden.
Liebe Brüder und Schwestern, stärken wir uns in der Gewissheit, dass wir mit einem Nähergehen auf Paulus auch näher zu Christus kommen. Möge der Glaube des Apostels an den auferstandenen Christus, seine Hoffnung gegen alle menschliche Hoffnung, seine Liebe, in der er allen alles wurde, für uns ein Maßstab sein für unser Christsein in diesem geliebten Land der Türkei.
Möge der Herr euch segnen.
Luigi Padovese, Apostolischer Vikar von Anatolien, Vorsitzender der Türkischen Bischofskonferenz (CET)
George Khazoum, Weihbischof der Armenischen Katholiken der Türkei, Vizevorsitzender der Türkischen Bischofskonferenz
Hovhannes Tcholakian, Erzbischof der armenischen Katholiken der Türkei
Ruggero Franceschini, Erzbischof und Metropolit von Izmir
Louis Pelatre, Apostolischer Vikar von Istanbul und Ankara
Chorbischof Yusuf Sag, Patriarchal-Vikar der Syro-Katholiken der Türkei
Francois Yakan, Patriarchal-Vikar der Chaldäer der Türkei






